«Ganz einfach erklärt bedeutet Achtsamkeit, innezuhalten und vom Modus des ständigen Beschäftigtseins in einen Zustand des einfachen Seins zu wechseln – also gewissermassen aus dem Hamsterrad unseres Alltags auszusteigen», erklärt der Achtsamkeitstrainer und systemische Berater Sebastian Strycker.
Achtsamkeit beinhaltet die Fähigkeit, sich dem eigenen Empfinden offen und freundlich zuzuwenden, ohne sich in den eigenen Gedanken oder Bewertungen zu verlieren. Diese Form von Geistesgegenwart ermöglicht eine feinere Wahrnehmung und Gelassenheit. Manchmal kreist unser Gedankenkarussell schneller, als uns lieb ist, und wir nehmen Befürchtungen als real wahr. Was, wenn es nicht klappt mit meinem neuen Job? Was, wenn ich die Prüfung verhaue? Was, wenn ich kein guter Vater bin? Was, wenn ich heute zu viel war? Was wir dabei oft vergessen: Nur weil diese Gedanken auftauchen, müssen wir uns nicht automatisch mit ihnen identifizieren. Denn wir können entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit bewusst lenken.
Diese Fähigkeit, ganz im Moment präsent zu sein, ist gar nicht so einfach. Wer schon mal versucht hat, zu meditieren und noch wenig Erfahrung damit hat, kann das bestätigen. Die gute Nachricht: Die Fertigkeit, innezuhalten und unsere Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, können wir üben und wie einen Muskel trainieren. Dafür gibt es wissenschaftliche Evidenz. Metaanalysen zeigen, dass regelmässige Achtsamkeitsübungen unser Nervensystem regulieren und dadurch das Stressempfinden senken können. Neben positiven Effekten auf das Immunsystem, den Schlaf und die Emotionsverarbeitung zeigen Studien, dass Achtsamkeit auch bei verschiedenen Krankheiten unterstützend wirken kann – etwa bei stressbedingten oder chronischen Erkrankungen, Angst, Depressionen oder chronischen Schmerzen.
Strycker bietet solche Kurse der «Mindfulness-Based Stress Reduction» (MBSR) an, die darauf abzielen, durch Achtsamkeit Stress zu reduzieren. Dieses standardisierte Achtwochen-Programm wurde in den 70er-Jahren von Jon Kabat-Zinn entwickelt und kombiniert Achtsamkeits-Meditation mit verschiedenen Körperübungen und Stresstheorie. Dadurch sollen die eigenen Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen besser wahrgenommen werden. Das Trainingsprogramm wird in der Medizin und Therapie eingesetzt. Es verbindet altes Wissen aus der buddhistischen Geistesschulung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der modernen Stressforschung. Man verspüre durch regelmässiges Üben von Achtsamkeit mehr Mitgefühl mit sich selbst und habe eine bessere Selbstwahrnehmung. Das wiederum habe positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Ausserdem nehme man dadurch Anzeichen von Stress im Alltag früher wahr und könne entsprechend reagieren, so Strycker. «Die Teilnehmenden berichten oft, dass sie die entstehende Fähigkeit, Gedanken zu beobachten, anstatt sich in den eigenen inneren Geschichten zu verlieren, als befreiend erleben. Ich selbst merke nach einer kurzen Morgenmeditation immer wieder, dass ich danach klarer, fokussierter und gelassener in den Tag starte.» Er sei bereits als Jugendlicher mit Meditation in Kontakt gekommen und das Praktizieren von Achtsamkeit sei mittlerweile ein fester Bestandteil seines Alltags.
Wer Achtsamkeit üben möchte, muss jedoch nicht gleich meditieren. Denn die Möglichkeit, sich bewusst über die eigenen Empfindungen zu werden, besteht überall – sei es beim Kochen, Abwaschen, Zähneputzen oder an der Bushaltestelle. Besonders hilfreich sind gemäss Strycker kurze, bewusste Pausen. «Ein tiefer Atemzug, ein Blick aus dem Fenster oder ein kurzes Ausstrecken des Körpers hilft, kurz innezuhalten. Eine simple Übung kann ausserdem sein, während fünf Minuten einmal nichts zu tun und dabei darauf zu achten, was man hört, sieht und spürt.»
Doch Achtsamkeit spielt nicht nur für das individuelle Wohlbefinden eine Rolle. Sie ist auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt relevant. Denn wo Menschen zusammenleben und aufeinandertreffen, sind Spannungen und Konflikte oft nicht weit entfernt. Umso mehr ist dann ein achtsamer, mitfühlender und grosszügiger Umgang miteinander gefragt. Das könne bedeuten, dass wir einander offen und ohne Urteil oder Ratschlag zuhören. Auch wenn das Gegenüber eine andere Meinung als wir hat, beteuert Strycker. «Das kann ein bedeutender Anfang für mehr Offenheit und einen respektvollen Dialog sein. Diese Fähigkeit nicht zu verlieren, halte ich in einer Demokratie für fundamental wichtig», so der Experte.
Achtsam sein. Eine Fähigkeit, die uns als Gesellschaft weiterbringt. Doch sind wir in dieser schnelllebigen und reizüberflutenden Zeit nicht genau dabei, diese immer mehr zu verlernen? Schwer zu beurteilen, findet Strycker. «Zweifelsohne haben die Geschwindigkeit von Veränderungen, das Mass an Unsicherheit und die Dichte an Informationen – sei es schon nur durch die Digitalisierung und das Smartphone in der Hosentasche – in unserer westlichen Gesellschaft deutlich zugenommen.» Das alles mache es für Menschen zumindest nicht einfacher, bei sich zu bleiben und zur Ruhe zu kommen. «Gleichzeitig scheint gerade dadurch aber bei vielen ein stärkeres Bewusstsein zu entstehen, besser für sich selbst zu sorgen und sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen.»
Vielleicht ist Achtsamkeit – besonders in den sozialen Medien – deshalb so populär geworden. Auch wenn sie laut Strycker viel mehr als eine Wellnessbewegung sei. «Sie ermöglicht eine mitfühlende Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt. Damit wir Freude spüren, wenn wir Schönes erleben, und Stärke aufbringen, wenn das Leben schwierig wird.»