Olena Polishchuk, wir haben erst wenige Worte gewechselt. Ich weiss bereits, dass Sie aus der Ukraine geflüchtet sind. Wann war das?
Gleich nach dem Beginn des Angriffskriegs Russlands, im März 2022.
Sie sprechen ein ausgezeichnetes Deutsch. Haben Sie Kenntnisse aus Ihrer Schulzeit mitgenommen?
Nein, ich hatte in der Ukraine keinen Deutschunterricht. Ich habe mir die Sprache selbst durch Kurse an der Volkshochschule beigebracht. Ich lebe in einem fremden Land, da muss ich doch mit den Einheimischen sprechen können. Ich muss mich anpassen, nicht umgekehrt.
Zurück zum März 2022. Sie wohnen heute in Bümpliz. Sind Sie direkt hierhergekommen?
Nein, zuerst wurden meine Tochter und ich während vier Monaten in Burgdorf aufgenommen, anschliessend haben wir eine Wohnung an der Riedbachstrasse zur Verfügung gestellt bekommen. Wir sind wirklich dankbar dafür, dass wir in einem Land leben dürfen, in dem wir uns sicher fühlen und keine Angst haben müssen. Übrigens: Meine elfjährige Tochter Oleksandra – genannt Sacha – spricht perfekt Bärndütsch (lacht).
Ihre Angehörigen leben noch in der Ukraine?
Ja, meine ganze Familie. Sie wohnen in der Region Dnipro.
Ich verzichte absichtlich darauf, über die Situation in Ihrem Heimatland zu sprechen. Wir wissen, was dort passiert. Was haben Sie von der Schweiz erwartet?
Wie ich bereits sagen konnte: Ohne Angst in einem wunderschönen Land leben zu können. Das hat sich bestätigt.
Wie kommen Sie mit uns Eidgenossen zurecht?
(Schmunzelt) Sehr gut, wirklich. Ich erlebe die Schweizerinnen und Schweizer als freundliche und hilfsbereite Menschen, vor allem auch in unserem Wohnblock.
Aber wir gelten ja eigentlich als verschlossen und wenig spontan.
Schweizerinnen und Schweizer wirken oft eher zurückhaltend, besonders wenn es um ihr Privatleben geht. Aber im Alltag, und vor allem, wenn es um gegenseitige Hilfe geht, habe ich die Menschen hier als sehr offen und hilfsbereit erlebt. Viele von ihnen sind wirklich tolle Menschen. Vielleicht ist das einfach ein kleiner kultureller Unterschied: Wir Ukrainerinnen und Ukrainer sind oft etwas direkter und sprechen leichter über unsere persönlichen Erfahrungen.
Wie erleben Sie den Stadtteil IV?
Ich habe gehört, dass Bümpliz nicht der sicherste Ort der Schweiz sein soll. Nur: Ich frage mich ernsthaft, wo all diese angeblich bösen Menschen denn leben? Ich fühle mich jedenfalls sicher. Kein Wenn, kein Aber.
Themenwechsel. Hobbys?
Vor allem Sport, zum Beispiel Rudern.
Rudern Sie auf dem Wohlensee? Da gibt es ja zwei Clubs.
Ich weiss, ich habe bei beiden mein Interesse angemeldet, aber keine Antwort erhalten.
Das ändert sich jetzt hoffentlich… Und sonst, in Ihrer Freizeit?
Da sticke ich im Moment an einer «Vyschyvanka» für Sacha. Das ist ein traditionell besticktes Hemd, eine Art Tracht, die einen grossen Zeitaufwand erfordert. Länger als drei Stunden am Stück kann ich nicht sticken. Man kann es mit feinem Gobelin vergleichen.
Ihr Wunsch an die Zukunft?
Die Ungewissheit über den morgigen Tag spielt natürlich eine Rolle, aber auch ein Gefühl von innerer Ruhe gehört dazu. Mein Herz ist zwar immer bei meiner Familie in der Ukraine, die Sorgen verschwinden nie ganz. Trotzdem habe ich gelernt, hier und jetzt zu leben. Das verdanke ich auch Sacha – sie ist der wichtigste Grund für mich, weiterzugehen. Natürlich habe ich Träume und Pläne, aber im Moment fühle ich mich noch nicht bereit, darüber zu sprechen.