Wir diskutierten über «Der Richter und sein Henker» und «Der Besuch der alten Dame» – im ersten über Gerechtigkeit und Wahrheit, im zweiten über Geld und Moral. Als Schweizer Schriftsteller hielt Dürrenmatt unserer Gesellschaft einen Spiegel vor – unserem Komfort, unserem Wohlstand und unseren moralischen Kompromissen. Wir waren uns einig: Die Todesstrafe ist keine gerechte Strafe. Ich vertrat jedoch die Ansicht, dass es dennoch eine Form von gleichwertigem Leiden für jene geben sollte, die anderen Leid zufügen – auch wenn es kein wirkliches Mass für Leid gibt. Ein anderer meinte, Vergebung könne sowohl dem Schuldigen als auch dem Geschädigten Frieden bringen, während weiteres Leid nur doppeltes Leid erzeuge. Doch in einem Punkt herrschte Einigkeit: Die Wahrheit steht über allem. Ein Teilnehmer sagte: «Geld ist immer mächtig. Wer nie Hunger erlebt hat, kann das Verhalten der Armen nicht beurteilen. In solchen Situationen hat die Moral weniger Kraft.» In einem Land wie der Schweiz, in dem Hunger für die meisten kaum vorstellbar ist, spricht man leicht in absoluten Begriffen über Moral. In vielem hatte er recht. Doch ich erzählte von einem aktuellen Vorfall. Während den massiven politischen Protesten im Iran drangen Menschen in Abdanan, einer benachteiligten Stadt im Westen des Landes, in ein staatliches Reisdepot ein. Diese Menge hätte die Stadt ein Jahr lang versorgen können. Doch sie nahmen den Reis nicht mit. Stattdessen warfen sie ihn in die Luft. Binnen Augenblicken waren Himmel und Boden erfüllt von fallenden Körnern, die durch die Luft tanzten, bevor sie zur Erde zurückkehrten. Es war keine gewöhnliche Tat, sondern eine Botschaft – eine Erinnerung daran, dass Würde manchmal schwerer wiegt als Brot. Dann hörte man im Video die Stimme eines kleinen Jungen: «Es regnet Reis.» In diesem Moment sagte Frau Schweizer leise: «Die Macht des Volkes.» Dieser Satz beendete das Treffen. Niemand fügte noch etwas hinzu; der Raum schien sich bewusst zu werden, dass auch Komfort eine Form von Macht ist.
Wenn Würde schwerer wiegt als Brot oder eben Reis.
Foto: zvg/EE
Einfach erklärt
Marmar Ghorbani lebt seit 2017 in Bern West. Sie stammt aus Persien, dem heutigen Iran. Sie schreibt hier über Alltagssituationen, die sie berühren, irritieren und auch mal schmunzeln lassen.
Marmar Ghorbani lebt seit 2017 in Bern West. Sie stammt aus Persien, dem heutigen Iran. Sie schreibt hier über Alltagssituationen, die sie berühren, irritieren und auch mal schmunzeln lassen.
Kürzlich gab es ein Treffen zu Ehren des Berner Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt und seiner Werke. Unsere Kolumnistin nahm teil.
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