«Mehr Velo und Grün für Bern»

Thomas Bornhauser
Adrian Castrischer wünscht sich mehr gegenseitige Toleranz.

Foto: Foto: BO

Einfach erklärt
Einfach Erklärt Adrian Castrischer arbeitet als Umweltingenieur bei der Fachstelle Fuss- und Veloverkehr der Stadt Bern. Er erklärt uns, wie sich eine gute Verkehrsplanung machen liesse.
Dieses Mal haben wir unseren Gesprächspartner zufällig im Coop-Restaurant Bethlehem angetroffen. Doch Adrian Castrischer ist nicht allein – in einem Buggy schläft die zweijährige Tochter Jael. Heisst für den Schreibenden: Ja keine Zeit verlieren, solange Ruhe herrscht. Der Familienvater ist in Schliern aufgewachsen, hat Umweltingenieur an der ETH in Zürich studiert. Seine Frau ist ebenfalls berufstätig; Vater und Mutter wechseln sich bei der Betreuung von Jael zu gleichen Teilen ab.

Adrian Castrischer, wo arbeiten Sie als Umweltingenieur?

Nun, wenn ich nicht gerade Jael hüte (schmunzelt), bin ich bei der Fachstelle Fuss- und Veloverkehr der Stadt Bern beschäftigt.

Wunderbar.

(Gibt sich einigermassen erstaunt) Weshalb das?

Weil wir damit mitten in einem hochaktuellen Thema wären, der Verkehrsplanung. Hört man sich um, könnte man meinen, Rotgrün wolle die Stadt Bern zur reinen Fussgänger- und Velostadt umfunktionieren, sämtliche Autoparkplätze aufheben…

Ich erlebe das natürlich schon anders. Es geht schliesslich darum, dass wir auch weiterhin in einer lebenswerten Stadt zuhause sein können. Die Lebensqualität leidet in der Stadt mit dem vielen Verkehr. Mehr Fuss- und Veloverkehr trägt wesentlich zu einer Verbesserung bei. Und natürlich auch mehr Grün und Wasser – die Sommer werden nicht kühler.

Aber es gibt Leute, die ein Auto brauchen.

Das bestreitet auch niemand. Übrigens sagen Sie es richtig, ein Auto brauchen. Ich meine: brauchen und brauchen widersprechen sich oftmals. Vieles ist sicher «gäbig» mit dem Auto und man hat sich daran gewöhnt, aber es ginge auch anders.

Wie steht es mit Ihnen?

Wir haben kein Auto, aber ich habe den Führerschein. Wenn wir wirklich eines brauchen, dann benutzen wir Mobility.

Ein neuer Ausdruck setzt sich in den Köpfen fest, es ist die Rede von der 15-Minuten-Stadt. Was versteht man darunter?

Nach der 15-Minuten-Stadt streben mehrere Städte. Auch Paris. Ziel ist dort langfristig, dass alle wichtigen Institutionen – Einkaufsläden, Gesundheitszentren, Schulen und auch Erholungsgebiete – innert einer Viertelstunde mit dem Velo, zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr erreicht werden können.

Ist das nicht eine Utopie?

Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich denke, dass es in Bern bereits für viele Menschen zutrifft. Bei uns ist dies auf jeden Fall keine Utopie mehr.  Was hindert uns daran, den nächsten Schritt zu machen und auf eine bessere Lebensqualität zu setzen?

Ich behaupte: Wenn eine Stadt nicht bereits für Fussgänger, Velofahrer, den ÖV und den motorisierten Individualverkehr geplant und gebaut wurde, wird es schwierig, es allen Recht zu machen.

Da bin ich durchaus mit Ihnen einig.  Da stellt sich die Frage nach der Flächenaufteilung. Städte- und verkehrsplanerisch wäre es optimal, von Fassade zu Fassade planen und bauen zu können. Zuerst an die Fussgänger denken, anschliessend an die Fahrräder und den ÖV, um zum Schluss auch den motorisierten Individualverkehr zu integrieren. Es ist richtig, dass dies nicht immer einfach ist und zu Reibungen führen kann, zum Beispiel wenn eine Reihe Parkplätze weichen müsste.

Und dann gehen die Diskussionen los, weil alle unzufrieden sind und sich politisch benachteiligt fühlen.

Was ich zum Teil nachvollziehen kann, denn jeder fühlt sich im Recht, je nachdem, wie er oder sie gerade unterwegs ist. Als Fussgänger, Velofahrerin, Benutzer des ÖV oder als Autofahrerin. Ich würde mir wünschen, wir hätten hierzulande ein bisschen mehr Leichtigkeit im Alltag; etwas mehr Toleranz und Miteinander. Eine gute Veloinfrastruktur ist aber entscheidend für mehr Sicherheit, entspanntes Fahren und auch um Autofahrende von einem Umstieg aufs Velo zu überzeugen.

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