Neulich beim Besuch einer meiner Töchter war die Kacke so richtig am Dampfen. Stress bei der Arbeit, Beziehungsärger mit dem Freund und Krach mit der Mutter. Wir besprachen, diskutierten und drehten und wendeten, was sie beschäftigte. Da fragte ich sie nebenbei: «Was liest du gerade für ein Buch?», da sie eine Leseratte ist. «Im Moment gar nichts», antwortete sie. Ich seufze innerlich – weil ich denke, dass Lesen zwar keine Probleme löst, aber wenigstens etwas Distanz schafft. Ich erinnere mich an die Adventskalender früher: Morgens durften wir Kinder ein Törchen öffnen und schwupps, tat sich eine neue Welt auf. Glitzernde Engel mit goldenen Krönchen auf Wolken aus Watte entführten uns in ein anderes Universum. Und genauso ist es mit Büchern, die wir aufschlagen, und damit plötzlich ganz woanders sind. Wir wandern durch Königreiche, überqueren das chinesische Meer, verlieben uns in der Ferne, hoffen mit den Guten und zittern vor den Bösen und tauchen ein in Geschichten voller Drama, Emotionen, Schurken und Helden. Dabei vergessen wir während ein paar Seiten, wer und wo wir gerade sind, ganz im Hier und Jetzt, ohne Heute und Morgen – so, wie es Kinder beim Spielen tun. Und genau diese Momente sind grossartig, weil sie Raum geben – zum Durchschnaufen, zum Davonfliegen und um wieder bei sich anzukommen.