Klein und oho

Sacha Jacqueroud
Von Sacha Jacqueroud - Chefredaktor
Elektrisierende Freude trägt einen Namen: André Bänziger.

Foto: zvg

Einfach erklärt
André Bänziger hat sich ein regional wohl einzigartiges Wissen rund um die Elektromobilität angeeignet. Mit kleiner Werkstatt tüftelt er dort, wo andere anstehen – und verkauft unter anderem das Elektrogerät, das er am Besten findet: Elektroroller.
Wer den 62-Jährigen erlebt, merkt schnell: Dieser Mann hat noch lange nicht vor, in den Ruhestand zu rollen. Im Gegenteil. Wenn er über Elektromobilität, Roller oder alte Klassiker spricht, leuchten seine Augen. «Diese Begeisterung», sagt er, «nehme ich auch über meine Pension hinaus mit.»

Gut so, denn viele Firmen und Private bauen auf ein Wissen, das sich der gelernte Automechaniker  und Automobildiagnostiker rund um die Elektromobilität selbst beigebracht hat. Mit Multimeter und Testgerät. Heute steht eine kleine Werkstatt eingangs Laupen. Unscheinbar, aber jederzeit in der Lage, den Hebel anzusetzen, wo andere aufgeben würden. Sein kleines Unternehmen trägt einen ebenso einfachen wie passenden Namen: Bervice – eine Mischung aus Bänziger und Service. Und genau darum geht es ihm. Service. Beratung. Lösungen finden. Auch dann, wenn es kompliziert wird. Oder wenn ein Elektroroller nicht in die Werkstatt kommt, sondern die Werkstatt zum Roller muss. «Er ist klein, aber oho», sagen manche über seinen Betrieb. Bänziger selbst zuckt dann nur mit den Schultern und tüftelt weiter.

Was ihn antreibt, ist die Technik. Vor allem die elektrische. Schon 2012 kaufte er sein erstes Elektroauto, lange bevor die Technologie zum Gesprächsthema an Stammtischen wurde. Damals war vieles noch neu, viele Fragen offen. «Lebensdauer, Kosten, Alltagstauglichkeit – ich wusste noch wenig», erinnert er sich an die Anfänge. «Wenn ich als Techniker schon so viele Fragen hatte, dann war das für normale Menschen natürlich erst recht schwierig.»

Seither sei aber auch viel passiert, sagt er. Die Technik ist ausgereifter, die Infrastruktur dichter. Doch Bänziger hat sich über die Jahre ein enormes Wissen aufgebaut – und teilt es gerne. Seit zwölf Jahren ist er Mitglied im Elektroauto-Club Schweiz. Auch beim Thema «Laden» kennt er sich aus. Wer viel international unterwegs ist, dem empfiehlt er etwa Anbieter mit grosser Abdeckung. Aber die vielen Apps, die es derzeit noch braucht, seien mühsam. «Ich hoffe, dass bald alle Ladesäulen ganz einfach mit der Kredit- oder Debitkarte aktiviert werden können.»

Der Blick in seine Werkstatt zeigt: Seine eigentliche Leidenschaft gilt den kleineren Fahrzeugen. Elek-troroller zum Beispiel. Sie brauchen wenig Platz, sind günstig im Unterhalt und ideal für kurze Alltagsstrecken. «Alltagsmobilität», nennt er das. Die Modelle in seinem Sortiment kosten zwischen rund 2350 und 9000 Franken – je nach Leistung und Reichweite. Etwa die Hälfte des Preises entfällt auf den Akku. «Die Technologie im Inneren ist im Prinzip dieselbe wie beim Elektroauto», überrascht er mit einer weiteren Aussage. Und Bänziger weiss, wie sich welcher Roller anfühlt, denn er testet sie alle und ist auch privat längst auf den Geschmack von Elektrorollern gekommen. «Ich bin eigentlich ein fauler Mensch», sagt er mit einem Grinsen. «Darum habe ich natürlich auch so einen Roller.» Und der habe es in sich: «Super Beschleunigung. Das macht richtig Spass.» Die lautlose Dynamik sei etwas Besonderes. «Diese Elektrobeschleunigung – das ist bei allen Varianten
faszinierend.»

So bunt wie seine Werkstatt – vom Kleinwagen bis zum Elektrogefährt für ältere Menschen – ist auch seine Kundschaft. Manche möchten bewusst auf ein Auto verzichten und trotzdem mobil bleiben. Andere suchen einfach eine praktische Lösung für den Alltag. Und dann gibt es da noch eine besondere Kategorie von Fahrzeugen, die im Gegensatz zu Frankreich hierzulande noch kaum Fuss gefasst hat: Kabinenroller. Kleine Gefährte mit Dach, Heizung und Rückwärtsgang. «Das Cleverste überhaupt», findet Bänziger. Vor allem Senioren schätzen sie – oder Pendler, die sauber und trocken zur Arbeit kommen möchten. «Der Vorteil zum Velo: Man hat eine Heizung und eine intakte Frisur.»

Wer bei ihm kauft, bekommt allerdings nicht einfach irgendein Fahrzeug. Bänziger wählt streng aus, und seine Testberichte können für manchen Anbieter schon mal ziemlich vernichtend ausfallen. «Ich verkaufe nichts, was ich nicht gründlich getestet habe.» Einmal habe er ein Modell geprüft – die Mängelliste sei zwei Seiten lang gewesen. «So etwas kommt  bei mir nicht in den Verkauf.»

Ein besonderes Augenmerk legt er bei allen Varianten auf den Akku. Hier gebe es grosse Qualitätsunterschiede. «Da lohnt sich manchmal auch ein Aufpreis von einigen hundert Franken.» Und wie lange halten nun diese Akkus? Da kursieren doch die wildesten Gerüchte. Bänziger nickt und stellt seinen Kaffee ab: «Lange hatten viele Menschen Angst vor der Lebensdauer. Doch heute wissen wir dank Tausender Autos und Roller, die schon älter sind und immer noch zuverlässig laufen: Diese Sorge ist unbegründet. Die Akkus halten in der Regel länger als das Fahrzeug selbst.»

Eines verwirrt das besuchende Auge immer wieder: Wenn man von Elektroantrieb spricht, stehen da und dort alte, hergerichtete Fahrzeuge. Bänziger schätzt das Design und die Funktionalität alter Fahrzeuge. Auch mit Klassikern kennt er sich aus. Ob Velosolex oder 2CV – er weiss genau, wie sie funktionieren. Gerade dieses Wissen werde heute manchmal rar, meint er. «Mechatroniker werden oft auf das geschult, was 80 % der Hersteller einbauen. Da geht bei älteren Technologien einiges an Wissen verloren.»

Bei der Elektrotechnik sei es ähnlich. Zwar lernen Mechatroniker die Grundlagen bereits in der Ausbildung. Doch um wirklich an Hochvoltsystemen arbeiten zu dürfen, braucht es zusätzliche Schulungen. 

Für André Bänziger ist das kein Problem. Neue Technik, alte Technik – Hauptsache, sie bewegt Menschen. Und solange es etwas zu analysieren, zu testen oder zu erklären gibt, wird man ihn wohl weiterhin in seiner Werkstatt antreffen. Oder irgendwo draussen, neben einem Elektrorroller, der gerade wieder flott gemacht wird.

Ganz nach dem Motto: Bervice – klein und oho.

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