«Was ein neugeborenes Kind in der ersten Zeit seines Lebens am nötigsten bedarf, ist die zarte mütterliche Pflege und Obhut, und aus diesem Grunde wird es wohl auch gewesen sein, dass der Samariterverein im ersten Jahr vom zarten Geschlecht geleitet worden ist. Fräulein Elise Schori war Präsidentin.» Diesen originalen Wortlaut findet man in den Unterlagen des Samaritervereins Bümpliz aus dem Jahre 1926, also vor exakt 100 Jahren. Fein säuberlich sind diese historischen Dokumente ausgestellt und erinnern am Jubiläumsfest auf dem Gurten an den langen Weg, den der Samariterverein Bümpliz bereits hinter sich hat. Apropos langer Weg: Der erste Übungsleiter, Benedicht Schraner, als Absolvent eines «Hülfslehrerkurses», kam elf Jahre lang zu Fuss von Bern nach Bümpliz, um die Mitglieder als Übungsleiter zu unterrichten.
Postendienst für alle
Doch zurück ins Jahr 2026 und zum Jubiläumsfest auf dem Gurten. Der Pavillon füllt sich nach und nach, die Samariterinnen und Samariter benötigen gut und gerne eine halbe Stunde, um sich gegenseitig zu begrüssen. Man kennt sich, man schätzt sich, man respektiert sich – seit Jahrzehnten. Wie immer, wenn es eine grosse Veranstaltung gibt, stellt sich die Frage: Wer übernimmt diesmal den Postendienst, also die sanitätsdienstliche Betreuung? Ein Blick in das weite Rund der Tische genügt, und man darf mit einem Schmunzeln feststellen: alle. Schlemmen ohne Sorgen sozusagen, weil der Gurtenpark im Grünen üppig auffährt, um die Jubilare so richtig zu verwöhnen.
Unentbehrliche Helferinnen und Helfer
Immer wieder schlendern die Mitglieder zu jenen Tischen, auf denen Objekte, Fotos und Schriften längst vergangener Tage aufliegen. 125 Jahre bedeuten auch, sich der langen Geschichte des Vereins bewusst zu werden. Etwa den Kriegsjahren. Der Samariterverein Bümpliz errichtet nach der Mobilmachung 1914 ein Lazarett für erkrankte oder verletzte Soldaten. Die darauffolgende Grippeepidemie fordert erneut viele Einsätze der Samariterinnen und Samariter. Im Zweiten Weltkrieg sammelt der Verein Material für ein Notspital, falls dieses erforderlich werden sollte, und hilft der Armee hüben und drüben. Doch fast noch wichtiger erscheint, wie viel der Verein unternommen hat, um den Notleidenden in Bümpliz zu helfen.
Die letzten Zeugen
Manch eine verlässt den historischen Tisch mit Hochachtung. Man wird ein wenig still in Gedanken an diese Zeit. Ein Mann ist vor Ort, der diese Zeit noch miterlebt hat. Walter begeht an diesem Jubiläumstag seinen 94. Geburtstag. Klar, als Samariter feiert er sein Jubiläum zusammen mit dem nur geringfügig älteren Verein. Höchste Zeit, ihm ein Ständchen zu singen. Doch wo ist der betagte Mann nur hin? Es sei eben typisch Walter, er sei immer auf Achse. Wenig später beendet er seinen Rundgang auf dem Gurten und betritt wieder den Pavillon, unter frenetischem Gesang seiner Vereinskameradinnen und -kameraden. Ein Lächeln, ein kurzes Anheben der Mütze, und schon setzt er sich wieder in aller Bescheidenheit.
Bethly Wirth
Was auffällt: Walter ist in guter Gesellschaft von vielen Samariterinnen und Samaritern, die zeitlebens Mitglied sind und heute mit einer etwas weisseren Haarpracht dasitzen und sich über die älteren Bilder mit etwas weniger Furchen im Gesicht freuen. Viele davon sind Frauen. Sie spielen im Samariterverein Bümpliz eine zentrale Rolle. Nebst der ersten Präsidentin, Elise Schori, gibt es einen zweiten grossen Namen. Eine Frau, die hier auf dem Gurten zugegen ist: Bethly Wirth. Von 1968 bis 2021 präsidiert sie den Verein sage und schreibe 53 Jahre lang. Sie ist also schon fünf Jahre Präsidentin gewesen, ehe in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. «Das macht man nur so lange, wenn man so tolle Kameradinnen und Kameraden hat», sagt sie. Der Anfang sei nicht einfach gewesen, sie habe sich das eine oder andere Mal ein wenig durchsetzen müssen. Die Hochachtung für über 50 Jahre Ehrenarbeit als Präsidentin lässt sie nicht ohne Bemerkung stehen: «Ich war lange nicht berufstätig, da kann man so ein Amt gut machen.»
Anita Gerber und Denise Tschannen
Während ihrer Erklärungen schaut Wirth immer wieder zu zwei anderen Frauen. Zur heutigen Präsidentin Anita Gerber und ihrer Vizepräsidentin Denise Tschannen. Dann meint sie: «Die beiden arbeiten, haben eine Familie und können trotzdem alle Themen bewältigen, das beeindruckt mich.» Und nicht nur sie. Präsidentin Gerber begrüsst am Eingang des Pavillons alle Gäste persönlich, am «Lösliverkauf» ist die ganze Familie involviert, und egal, zu welchem Zeitpunkt man ihr auf dem Fest begegnet, diese Präsidentin hat immer ein Lachen im Gesicht. Klar, dass auch Doris Wolf, Präsidentin des Samariterverbands Kanton Bern, in ihren Worten darauf eingeht. «Bethly Wirth hat den Verein geprägt, und das ist eine grosse Leistung.» Anita Gerber wird von Samariter Schweiz mit einer Medaille ausgezeichnet – für 25 Jahre Einsatz als gute Samariterin. Bethly Wirth lässt keinen Zweifel daran, wie sehr die neue Präsidentin diese Auszeichnung verdient hat.
Ja, die Frauen haben hier seit 125 Jahren die tragende Rolle. Grund genug, dem historischen Tisch einen letzten Besuch abzustatten – auch wegen folgender Begebenheit aus vergangenen Tagen: Von 1908 bis 1977 gab es sogenannte ständige Samariterposten. Samariterinnen und Samariter, die in der Regel nicht berufstätig und gut erreichbar waren, unterhielten ein Zimmer für die Pflege und Betreuung von Verletzten und Erkrankten. Zwischen zehn und fünfzehn solcher Zimmer bildeten über viele Jahre die ärztliche Grundversorgung in Bümpliz, bis sich genügend Arztpraxen etabliert hatten. Quasi das Gegenstück zu den nostalgischen Momenten an diesem Tisch bildet nun die Leinwand. Hier verdichten sich immer mehr Wörter. Die Gäste dürfen mit Schlagwörtern die Frage beantworten: «Was bedeutet für dich Erste Hilfe?» Die Antworten wirken wie eine Zusammenfassung dessen, was der Samariterverein Bümpliz ist: Menschlichkeit, Notfall, etwas Gutes tun, Unterstützung, Teamarbeit, reagieren, Hilfe, Notfallsituationen erkennen. Das alles tun diese Damen und Herren seit 125 Jahren. Man sollte vorsichtig sein, wenn man grosse Wörter zückt. Doch für einmal darf man sämtliche Sorgfalt ablegen und laut und klar feststellen: Diese Menschen hier sind Heldinnen und Helden. Und wie merkt man, dass jemand eine Heldin oder ein Held ist? Ganz einfach: indem die Person selbst das gar nicht so wahrnimmt. Gut gibt es dafür Zeitungen. Auf in die nächsten 125 Jahre, lieber Samariterverein Bümpliz.