Und doch schwirren die Gedanken, von wegen Abkühlung, gut für die Beine und vielleicht sogar für die Krämpfe, öfters umher und bei jedem Temperaturanstieg steigt auch meine Neugier und ein kleines Bedürfnis, dies mal auszuprobieren. Als Erstes steige ich mal in das uralte Badekleid und frage, ob ich mir das wirklich antun soll. Oma bin ich zwar keine, aber der Anblick lässt darauf schliessen. Also ist dies mal abgehakt… bis ich ein paar Tage später bei grösster Hitze einen Stadtbummel mache, um mich in den klimatisierten Läden angenehm aufzuhalten. Zwischen den immer noch präsenten SALE-Schildern und den ersten Herbst-News bleibt mein Blick an einem Ständer mit Badeanzügen hängen. Mutig dürfen deren drei mit in die grossräumige Ankleidekabine. Der erste Versuch scheitert und die Nummern-Grösse kann sich mit meinem Körper nicht anfreunden. Beim 2. Versuch fängt sogar der Spiegel an zu lächeln und meint: «Von vorne und auch von hinten ganz passabel.» Nun glaube auch ich an ein Wunder und trauere den abgenommenen 10 kg wirklich nicht nach. Auch die Kreditkarte ist glücklich und lässt sich lockere 95 Franken abbuchen. Die Hitzetage halten an und mein Velo bleibt auf weiteres im kühlen Keller und die «Alternative» zum kühlen Bad steigert den Gedanken, den Badeversuch zu wagen. Also, pack die Badehose ein… Im Weyerli angekommen, schweift mein Blick in die grosse Menschenmenge und der Lärmpegel untermalt diesen farbigen Anblick. Aha, da ist ja nun auch noch das blaue Wasser; alles beeindruckt mich sehr und ich fühle mich wie auf einem anderen Planeten. Auf ganz leisen Sandalen suche ich mir ein geeignetes Plätzchen, möglichst im Schatten. In unmittelbarer Nähe, Mütter mit den Kleinen, Grufti auf dem Liegestuhl, ranke, schlanke Modis und dann wieder solche mit «pfundigen Holzbigelis vor em Hus». Fertig mit Lästern und nun bald unter die Dusche. Wie kalt doch das Wasser ist, es stellt mir fast den Atem ab. Vorsichtig, wie auf Eiern, steige ich das Treppchen hinab und tauche ein. Locker übe ich das «Wassertreten» und dies tun auch noch andere. Mein Versuch, doch mal in die Schwimmlage zu kommen, scheitert kläglich; es sieht aus, als zappelte ein Tausendfüssler umher. Die Zuschauer können sich bestimmt amüsieren und der Bademeister gibt eine Warnung durch. Ich verlasse den See und bin richtig stolz, dass ich nun den Versuch gewagt habe und die Einweihung des Badkleides auch geglückt ist. Ich schaue dem Treiben zu und amüsiere mich an der Vielfältigkeit der Farben undNationen. Plötzlich nähert sich ein sehr hübscher (tätowierter) Mann und fragt ganz höflich, ob er seine Sachen in meiner unmittelbaren Nähe zur Beobachtung deponieren dürfe. Er komme in ca. 10 Minuten zurück. Also nach dem Motto «trau schau wem» hat er sich mich, das graue Mäuschen, ausgesucht. Ich bin sehr froh, meine Ängste, jemals noch ein öffentliches Bad besuchen zu können, überwunden zu haben, und freue mich auf weitere Badegenüsse.
Brigitte Loosli