Vor vielen Jahren hatte ich sowohl mit Caritas als auch mit Pro Juventute Kontakt. Dabei erlebte ich diese beiden wichtigen Institutionen in der Administration als unglaubliche Wasserköpfe. Gut möglich – hoffentlich auch – dass sich das geändert hat. Das ist zumindest an der Basis, wie unser Beispiel zeigen wird, völlig anders. Und man(n) ist ja nie zu alt, um über den eigenen Schatten zu springen.
Ich verrate vielen unter Ihnen nichts Neues, wenn ich hier husch feststelle, dass ich fast 30 Jahre bei der Migros in Schönbühl gearbeitet habe. Will heissen: Vom Detailhandel habe ich noch immer eine leise Ahnung. Nun, ich hatte meine Vorstellung eines Caritas-Ladens, in dem Leute, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, günstig einkaufen können. So weit, so gut. Bereits beim Betreten des kleinen Supermarkts um 8.30 Uhr fällt mein Kiefer auf die symbolische Tischplatte. Staunen erlaubt. Ein breites, wenn auch nicht tiefes Angebot, samt Frische- und Tiefkühlprodukten. Daniel Lauper, Verkaufsleiter der Caritas-Märkte im Kanton Bern (Biel, Bern, Thun), schmunzelt: «Wir offerieren nicht Dutzende von Joghurt-sorten, das liegt vom Platz her gar nicht drin.»
Mit offenen Karten: Der Laden ist nicht selbsttragend, sondern wird von Spenden oder zum Beispiel einer Defizitgarantie der Gesamtkirche Bern getragen. Daniel Lauper ergeht es deshalb ähnlich wie seiner Kundschaft: Wer den Franken zweimal umdrehen muss, der ist zum Sparen gezwungen. Die Administration des Caritas-Ladens ist schlank, wie ich es noch nie gesehen habe. Keine überflüssigen Backoffice- oder Lagerflächen, die Waren werden nachbestellt, geliefert und kommen subito in die Gestelle. Das Kassen- und Bestellmanagement ist auf dem aktuellsten Stand, die App garantiert den Kundinnen und Kunden die neuesten Informationen.
Woher kommen die Waren, die zu günstigen Preisen ausschliesslich von Kundinnen und Kunden mit Caritas- oder KulturLegi-Karten gekauft werden können? «Es sind verschiedene Lieferanten. Zum Beispiel die Grossverteiler – Denner spielt eine grosse Rolle, ebenfalls Coop und die Migros und auch durch die Auslieferung der Schweizer Tafel. Schlussendlich geht es nicht nur darum, unserer Kundschaft zu helfen, sondern auch um die Vermeidung von Foodwaste. Mit wenigen Ausnahmen wird alles verkauft, zum Schluss mit erheblichen Rabatten», so Lauper.
So holt man bei Denner mit dem eigenen E-Auto Frischfleisch ab, dessen Verkaufsdatum «am nächsten Tag» abläuft. Es wird bei Denner tiefgefroren und ohne Unterbruch der Kühlkette direkt zur Könizstrasse gefahren. Dieses Fleisch muss innerhalb von drei Monaten, und sobald es aufgetaut wird innerhalb von einem Tag verkauft werden. Dazu wird es entsprechend gekennzeichnet und mit 66 Prozent Reduktion angeboten. Neben dem Fleisch gehört auch das Brot vom Vortag zu den Rennern im Sortiment.
Vor Ladenöffnung um 10 Uhr helfe ich beim Auffüllen der Gestelle mit. Vier Paletten wurden mit zahlreichen Waren angeliefert. Zwei Stunden später steht praktisch alles in den Gestellen, in denen man von Kinderspielzeugen über Hygieneartikel sowie klassische Haushaltsartikel bis hin zu Früchten und Gemüse fast alles findet. 550 Produkte sind ständig vorhanden. Ein wichtiger Mitarbeiter – einer von ungefähr zwölf Teilzeitangestellten, die zum Teil vom Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern vermittelt werden – ist «Zivi» Nestor Borter. Er kontrolliert und koordiniert unter anderem die Warenlieferungen. Ein grosser Teil der Angestellten des Ladens sind erwerbslose Menschen, die dadurch den Tritt zurück ins Arbeitsleben finden.
Husch zu meinem Einsatz: Als ich den Laden betrete, fehlen – wie andernorts – Eier. Eine Stunde später ist das Gestell entsprechend voll (siehe auch Foto). Die Avocados werden aufgefüllt. Jene, die sehr dunkel sind und sich sehr weich anfühlen, werden aus dem regulären Sortiment entfernt. Weil sie noch essbar sind, werden sie mit anderen Früchten in Plastiksäcke abgefüllt. Diese sollen nun günstig verkauft werden, Foodwaste ist wenn immer möglich zu vermeiden.
Neben der Kasse steht ein Kaffeeautomat. Der Kaffee oder die heisse Schoggi ist kostenlos. «Wir verstehen uns auch als sozialer Treffpunkt, deshalb die Stühle und der Tisch», erklärt Lauper. Mit dem 10-Uhr-Glockenschlag der nahegelegenen Kirche kommen die ersten Kundinnen und Kunden, die meisten schnurstracks unterwegs zu den Broten.
Unser Besuch findet Wochen vor Ostern statt. «Wo sind denn die Osterhasen?», will ich wissen. Daniel Lauper lacht. «Wir agieren antizyklisch. Im Moment stehen sie bei Migros & Co. und hoppeln erst nach Ostermontag zu uns.»