Als 2025 die «Bärnchampions» feststanden, nahm man erstmals so richtig Notiz davon, dass Fabian Staudenmann in der Stadt Bern wohnt. In diesem Jahr dürfte die Jury fast nicht darum herumkommen, den Schwinger erneut zu ehren.
Vier Festsiege
Zwar steht der Saisonhöhepunkt noch bevor, aber schon jetzt füllt der 26-Jährige wieder die Geschichtsbücher des Schwingsports. Im Frühjahr gewinnt er in dominierender Art und Weise das Seeländische Schwingfest. Just in einem Moment, in dem einige meinten, Staudenmann wirke nicht mehr so explosiv wie auch schon. Pustekuchen oder wie er es selbst sagt: «Es hatte noch nicht alles zusammengepasst.» Doch der Druck ist für einen wie ihn immer hoch. Er selbst sieht dies aber als Ansporn: «Die Erwartungshaltung der Leute ist eine coole Sache. Denn sie entsteht ja nicht durch schlechte Resultate in der Vergangenheit.» Ja, mit Druck umgehen kann er. Schon viele Tage vor dem Bernisch Kantonalen Schwingfest im Wankdorf stand er im Fokus. 27’000 Menschen im Stadion rufen während des Schlussgangs «Fäbu, Fäbu, Fäbu» – und tragen ihn zum Festsieg. Wo es anderen mulmig wird, spornt es Staudenmann an. «Normalerweise nehme ich Solches nicht so wahr, aber im Wankdorf habe ich das mitbekommen.» Dieses Schwingfest wird das grös-ste dieser Saison sein, was die Anzahl der Besucherinnen und Besucher angeht. Für den Stadtberner eine Art Heimsieg. Und er sieht in diesem Schwingfest im Fussballstadion mitten in der Stadt noch einen weiteren Vorteil: «Die Kulisse war riesig, man hat ein Publikum erreicht, das vielleicht noch nicht seit Generationen mit dem Schwing-sport verbunden ist.» Mit diesem Karriere-Highlight im blauen – an seinem Rücken so nichtig und klein wirkenden – Turnsäcklein geht es an die von ihm besonders geliebten Bergfeste. Er gewinnt das Rigi-Schwinget und wenig später das Brünig-Schwinget. Und spätestens jetzt sind alle Unkenrufe verstummt, die anfangs der Saison einen schwächeren Staudenmann vermutet hatten. Das Gegenteil ist eingetreten. Wenn es zählt, ist Staudenmann bereit.
«Technisch perfekt»
Am Brünig-Schwinget muss sich der 1,91-Meter-Grosse den Sieg mit Mathieu Burger, Werner Schlegel und Schwingerkönig Armon Orlik teilen. Ein versöhnlicher Abschluss für ein Fest, in dem der Nordostschweizer Werner Schlegel für viel Zündstoff sorgte. Die Kampfrichter geben ein Resultat, das zumindest sehr knapp gewesen sein musste. So gar nicht, wie es sich für den Schwingsport gehört, reklamiert der Ostschweizer und verweigert den obligatorischen Handschlag des Gegners. Eine Situation, die Schlegel als den anderen grossen Dominator der Saison 2026 in ein etwas anderes Licht rückt als Staudenmann. Im vergangenen Jahr verpasste Staudenmann als Mitfavorit den Schlussgang in Mollis nicht zuletzt aufgrund eines Kampfrichterentscheids im 7. Gang bei seinem Sieg gegen Domenic Schneider. Ja, er war enttäuscht und hat dies kundgetan. Aber man sah ihn weder am Richtertisch diskutieren, noch hätte er die Spielregeln des Schwingsports nicht beachtet. Vorbildlich kehrt er in sich und verarbeitet das Geschehene. Ganz ähnlich wie König Orlik, der im Wankdorf einen rabenschwarzen Tag erwischt, es mit akzeptiert und keine Ausreden sucht. Genau das macht grosse Schwinger aus. Sie sind Vorbilder und Repräsentanten eines ganzen Sports. Und Staudenmann vielleicht fast noch ein wenig mehr: «Fünf Tage dauerte es, dann hatte ich das Eidgenössische Schwingfest in Mollis unglaublich gut verarbeitet. Wenn mich noch Leute darauf ansprachen, hatte ich manchmal das Gefühl, ich müsste fast denen vis-à-vis helfen, dies zu verarbeiten», sagt er in einem Interview in der Schweizer Illustrierten schmunzelnd. Was genauso zu seinem Erfolg zählt, nebst seiner mentalen Einstellung, sind seine Fähigkeiten. Schwinger können kraftvoll oder schnell sein. Spitzenschwinger sind beides. Und Staudenmann ist noch dazu variantenreich. In dieser Saison sogar noch ein wenig mehr. SRF-Schwingexperte und ehemaliger Schwingerkönig Mathias Sempach lässt sich am Brünig dazu verleiten, dass er sagt, Staudenmann sei «technisch perfekt».
Wieso gerade Bern?
Doch wie kommt es, dass der Guggisberger aus dem Schwingklub Schwarzenburg seit geraumer Zeit ein Städter ist – auch wenn man ihm ansähe, dass er vom Land komme, wie einige Stadtberner meinen? «Schleichend», erklärt er. Er beginnt nach der Berufsmatura zu studieren, wird Wochenaufenthalter, zügelt das Training nach Bern und immer mehr findet sein ganzes Leben in der Stadt Bern statt. Er wechselt auf diese Saison hin die Studienrichtung, um dem Sport den benötigten Platz einzuräumen. Mathematik ade, nun heisst sie «Volkswirtschaft». Die Medien thematisieren dies in grossen Lettern, auch dass er damit hadert. Schade, denn die Thematik im Generellen wäre das Spannende. Es gibt ein halbes Dutzend Schwinger, die zur absoluten Spitze der Schweiz gehören. Sie alle üben ihren Beruf gar nicht oder nur sehr reduziert aus. Der Schwingsport verändert sich. Ohne diesen Schritt wird es immer schwieriger, ganz vorne bestehen zu können. Doch so offen kommunizieren das längst nicht alle. Aus-ser – Staudenmann eben. Nostalgiker mögen dies bedauern, doch der Sport ist athletischer geworden. Wo einst noch einige Gutbeleibte sich die Hand reichten, werden heute kugelförmige Körper wie jener von Domenic Schneider die Ausnahme. Gestählte und grossgewachsene Männer dominieren. Eine Entwicklung, die seit dem Königstitel von Kilian Wenger so richtig begonnen hat. Und damit landet man wieder in der Stadt Bern. Die Trainings eines Fabian Staudenmann finden nicht nur im Schwingkeller statt, sondern genauso oft und hart im Kraftraum und in Athletiksequenzen. Da ist man in einer grossen Stadt natürlich bestens situiert und kann mit nur wenigen Pedalschüben auf dem Velo vom Studium in den Spitzensport treten. Das wissen auch andere Schwinger des Schwingklubs Schwarzenburg. Nicolas Zimmermann arbeitet in Köniz als Fitnesstrainer, Lukas Renfer wohnt ebenfalls in Köniz.
Der heimliche König
Im Schwingsport ist man heimatverbunden: Erst kommt der Klub, dann die Region, dann der Kanton. Man trägt verschiedene Brillen. Den Guggisbergern ist es egal, ob ihr Superschwinger in Bern lebt oder noch neben dem Restaurant Sternen haust. Er ist und bleibt ein Guggisberger, der seine noch hakeligen ersten Versuche im Sägemehl im Schwingklub Schwarzenburg bestritt und sich dann Schritt für Schritt mit harter Arbeit nach vorne kämpfte. Das Fancap oder ein Fanshirt mit dem Eichenblatt oder dem Stier sieht man im Gantrischgebiet überall. In der Stadt Bern dominiert gelb-schwarz vielleicht noch ein wenig mehr. Deshalb ist es wichtig, einmal den nicht gelben Leuchtstift aus der Schublade zu kramen und den Namen Fabian Staudenmann im städtischen Kontext zu markieren. Denn er ist nicht nur ein guter Schwinger, er ist vielleicht sogar so etwas wie der Roger Federer des Schwingsports. Ein Vorbild, ein technisch brillanter Kämpfer mit einer herausragenden Athletik und Kraft. Deshalb reiht er einzigartige Erfolge und Siege aneinander. Als erst zweiter Schwinger, seit es diesen Sport gibt, gewinnt er alle Bergkranzfeste. Er gewinnt das Jubiläumsschwinget Appenzell, hat den Saisonabschluss der besten 60 Schwinger am Kilchberg schon gewonnen, stand schon mehrmals an der Spitze der Jahrespunktewertung und gewinnt nun das Stadion-Schwingfest im Wankdorf. Er sammelt die Rekorde und siegt an den speziellen Festen. Was noch fehlt, sind der Königstitel und der Sieg beim nur alle drei Jahre stattfindenden Unspunnenfest. Doch man darf es auch ein wenig anders sehen: Staudenmann hat wohl das beeindruckendste und konstanteste Leistungsrenommee aller Schwinger. Königstitel hin oder her. Gut möglich, dass sich am Eidgenössischen Schwingfest 2028 in Thun genauso viele wünschen werden, dass er König wird, wie damals 2019, als Christian Stucki die Krone aufgesetzt bekam.
Am 5. September steht für den Vierfach-Festsieger dieser Saison, Fabian Staudenmann, der Schlusspunkt an. Das Kilchberger-Schwinget. Die 60 besten Schwinger des Landes kämpfen um den grössten Titel der Saison. Staudenmann gehört zu den Topfavoriten. Wieder sind sie da, der Druck und die Erwartungen. Und die stärksten Gegner, die er reihenweise serviert bekommt. Doch wer Staudenmann kennt, der weiss, das wird ihn nicht etwa hemmen, sondern noch zusätzlich anspornen, auch wenn er nicht mit dem Velo ans Kilchberg-Schwinget radeln kann.