Sie sah indisch aus, und der Stand war für Jesus Christus. Für meinen Geschmack passen Inderinnen und Jesus Christus nicht unbedingt auf den ersten Blick zusammen. Einmal war ich geschäftlich in Indien. Zu meiner Überraschung hingen in einem grossen Unternehmen in jedem Büro Bilder verschiedener Götter. Diese farbigen, geschmückten Darstellungen gefielen mir, aber noch mehr beeindruckte mich, wie respektvoll die Menschen die Überzeugungen der anderen akzeptierten. Von Büro zu Büro wechselte zwar die «Heiligkeit» – doch die Freundlichkeit der Menschen blieb dieselbe. Dort lernte ich auch, dass die Kuh kein Gott ist, sondern ein äusserst heiliges und respektiertes Tier, verbunden mit Landwirtschaft und ländlichem Leben sowie ein Symbol für Gewaltlosigkeit und Güte. Dieselbe Kuh würde auch in der Schweiz hochgeschätzt – allerdings eher als Symbol für Landwirtschaft, Wohlstand und ja… Milchschokolade. Als ich den Flyer ablehnte, verzog ich das Gesicht und murmelte: «Lass mich in Ruhe.» Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht, und ihre Hand sank langsam herunter. Und ich empfand kein Mitleid. Eine Zeit lang war ich von allen Göttern und ihren Anhängern genervt: von einem Gott, der offenbar nur Arabisch versteht, von einem anderen, der uns liebt, aber seinen Sohn nicht unter uns leben liess, und wieder von einem anderen, der seine Anhänger nicht vor den Krematorien rettete – sodass die Alliierten sie retten mussten. Darum hatte ich keine Geduld mehr, irgendeinen Strassenboten irgendeines Gottes freundlich zu grüssen – nicht nur an diesem Tag, sondern eine ganze Weile lang. Als ich an dem indischen Mädchen vorbeiging, das für ihren unvergleichlichen Gott warb, erinnerte ich mich an etwas, das mir einmal eine Freundin erzählt hatte, die in Iran in Theologie promoviert hatte: «Die Inder haben wahrscheinlich den besten Gott überhaupt: die heilige Kuh. Sie ist sichtbar, also kann niemand Geschichten über sie erfinden oder sie missbrauchen.» Ich erinnere mich, wie ich sie damals leicht verwirrt ansah, diesen unangenehmen Gedanken aber irgendwie dennoch akzeptierte. Mit dem Bild dieses indischen Mädchens, von Jesus Christus, der heiligen Kuh und meiner philosophischen Freundin im Kopf stieg ich beim Tram 8 beim Westside aus. Dort sah ich zwei Frauen in langen schwarzen Kleidern – die eine sass auf einer niedrigen Mauer und telefonierte, die andere betete auf dem Boden: eine clevere Art, für ihren Gott zu werben – ganz ohne Flyer! Ich seufzte, blickte zur Sonne, die hinter den Hügeln und den Feldern mit ihren hochgeschätzten Schweizer Kühen unterging, und murmelte: «Lieber Gott … Bis auf Weiteres halte bitte deine Anhänger von mir fern. Danke.»
In Indien ist die Kuh ein heiliges Tier. Dies ein Unterschied zu anderen Glaubensrichtungen.
Foto: EE
Einfach erklärt
In dieser Kolumne schreibt die Autorin über eine Begegnung bei der Heiliggeistkirche. Es geht um den Glauben an einen Gott und wie sich die verschiedenen Religionen unterscheiden.
In dieser Kolumne schreibt die Autorin über eine Begegnung bei der Heiliggeistkirche. Es geht um den Glauben an einen Gott und wie sich die verschiedenen Religionen unterscheiden.
An einem bewölkten Nachmittag ging ich an der Heiliggeistkirche vorbei, wo man normalerweise Tauben sieht, die auf dem grauen Bodenbelag nach Futter suchen, einige Alkoholiker auf Bänken mit ihrem Bier sitzen, Strassenmusiker fröhliche Musik spielen und junge Leute Passanten hinterherlaufen, um Flyer zu verteilen. Eine von ihnen kam auf mich zu, streckte mir freundlich einen Flyer entgegen und fragte: «Hätten Sie einen Moment Zeit?»
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