«Ich wollte es später besser machen»

Julie Schulhofer
Lehrtochter Melisa Leshi (Mitte) mit Larissa Glauser und Igor Schneider.

Foto: JS

Einfach erklärt
Larissa Glauser wollte Ausbildnerin werden. Sie hatte selbst keine ideale Begleitung in der Lehre. Heute hilft sie Lernenden bei Tilia. Sie begleitet sie eng und freut sich über ihre Erfolge.
Wenn Larissa Glauser morgens den Rapport der Nachtschicht öffnet, weiss sie nie, was sie erwartet. Seit fast zehn Jahren arbeitet sie bei der tilia Stiftung, seit mehreren Jahren bildet sie zusätzlich junge Menschen aus. Freude daran, die nächste Generation zu fördern, verlässliches Teamwork und eine grosse Portion Flexibilität prägen ihren Berufsalltag.

Tilia betreibt in der Region Bern fünf Standorte, die sich auf komplexe Pflege und Betreuung spezialisiert haben. Die Bewohnerinnen und Bewohner können ab dem Alter von 18 Jahren in das Heim einziehen. Betroffene werden oft direkt aus dem Spital überwiesen. Für viele startet der erste Kontakt als Ferienaufenthalt, der ein bis zwei Monate dauert. Manche kehren danach nach Hause zurück, andere bleiben langfristig. Die Krankheitsbilder seien oft komplex und erforderten viel Aufmerksamkeit. Die tilia Stiftung sei wirklich ein Pflegeheim für alle und nicht bloss ein Altersheim, sagt Glauser. An allen Einrichtungen arbeiten neben dem Pflegepersonal auch Fachärztinnen und Fachärzte, die auf unterschiedliche Krankheitsbilder spezialisiert sind, sowie weitere Fachexpertinnen und Fachexperten. Zudem engagieren sich Freiwillige, die für das Personal eine unverzichtbare Unterstützung darstellen, da sie viele kleine Arbeiten abnehmen können. Etwas, das im Beruf FaGe häufig unterschätzt wird, ist die Arbeit mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Es besser machen wollen

Glauser arbeitet am Standort Ittigen. Sie ist ausgebildete Fachfrau Hauswirtschaft, hat aber ihre wahre Berufung in der Pflege gefunden. Nach ihrer Grundbildung wechselte sie in die dreijährige Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit. Ihr Ausbildungsplatz war in Grosshöchstetten. Kurz nach dem Abschluss im Jahr 2017 fand sie ihre Stelle bei tilia und blieb. Zwei Jahre später absolvierte sie den Berufsbildnerkurs. Die Motivation dafür war persönlich: «Ich hatte selbst keine sehr engagierte Berufsbildnerin. Ich wusste, dass ich es später besser machen will.» Heute betreut sie jeweils drei Lernende am Standort. «Es ist schön und motivierend, mit jungen Menschen zu arbeiten», sagt sie. Man bleibe selbst auf dem neuesten Stand, wie sich die Ausbildung verändert und welche Herausforderungen die Auszubildenden beschäftigen.

Eins-zu-eins-Betreuung

Seit diesem Jahr begleiten die Berufsbildungsleute ihre Lernenden eng. Im ersten Ausbildungsjahr beobachten die Nachwuchskräfte vor allem und laufen mit, bevor sie selbst Patientinnen und Patienten pflegen. Sie werden selten alleine gelassen, damit man auf jeden Fall reagieren kann. Denn kein Tag gleicht dem anderen. Zwar arbeiten die Pflegefachleute mit festen Abläufen, doch am Morgen wissen sie nie, was in der Nacht passiert ist und ob sie auf einen ruhigen Dienst treffen oder auf Situationen, die alles durcheinanderbringen. Der Tag beginnt für sie und die Lernenden um sieben Uhr. Nach dem Rapport verteilt die Tagesverantwortliche die Aufgaben. Einmal pro Woche hat Glauser einen Tag im Büro mit den Jugendlichen, an dem sie hauptsächlich administrative Arbeiten am Computer verrichten. Die drei Auszubildenden, die sie betreut, befinden sich in unterschiedlichen Lehrjahren. Am Standort Ittigen sind es jeweils sechs Lernende, die in die Pflege einsteigen. Die tilia Stiftung beschäftigt rund 90 Studierende und Lernende über alle Standorte und Berufsgruppen hinweg.

Herausforderungen und Erfolge

Die grösste Schwierigkeit sieht Glauser nicht bei den Jugendlichen selbst, sondern im Umfeld. Die jungen Menschen seien anders als noch vor ein paar Jahren, und das erfordere Anpassungen von allen Seiten. «Die Zeiten ändern sich und wir müssen uns auch an die Jugendlichen anpassen. Manchmal wird ihnen zu wenig Verständnis entgegengebracht. Sie machen Fehler, weil sie noch lernen», findet Glauser. Da wünscht sie sich mehr Kulanz. Aber das komme nicht so oft vor. Was sie hingegen nie als selbstverständlich empfindet, ist die Dankbarkeit der Angehörigen. Oft bedanken sich Familien für die Betreuung ihrer Liebsten. Manchmal sogar mit kleinen Geschenken. Auch zu sehen, wie sich die Jugendlichen unter ihrer Obhut vom ersten bis ins dritte Lehrjahr entwickeln, sei für sie ein grosser Lohn. Besonders stolz ist sie, wenn einer ihrer Lernenden die Lehre besser abschliesst als erwartet. Das habe sie schon oft erlebt. «Man zweifelt nicht an ihnen und man gibt alles, damit sie die Lehre packen.» Die Belastung im Beruf sei hoch, umso wichtiger sei ein gesunder Ausgleich ausserhalb der Arbeit. Für sie ist klar, dass gute Pflege dort entsteht, wo Menschen einander tragen. Im Team und in der Ausbildung.

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