«Es gibt Themen, in denen wir uns einig sind», meint Thomas Fuchs (SVP). «Nur nicht so viele», scherzt Meret Schindler (SP). Die beiden lachen kurz, krempeln aber wenig später die Ärmel hoch und stürzen sich mitten in jene Themen, welche der Kanton behandelt und für den Stadtteil VI von Bedeutung sind.
Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen
Der Kanton hat das Gebiet rund um Weyermannshaus West, Ost und das ewb-Areal zu einem Schwerpunkt in Sachen Entwicklung erklärt. Betroffen ist dabei vornehmlich der Stadtteil VI. Was ist dieses 3-Mrd.-Franken-Projekt nun: Chance oder Risiko?
«Es sollen gemischte Zonen entstehen, mit Wohnungen, Gewerbe und Sozialräumen für die dort ansässige Bevölkerung. Ich hoffe einfach, dass man nicht aus Spargründen plötzlich Wichtiges wegstreicht», meint Schindler. Fuchs hört zu und greift jenes Wort auf, das im Moment zum grossen Thema avanciert ist: das Gewerbe.
«Es ist auch der letzte Ort auf Stadtberner Boden, wo sich das Gewerbe entwickeln kann, was mit Blick auf die gute Verkehrsanbindung sehr sinnvoll ist. Historisch gesehen ist das Gewerbe hier gewachsen, mit vielen Traditionsfirmen wie etwa der K. Dysli AG. Doch auf diese nimmt die Stadt Bern null Rücksicht. Sie spricht zwar von neuen Gewerbemöglichkeiten auf diesem Areal, aber mit Verlaub: Ein Raucherstäbli-Seminar ist kein Gewerbe.»
Was Fuchs damit meint, ist die Problematik, dass produzierende Firmen weichen müssen und nur noch leisere Angebote zulässig sind. Eine Art Mogelpackung also? Schindler differenziert: «Ja, es ist richtig, es wird eine Veränderung geben, wer dort produzieren kann und wer nicht. Ich bin aber der Meinung, dass die Stadt diesen Firmen Raum geben muss, wo produziert werden kann.» Nur ob das die Stadt tut und wo das sein könnte, vermag im Moment niemand zu sagen.
Fuchs setzt derweil zum nächsten Problem an: «Es hat schon schlecht begonnen mit dem Galenica-Parkplatz, der nun zum teuersten Spielplatz werden soll. Und bei der Badi Weyermannshaus soll es nicht einmal mehr Parkplätze geben. Ich habe den Eindruck, das Ganze ist weit weg von einer optimalen Lösung, und das Gewerbe wird der grosse Verlierer sein.» Schindler nickt, gewichtet aber etwas anders: «Es soll auch mehr Raum für die Bevölkerung geben, mehr Wohnraum. Da besteht ein grosses Bedürfnis.»
Teuer, teurer, wohnen
«In Bern zu wohnen ist teilweise fast unerschwinglich geworden», streicht die SP-Politikerin heraus. Sie erntet beim SVP-Grossrat nickende Zustimmung. Der Immobilienbesitzer weiss auch weshalb: «Bauen ist teuer, der Boden in Bern sowieso. Wenn man dann aber, wie etwa beim Schulhaus Kleefeld, nicht einmal die Höhe ausnutzt als Stadt Bern, dann ist das schon fast grobfahrlässig.»
Auch hier herrscht zwischen Schindler und Fuchs wenig später Einigkeit, als es darum geht, dass man neben dem Gäbelbach die Überbauung von Brünnen mit fünf Stockwerken beendet hat. «Die Stadtpolitik geht für mich hier nicht auf», resümiert Fuchs. Schindler hingegen jongliert mit den Möglichkeiten: «Man muss die richtigen Leute für die richtigen Wohnungen finden. Es gibt Zuziehende und Wegziehende, es entsteht eine Sogwirkung.»
Neubau sei immer attraktiv, sind sich beide wieder einig, aber «eine Siedlung ohne Auto funktioniert nie, das Theater rund um die Parkplätze geht schnell einmal los», weiss Fuchs und erntet Zustimmung. «Wenn man um sieben Uhr morgens auf der Baustelle sein muss, vorher noch auf dem Areal der Firma, dann braucht man ein Auto. Eine Siedlung mit 0,2 Parkplätzen macht in der Länggasse durchaus Sinn, hier aber muss man schon einräumen, dass es Parkplätze braucht», überrascht die SP-Politikerin. Doch nochmals zurück zum Neubau: Oft müssen die Menschen aus ihren günstigen Wohnungen weichen, jüngst bekannt geworden im Mädergut. «Hier entsteht ein Paradox», sagt Schindler, und Fuchs ergänzt: «Ältere Menschen verlassen grössere Wohnungen und müssen in kleinere ziehen, die dann auch noch viel teurer sind.»
Bümpliz und der Kanton
Bauunsinn ist denn auch eines der Themen, welche die beiden kantonal aufgreifen, um vor Ort Besserungen zu erzielen. Denn es gibt viele Gesetze, welche der Kanton schreibt und die Stadt Bern dann einhalten muss. Willkommen im Problemfeld des Denkmalschutzes. Ein Beispiel folgt auf dem Fusse: «Am schlimmsten sind jene Schulhäuser, die bei uns in den 1960er-Jahren als Provisorien gebaut wurden. Heute stehen sie unter Denkmalschutz – das ist schlicht und ergreifend sinnbefreit.» Auch hier herrscht Einigkeit zwischen den beiden Politikern.
«Es braucht den gesunden Menschenverstand», kommentiert Schindler. Auch beim digitalen Baueingabe-Tool «eBau». Kein normaler Mensch sei in der Lage, dieses zu bedienen; es brauche deshalb schon für die Erneuerung eines Balkongeländers einen Experten. Doch weiter geht es, weg vom Wohnen, hin zum Leben. Wo sonst müssen sich die Grossräte für den Stadtteil VI einsetzen? «Es gibt immer mehr Regelungen, alles ist vorgeschrieben. Bei der Post Bümpliz hat es bald nur noch Behindertenparkplätze, sonst nichts. Die Fussgängerzone ist unattraktiv, das Gewerbe bleibt aus. Die Verwaltung wirkt friedlich weiter, mit immer mehr Stellen. Sie wächst überproportional zur Bevölkerung und schikaniert oft, statt dass sie hilft.» Nein, diesmal bleibt die Einigkeit ein wenig aus. «Als Sozialdemokratin stört mich eine hohe Regulierung nicht so sehr. Mir ist viel wichtiger, dass die Leute genügend Geld im Portemonnaie haben. Theoretisch sollten 45 % der bernischen Bevölkerung eine Verbilligung der Krankenkassenprämien erhalten – da sehe ich Handlungsbedarf.» Dann schaut sie Fuchs an und resümiert: «Du willst die Privatwirtschaft stärken, ich den Service public.»
Politisch unbeliebt: die Stadt Bern
Je mehr es um Bümpliz geht, desto näher rücken die beiden zusammen und kämpfen auch mal Seite an Seite. Insbesondere, weil die Stadt Bern im Grossen Rat ein schlechtes Image hat. «Aus kantonaler Sicht gibt es fast nur schlechte Nachrichten aus der Stadt. Man denke an die gewalttätigen Demonstrationen oder an absurde Vorstösse des Stadtrats. Die Stadt unternimmt fast alles, um diesen Ruf noch zu verstärken. Die Oberländer würden vermutlich lieber ihrer Stadt Thun den Lastenausgleich bezahlen als an Bern.» Ein Zankapfel ist auch das Kunstmuseum, das für stolze 147 Mio. Franken saniert werden soll – ohne Beteiligung der Stadt selbst. «Ja, die Stadt hat wirklich keinen guten Ruf im Kanton», bestätigt auch Schindler und ergänzt: «Es kommen Vorstösse, die einfach nicht auf die kantonale Ebene gehören, wie eine Fleischpflicht in Kantinen. Das ist mühsam und unnötig.» Und wie kann die Stadt ihr Image auf kantonaler Ebene verbessern? «Indem man proaktiv auf den Kanton zugeht. Wie wär’s, wenn man seine guten Steuerzahlenden einmal schätzt und Merci sagt?» Schindler sieht das genauso: «Wertschätzung ist wichtig, und die Situation hilft wahrlich wenig, um den Anti-Stadt-Reflex im ländlichen Raum zu verkleinern.»
Während die Stadt Bern wenig für den Abbau des Stadt-Land-Grabens unternimmt, machen diese beiden Grossräte aus Bümpliz umso mehr für den Abbau des Links-Rechts-Grabens. Grossrätin Meret Schindler (SP) und Grossrat Thomas Fuchs (SVP) mögen vielleicht nicht in allen Punkten einig sein, aber Respekt und Wertschätzung sind jederzeit spürbar. Und es gibt einen Grund: Beide setzen sich mit viel Herzblut für den Westen von Bern ein. Links trifft rechts – und aus einem Duell wird ein Dialog. So geht das im Westen von Bern.
Wichtige Info
Wenn die bernische Kantonsbevölkerung am 29. März ihre insgesamt 160 Vertreterinnen und Vertreter für das Parlament wählt, so sind diese in Wahlkreise aufgeteilt. Die Stadt Bern bildet einen solchen Wahlkreis. Sie hat im Grossen Rat Anspruch auf 20 Sitze. Im Moment sind nur zwei davon aus dem Stadtteil VI. Es ist wichtig, dass dieser Stadtteil an den Wahlen teilnimmt, weil er anwohnermässig mindestens vier Sitze stellen sollte.