Zwischen Verstand und Panik sagte ich plötzlich: «Rufen Sie mich in ein paar Minuten wieder an», und beendete das Gespräch. Zitternd wählte ich die 117 und erklärte der Polizistin alles. Geduldig hörte sie zu und sagte dann: «Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Betrugsmasche kursiert seit etwa einem Monat. Sie verunsichert viele Menschen, richtet aber keinen wirklichen Schaden an. Merken Sie sich einfach: Die Polizei ruft nicht an. Wir verschicken Briefe. Sie können den Vorfall gerne auf dem nächsten Polizeiposten melden.» Natürlich. Schweiz – das Königreich des Papiers. Ist etwas offiziell, kommt es im Couvert. In dreifacher Ausführung. Am nächsten Tag ging ich auf den Polizeiposten in Bümpliz. Eine Bodenmarkierung wies den Platz vor der Glasscheibe mit der kleinen Öffnung aus. Drinnen unterhielten sich zwei Polizisten. Einer trat an die Öffnung und fragte worum es gehe. «Ich möchte eine ‹kriminalle› Sache melden», sagte ich. Er lächelte. «Was für eine kriminelle Sache?» Erst da merkte ich meinen Fehler. Ich wusste nicht, ob er wegen meiner Aussprache lächelte oder weil Kriminalität hier so selten ist. Zögernd fragte ich, ob wir Englisch sprechen könnten. Sein Lächeln verschwand – nicht verärgert, eher ernüchtert. Der jüngere Kollege übernahm: «Please tell me what happened.» Ich schilderte alles und erklärte, dass ich misstrauisch geworden war, als der Anrufer gereizt reagierte. «Ein echter Polizist sollte nicht wütend werden», sagte ich. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. Meine Meldung wurde sorgfältig dokumentiert. Auf dem Heimweg wurde mir klar: Ich hätte niemals Polizistin werden können. Schon Zigarettenstummel auf der Strasse bringen mich aus der Ruhe und meine Geduld wäre schnell erschöpft. Ein Glück für alle, dass ich Ingenieurin geworden bin.
Zur Autorin
Marmar Ghorbani lebt seit 2017 in Bern West und stammt aus Persien, dem heutigen Iran. Sie schreibt hier über Alltagssituationen, die sie berühren, irritieren und auch mal schmunzeln lassen.