Dass Bethlehem einen hohen Anteil an ausländischer Wohnbevölkerung aufweist, erstaunt Szabolcs Mihàlyi nicht. «Bethlehem war schon immer ein Migrationsquartier», so der Stadtrat. Die ersten Familien, die in dieses Quartier zogen, waren bereits Zugezogene: Sogenannte «Saisonniers», aber auch Familien aus dem Oberland, die arbeitsbedingt nach Bern zogen und im Westen eine neue Bleibe fanden. Trotzdem, so findet Mihàlyi, hat Bethlehem auch einen gewissen Dorfcharakter. Wer hier einmal sesshaft wird, der bleibt auch und zieht vielleicht sogar selbst wieder Kinder hier gross. Auch er ist in Bethlehem aufgewachsen und nach Aufenthalten in anderen Teilen der Schweiz und der Welt wieder an diesen Ort zurückgekehrt.
Bauplanerische Vorteile
Dass sich Mihàlyi in diesem Quartier heimisch und wohl fühlt, das merkt man schnell, wenn man mit ihm spricht. Ohne zu zögern hebt er die Vorteile dieser Region hervor: Das Quartier hat, im Vergleich zu anderen, kein Schulraumproblem – bis jetzt gibt es genügend Schulraum für die vielen Kinder. Ebenfalls sind etliche Wohnungen rollstuhlgängig, weil beim Bau einzelner Siedlungen bereits daran gedacht wurde. Schaut man beispielsweise den Hohlenacker an, dann sieht man ein autofreies Quartier: Die Einstellhallen befinden sich am Eingang zur Siedlung, in der Mitte gibt es genügend Wiesen und Raum zum Spielen sowie Verweilen. Etwas, wovon Quartiere wie der Breitenrain oder die Länggasse nur träumen können.
Ein bisschen mehr Verständnis
«Das Problem dieser Region ist nicht die Migration, sondern, dass viele einen bildungsfernen Hintergrund haben», so Mihàlyi, der lange in der Schulkommission war. Viele Kinder könnten nicht auf die Hilfe der Eltern beim Erlernen des Schulstoffs zählen und oft sind solche Familien auf Sozialhilfeergänzungen angewiesen. «Schon 50 Franken kann einer solchen Familie weh tun», so Mihàlyi. Extrageld für ein Lager oder eine ausserschulische Aktivität ist schlicht nicht vorhanden. Schülerinnen und Schüler aus dieser Region hätten es deshalb nach wie vor schwerer, ans Gymnasium zu kommen. Manchmal würde der Stadtrat sich von seinen Politik-Kolleginnen und -Kollegen bei diesem Punkt ein bisschen mehr Verständnis wünschen. Vielleicht würde dann auch gezielter Geld oder Ressourcen für den Westen Berns gesprochen werden.
Die Schweiz von heute
Dass Bern West ein lebenswerter Ort ist, darüber ist sich auch Brigitte Schletti von der VBG sicher. In diesen Quartieren gebe es viele Institutionen und Vereine, die sich engagieren und den Wohnraum dadurch attraktiv machen. Besonders begeistern Schletti all die verschiedenen Initiativen, um Nachbarschaft zu leben – wie etwa der riesige Znacht-Tisch im Tscharnergut zum Tag der Nachbarschaft oder der neu gegründete Quartierverein im Kleefeld. «In diesen Quartieren sieht man, wie die Schweiz von Heute aussieht und wie ein Zusammenleben funktioniert», schwärmt die Quartierarbeiterin. Die Teilhabe an der Gesellschaft ist aber auch eine Herausforderung für die Arbeit der VBG in Berns Westen. Wie kann Partizipation gefördert werden, wenn über die Hälfte der Bevölkerung kein Stimmrecht besitzt? Wie kann sie mitreden und teilhaben? Das sind Fragen, die Schletti und ihre Kolleginnen und Kollegen beschäftigen. Sie ist überzeugt, dass die Durchmischung, die in den Quartieren zum Teil auf natürliche Weise bereits passiert, ein Schlüssel zur Partizipation ist.
Die grosse Stärke
Die Durchmischung. Davon spricht auch Szabolcs Mihàlyi oft. Vielleicht ist dies gerade die Chance der Region Bern West: Hier trifft im Café Alt auf Jung, in der Schule sind Schülerinnen und Schüler aus Einfamilienhäusern und Hochhäusern vertreten, mit Kindern aus sozial schwächeren und stärkeren Familien. Die «Bio-Schweizer» gehen im türkischen Lebensmittelladen um die Ecke einkaufen, die Schweizer Discounter haben Peperoni aus Osteuropa im Angebot. Um diese Durchmischung muss man sich aber auch immer wieder bemühen, ihr Sorge tragen und genügend Ressourcen dafür zur Verfügung stellen – darin sind sich Szabolcs und Schletti einig. Damit Bümpliz und Bethlehem auch in Zukunft Orte bleiben, an die man gerne zurückkehrt.