Linke Stadt, rechtes Land

Sacha Jacqueroud
Von Sacha Jacqueroud - Chefredaktor
So verteilen sich die 160 Sitze im Grossen Rat des Kantons Bern.

Foto: zvg

Einfach erklärt
Der Stadtteil VI hat im Grossen Rat neu vier Sitze belegen können. Dank der SP, die auch kantonal zulegt. Wahlsiegerin über den ganzen Kanton hinweg ist aber klar die SVP, die um sieben Sitze zulegt und nun 51 Stitze hält.
Die Agglomerationen haben die Wahlen entschieden. Doch Spannung erzeugt hat die Stadt Bern. Ausserhalb der Stadtgrenzen ist die SVP unangefochtene Siegerin mit kräftigen Sitzgewinnen. Im urbanen Raum legt die SP zu.

15.15 Uhr, Wahlexperte Lukas Golder von gfs Bern präsentiert die erste Hochrechnung. Die bestehenden Regierungsräte Evi Allemann (SP), Astrid Bärtschi (die Mitte), Philippe Müller (FDP) und Pierre Alain Schnegg (SVP) sitzen fest im Sattel. Dicht dahinter der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP). Die SVP hat ihre zwei Sitze sicher. Und die SP? Die muss noch zittern. «Es zeigt sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Reto Müller (SP) und Daniel Bichsel (SVP)», kommentiert Golder. Die SVP legt in den Landgemeinden trotz bereits vorhandener Mehrheit kräftig zu, der Zollikofner Daniel Bichsel liegt mit dem Stadtpräsidenten von Langenthal, Reto Müller, gleichauf. «Mit leichtem Vorteil für Müller», lässt sich Golder noch entlocken. Der Grund liegt in der Erfahrung. Noch ausstehend ist nämlich die Stadt Bern, und die ist ja bekanntlich eine der linkesten Städte der Schweiz. «Ein enges Rennen», meint Daniel Bichsel in der Rathaushalle und nippt gelassen an einem Kaffee. Doch die Ruhe trügt, er ist ein gefragter Mann in diesen Stunden, Kameras schwirren wie Fliegen um ihn herum.

16 Uhr, die zweite Hochrechnung steht an. Die Grossrätinnen und Grossräte erfahren, dass die SVP vermutlich satte 7 Sitze zulegt. Als stärkste Partei im Kanton baut sie ihre Position noch weiter aus. Gleiches gilt für die zweitstärkste Partei im Kanton: die SP. Drei Sitze mehr sollen es sein, besagt die Hochrechnung. Grossratskandidat und Stadtrat aus Bümpliz, Chandru Somasundaram (SP), ist aber noch etwas zurückhaltend: «Mal sehen, was die Stadt Bern noch ausmachen wird.» Die Anspannung ist spürbar. «Ein wenig nervös bin ich schon», räumt auch Grossrat David Stampfli (SP) ein, der wenig später zusammen mit der Könizer Gemeindepräsidentin Tanja Bauer (SP) eintrifft.

Derweil betritt Janosch Weyermann (SVP) gut gelaunt die Rathaushalle und wird sogleich beschlagnahmt. Man redet gerne mit ihm. Ruhig, locker, ja fast schon lässig gibt er Auskunft. Sind die ersten Hochrechnungen aus den Landgemeinden, in denen die SVP vielerorts zulegt, auch für die Stadt Bern ein Zeichen? «Nicht unbedingt. Ich denke, dass Aline Trede (Grüne) viele Städterinnen und Städter zum Abstimmen motivieren konnte», sagt er. Doch je länger der Wahlsonntag dauert, desto klarer wird: Die SVP wird kräftig zulegen. Reicht es dem Bümplizer Stadtrat also in den Grossrat? «Das dürfte schwierig werden, Erich Hess (SVP) kandidiert ja auch noch», gibt er zu bedenken. Im Wahlkreis der Bundesstadt hat die SVP nur einen Sitz. Macht sie einen zweiten, wäre wohl hinter Thomas Fuchs (SVP) zuerst Nationalrat Hess und erst dahinter Weyermann, so die Vermutung. «Doch wenn Hess wieder in den Nationalrat gewählt wird, könnte ein Platz frei werden», meint Weyermann. Genug der Spekulationen, hin zu den festen Resultaten – und für die heisst es noch ein wenig zuzuwarten.

Nicht einmal der Bart kann Reto Zbindens (SVP) Lachen verbergen. Auf der Fahrt von Mittelhäusern ins Rathaus konsultiert er die ersten Hochrechnungen und sieht, wie seine Partei auf dem Land kräftig zulegt. Für ihn hagelt es förmlich Stimmen. «In Oberbalm haben über 40 % abgestimmt», ist das Erste, das er erwähnen möchte. Zu Recht, denn vor vier Jahren waren es noch 30 %. Ist er noch Stunden vor der Auszählung als bisheriger Grossrat bereits sicher gewählt? «Ich glaube, es sieht ganz gut aus», lautet die bescheidene Antwort.

Dann folgt das lange Warten. 19 Uhr, die Resultate der Regierungsratswahlen trudeln ein. Astrid Bärtschi Mosimann (die Mitte) wird mit dem besten Wahlresultat von allen wiedergewählt. 138’672 Stimmen legen ein eindrückliches Zeugnis davon ab, dass die Bevölkerung mit der Arbeit der Finanzdirektorin mehr als nur zufrieden ist. Mit dem zweitbesten Resultat wird Evi Allemann (SP) wiedergewählt. Der Jubel ist laut im Saal. Auch Philippe Müller (FDP) schafft die Wiederwahl souverän. Dann folgt die erste Überraschung. Raphael Lanz (SVP) gelingt der Sprung in den Regierungsrat noch vor Pierre Alain Schnegg (SVP), der aber ebenfalls wiedergewählt wird. Noch lauter wird es im Saal, als der Name Aline Trede (Grüne) fällt. Die Nationalrätin zieht in den Berner Regierungsrat ein und sichert den Grünen damit den Sitz. Und das Kopf-an-Kopf-Rennen? Es nimmt das bessere Ende für die SP. Reto Müller (SP) setzt sich vor Daniel Bichsel (SVP) durch. Die Stadt Bern hat mit ihrer starken linken Mehrheit den Unterschied ausgemacht. «Und Aline Trede hat sicherlich gut in der Stadt mobilisiert», ergänzt derweil Ursina Anderegg (Grüne), Gemeinderätin der Stadt Bern.

So langsam gibt es wieder ein wenig Luft zum Atmen in der Rathaushalle, die Blumensträusse sind verteilt, die Kameras und Blitzlichter werden weniger. Es ist wieder Warten angesagt – für die Grossratswahlen. Nach und nach trudeln auch die Resultate der letzten Gemeinden ein. Die Stadt Bern beschliesst den Reigen der 334 Gemeinden. 20 der 160 Sitze im Gros-sen Rat darf die Stadt belegen. Augenfällig: Die SP bleibt stärkste Kraft in der Stadt und baut bei den SP-Frauen einen Sitz aus. Lena Allenspach zieht neu ins Parlament ein. Ebenfalls neu für die SP im Grossen Rat ist Shasime Osmani. Das ist für den Stadtteil VI besonders erfreulich, weil die Studentin der Rechtswissenschaften aus Bümpliz stammt. Die SVP hält mit dem Bümplizer Thomas Fuchs ihren Sitz. Den zweiten Sitz verpasst die stärkste Partei des Kantons in der Stadt. Pikantes Detail: Es gab deutlich mehr Stimmen als noch vor vier Jahren, doch dies gelang auch der SP. Aus dem Westen von Bern ebenfalls wiedergewählt sind Meret Schindler (SP), die das viertbeste Resultat von allen erzielte, sowie Christa Ammann (AL). Insgesamt hat der Stadtteil VI also neu nicht mehr drei, sondern vier der 20 Sitze im Wahlkreis Bern. Zwar immer noch zu wenig, wenn man die Einwohnerzahlen anschaut, aber immerhin gibt es dank der SP einen Zuwachs. Künftig könnte es gar noch ein Sitz mehr sein: Chandru Somasundaram (SP) schafft es auf den 1. Ersatzplatz.

Die SP feiert in der Kramgasse und die SVP im Hotel Krone noch eine ganze Weile, um den aufreibenden Wahlsonntag ausklingen zu lassen. In den Gassen kehrt langsam Ruhe ein. Die Welt dreht sich weiter, und der Kanton Bern erwacht in der neuen Legislatur mit der nach wie vor für ihn typischen Parteienvielfalt. Doch etwas wird anders sein. Es sind die Mitte-Parteien (Philip Kohl von der Mitte ist im Wahlkreis Stadt Bern nicht mehr wiedergewählt worden), die Federn lassen mussten. Die Spatzen zwitschern von den Berner Dächern die Vermutung in die Lande, dass dies keine gute Nachricht für Lösungen sein könnte. Es braucht Brückenbauer zwischen den Polen. Doch die sind rar geworden. Bleibt der Auftrag an die beiden grossen Parteien SP und SVP, dass sie die Verantwortung tragen. Denn eines haben sogar die Tauben auf den Dächern begriffen: Auf dem Land und bis weit in die Agglomerationen hält man herzlich wenig von linker Politik und fühlt sich nicht verstanden. Die Stadt Bern hingegen ist wie eine grüne oder eben linke Insel inmitten eines bürgerlichen Meeres. Eine, die mit 14 Frauen gegenüber 6 Männern den mit Abstand höchsten Frauenanteil des ganzen Kantons aufweist. Die Wahlen 2026 gehen in die Geschichte ein als jene zwischen einer linken Stadt und einem rechten Land.

Der Regierungsrat
In der Reihenfolge der Stimmen:
Astrid Bärtschi Mosimann (die Mitte)
Evi Allemann (SP)
Philippe Müller (FDP)
Raphael Lanz (SVP)
Pierre Alain Schnegg (SVP)
Aline Trede (Grüne)
Reto Müller (SP)

Wahlkreis Mittelland Nord & Süd
Im Verteilgebiet der BümplizWochen liegen das Wangental im Wahlkreis Mittelland Süd sowie Hinterkappelen und Frauenkappelen im Wahlkreis Mittelland Nord. Aus dem Wangental schafft Katja Streiff (EVP) die Wiederwahl. Der Ex-Frauenkappeler Tobias Vögeli (GLP) bleibt Grossrat und erzielte bei den Regierungsratswahlen einen Achtungserfolg.

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