Ein leuchtendes Hochhaus

Thomas Bornhauser
Der Kappelenring, wo das Verbrechen geschah.

Foto: BO

Einfach erklärt
In diesem frei erfundenen Krimi wird nachts eine Leiche gefunden. Schnell ist klar, dass er Mann aus einem Fenster gestürzt ist. Es handelt sich um Jozef Varga, der verschiedene Pässe hatte.
Der dumpfe Knall wäre vermutlich deutlich zu hören gewesen. «Vermutlich» deshalb, weil er, so Rechtsmedizinerin Esther Hasler, «ungefähr zwei Stunden nach Mitternacht» erfolgt war. Wie auch immer: Erst gegen drei Uhr entdeckte ein heimkehrendes Ehepaar hinter dem Haupteingang des Wohnblocks im Kappelenring «etwas Komisches», wie sich Frau Rüegsegger später gegenüber den Ermittlern der Kantonspolizei Bern äusserte. Herr Rüegsegger nickte stillschweigend.

Da um diese Zeit kein Licht im «Praxiszentrum im Ring» in Hinterkappelen brannte und die Hotline des telefonischen Medphones mit Sicherheit überfordert gewesen wäre, rief Frau Rüegsegger umgehend die Notfallnummer 144 an. Weil es nur einige Kilometer von Hinterkappelen entfernt war, erreichte die Sanitätspolizei den Fundort Minuten später. Wie im Licht der Taschenlampen bereits unschwer zu erkennen war, musste der Körper aus grosser Höhe gefallen sein. Hiess: das ganze «Rösslispiel» aufbieten. Dezernat Leib+Leben, Institut für Rechtsmedizin, Kriminaltechnik, Staatsanwaltschaft. Die Kolleginnen der Medienstelle konnte man für den Moment noch weiterschlafen lassen.

S’Hippi-Gschpängschtli

Viktor «Fige» Kneubühl und seine Mitarbeiterin Regula Bürki benutzten den Eingangsschlüssel von Frau Rüegsegger, um ins Gebäude zu gelangen. «Regula, wir müssen nochmals raus», was Kneubühl einen verwunderten Blick einbrachte. «Um diese Uhrzeit sollten wir nicht gleich das ganze Hochhaus wecken. Schauen wir einmal, wer in der Falllinie des Körpers wohnt, dann arbeiten wir uns von oben nach unten.» Zehn Minuten später standen die beiden Leute des Dezernats Leib+Leben in der obersten Etage. Nichts Auffälliges war zu sehen. Ein Stockwerk tiefer stand eine Türe offen, allerdings offenbarte sich kein möglicher Tatort, sondern ein älterer Mann im Pyjama, der nicht schlafen konnte und staunte, dass «um diese Zeit» Stimmen zu hören waren. «Dä gseht e chly uus wie es alts Hippi-Gschpängschtli», ging es Bürki durch den Kopf, sie hütete sich aber, ihre Gedanken auszusprechen. Kneubühl zeigte dem Mann seinen Dienstausweis und bat ihn, wieder zurück in die Wohnung zu gehen. Keine Minute später stand Herr Grolimund am Fenster seines Schlafzimmers und schaute hinunter auf den beleuchteten Rasen samt Sichtschutzzelt, das jedoch auch von oben nicht einsehbar war.

Kein unbeschriebenes Blatt

Eine Etage tiefer stand eine Türe einen Spalt breit offen, dieses Mal ohne Bewohner. Das Duo Kneubühl/Bürki betrat die Wohnung, in der sich offensichtlich niemand (mehr?) befand, ein Fenster jedoch bei Volllicht offenstand. Kneubühl nahm sein Handy hervor und fotografierte eine Pinnwand, auf der auf mehreren Bildern immer der gleiche Mann abgebildet war. Er übermittelte die Aufnahme an Urs Rütimann vom KTD, der umgehend bestätigte, dass es sich um den Toten handelte. Es brauchte in den folgenden Minuten kein grosses kriminaltechnisches Gespür, um den Mann zu identifizieren: Jozef Varga, ursprünglich aus der Slowakei stammend und, wie eine interne Online-Abfrage ergab, erkennungsdienstlich registriert. Auffallend: Varga hatte auf seinem Büropult verschiedene Pässe, auf verschiedene Namen lautend, offen herumliegen. Definitiv kein unbeschriebenes Blatt.

Allerhand Fake

Eine halbe Stunde nach Eintreffen der Polizei leuchtete der Wohnblock wie ein Weihnachtsbaum. Und nicht nur das: Es herrschte auf den Etagen emsiges Treiben, als gäbe es im Erdgeschoss etwas gratis. Nur der Routine und der Besonnenheit von Kneubühl war es zu verdanken, dass kein Tohuwabohu ausbrach und er im Laufe der nächsten drei Stunden jene Informationen in Erfahrung bringen konnte, die für den Fall relevant waren.

Logisch: Bei Tagesanbruch standen auch die Medienschaffenden – mit einer inzwischen anwesenden Mediensprecherin – vor dem Hochhaus, wo der KTD in der Zwischenzeit jedoch alles hatte entfernen lassen, was an die Tat erinnerte. Die Leiche inklusive. Und ebenso logisch: Die Online-Journaille wollte von Bewohnenden wissen, was sie wahrgenommen hatten und ob sie zum Toten – sein Name war längst durchgesickert – etwas sagen konnten. Nicht erstaunlich deshalb, dass noch am Vormittag in den einschlägigen Portalen Einschätzungen zu lesen waren, die nicht ganz den Tatsachen entsprachen.

Wenige Tage später stellte sich nach intensiven Recherchen heraus, dass Varga von zwei Slowaken aus dem Fenster gestossen worden war. Abrechnung unter Autoschiebern. Die beiden Täter wurden in der Nähe des Kappelenrings mit überhöhter Geschwindigkeit von einer Kamera erfasst und anhand des Autokennzeichens in Zusammenarbeit mit der slowakischen Polizei in ihrer Heimat festgesetzt.

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