Durchmischung als Chance

Tabea Kryemadhi
Szabolcs Mihàlyi (SP) und Brigitte Schletti.

Foto: TK

Einfach erklärt
In Bern West gibt es einige Herausforderungen und gleichzeitig auch viele Chancen für die Bevölkerung.
Die Stadt Bern hat ein neues Monitoring zur sozialräumlichen Stadtentwicklung veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass Berns Westen weiterhin mit besonderen sozialen Herausforderungen konfrontiert ist. In mehreren Indikatoren weist das Gebiet überdurchschnittliche Werte auf. Neben einer vielfältigen demografischen Zusammensetzung mit einem hohen Anteil ausländischer Wohnbevölkerung liegen auch die Sozialhilfe- und Ergänzungsleistungsquoten im stadtweiten Vergleich auf einem hohen Niveau (Bümpliz-Wochen Januar). Szabolcs Mihàlyi (SP), Stadtrat, und Brigitte Schletti, Mitarbeiterin der Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG), ordnen die Ergebnisse ein.

Dass Bethlehem einen hohen Anteil an ausländischer Wohnbevölkerung aufweist, erstaunt Szabolcs Mihàlyi nicht. «Bethlehem war schon immer ein Migrationsquartier», so der Stadtrat. Die ersten Familien, die in dieses Quartier zogen, waren bereits Zugezogene: Sogenannte «Saisonniers», aber auch Familien aus dem Oberland, die arbeitsbedingt nach Bern zogen und im Westen eine neue Bleibe fanden. Trotzdem, so findet Mihàlyi, hat Bethlehem auch einen gewissen Dorfcharakter. Wer hier einmal sesshaft wird, der bleibt auch und zieht vielleicht sogar selbst wieder Kinder hier gross. Auch er ist in Bethlehem aufgewachsen und nach Aufenthalten in anderen Teilen der Schweiz und der Welt wieder an diesen Ort zurückgekehrt.

Bauplanerische Vorteile 

Dass sich Mihàlyi in diesem Quartier heimisch und wohl fühlt, das merkt man schnell, wenn man mit ihm spricht. Ohne zu zögern hebt er die Vorteile dieser Region hervor: Das Quartier hat, im Vergleich zu anderen, kein Schulraumproblem – bis jetzt gibt es genügend Schulraum für die vielen Kinder. Ebenfalls sind etliche Wohnungen rollstuhlgängig, weil beim Bau einzelner Siedlungen bereits daran gedacht wurde. Schaut man beispielsweise den Hohlenacker an, dann sieht man ein autofreies Quartier: Die Einstellhallen befinden sich am Eingang zur Siedlung, in der Mitte gibt es genügend Wiesen und Raum zum Spielen sowie Verweilen. Etwas, wovon Quartiere wie der Breitenrain oder die Länggasse nur träumen können. 

Ein bisschen mehr Verständnis

«Das Problem dieser Region ist nicht die Migration, sondern, dass viele einen bildungsfernen Hintergrund haben», so Mihàlyi, der lange in der Schulkommission war. Viele Kinder könnten nicht auf die Hilfe der Eltern beim Erlernen des Schulstoffs zählen und oft sind solche Familien auf Sozialhilfeergänzungen angewiesen. «Schon 50 Franken kann einer solchen Familie weh tun», so Mihàlyi. Extrageld für ein Lager oder eine ausserschulische Aktivität ist schlicht nicht vorhanden. Schülerinnen und Schüler aus dieser Region hätten es deshalb nach wie  vor schwerer, ans Gymnasium zu kommen. Manchmal würde der Stadtrat sich von seinen Politik-Kolleginnen und -Kollegen bei diesem Punkt ein bisschen mehr Verständnis wünschen. Vielleicht würde dann auch gezielter Geld oder Ressourcen für den Westen Berns gesprochen werden.

Die Schweiz von heute

Dass Bern West ein lebenswerter Ort ist, darüber ist sich auch Brigitte Schletti von der VBG sicher. In diesen Quartieren gebe es viele Institutionen und Vereine, die sich engagieren und den Wohnraum dadurch attraktiv machen. Besonders begeistern Schletti all die verschiedenen Initiativen, um Nachbarschaft zu leben – wie etwa der riesige Znacht-Tisch im Tscharnergut zum Tag der Nachbarschaft oder der neu gegründete Quartierverein im Kleefeld. «In diesen Quartieren sieht man, wie die Schweiz von Heute aussieht und wie ein Zusammenleben funktioniert», schwärmt die Quartierarbeiterin. Die Teilhabe an der Gesellschaft ist aber auch eine Herausforderung für die Arbeit der VBG in Berns Westen. Wie kann Partizipation gefördert werden, wenn über die Hälfte der Bevölkerung kein Stimmrecht besitzt? Wie kann sie mitreden und teilhaben? Das sind Fragen, die Schletti und ihre Kolleginnen und Kollegen beschäftigen. Sie ist überzeugt, dass die Durchmischung, die in den Quartieren zum Teil auf natürliche Weise bereits passiert, ein Schlüssel zur Partizipation ist.

Die grosse Stärke

Die Durchmischung. Davon spricht auch Szabolcs Mihàlyi oft. Vielleicht ist dies gerade die Chance der Region Bern West: Hier trifft im Café Alt auf Jung, in der Schule sind Schülerinnen und Schüler aus Einfamilienhäusern und Hochhäusern vertreten, mit Kindern aus sozial schwächeren und stärkeren Familien. Die «Bio-Schweizer» gehen im türkischen Lebensmittelladen um die Ecke einkaufen, die Schweizer Discounter haben Peperoni aus Osteuropa im Angebot. Um diese Durchmischung muss man sich aber auch immer wieder bemühen, ihr Sorge tragen und genügend Ressourcen dafür zur Verfügung stellen – darin sind sich Szabolcs und Schletti einig. Damit Bümpliz und Bethlehem auch in Zukunft Orte bleiben, an die man gerne zurückkehrt.

GEKENNZEICHNET:
Teile diesen Artikel

Neue Beiträge

Schweizer Weltklasse in Bümpliz

Das international gefeierte Galatea Quartett eröffnet die diesjährige Schlosskonzertreihe mit einem Programm, das drei Jahrhunderte Musikgeschichte spannt. Neben Klassikern von Joseph Haydn und Franz Schubert stehen zeitgenössische Werke der US-Komponistinnen…

1 Min. zum Lesen

Blitzschnell vor dem Tor

Die Eishockeyspielerin Lenni Kozuh ist mit den SCB Frauen Vize-Schweizermeisterin geworden. Die…

5 Min. zum Lesen

Auf die Rasenplätze, fertig, los

Im Regionalfussball geht die Saison wieder los. Bei den Herren muss Aufsteiger…

2 Min. zum Lesen

Breitensport am Puls der Zeit

Wenn im Turn- und Sportverein Frauenkappelen geturnt wird, geht es um mehr…

5 Min. zum Lesen

Ein leuchtendes Hochhaus

Der dumpfe Knall wäre vermutlich deutlich zu hören gewesen. «Vermutlich» deshalb, weil…

5 Min. zum Lesen