Eine halbe Stunde später wurde die Umgebung des Kunstraums abgesperrt, um Gaffer auf Distanz zu halten. Ebenfalls vor Ort: Viktor «Fige» Kneubühl, Leiter des Dezernats «Leib + Leben» der Kantonspolizei Bern, seine Mitarbeiterin Regula Bürki, Esther Hasler vom Institut für Rechtsmedizin IRM sowie Urs Rütimann vom Kriminaltechnischen Dienst KTD.
Fundort, nicht Tatort
«Wer macht so etwas?», fragte Regula Bürki ihren Chef. Jener zeigte sich aber ebenso ratlos, erzählte nur davon, dass kunstvoll drapierte Leichen verschiedene Gründe haben könnten. Kontrolle und Allmacht, Trophäe, Ablenkung, Kunstästhetik. Mit «Ich vermute, dass es sich hier aber um eine Abrechnung handelt, wobei das alles andere als sicher ist», schloss er seine Überlegungen ab. Urs Rütimann hatte mitgehört. «Wenn etwas sicher ist, dann, dass Gunter von Hagens ‹Körperwelten› hier nicht gemeint sind …» Er musste subito richtigstellen, dass seine Bemerkung nicht ernst gemeint war.
Fakten liefern konnte hingegen Esther Hasler. Angesichts der
Aussentemperatur sei der Tod gestern gegen 20 Uhr eingetreten. «Abgelegt wurde die offenbar bereits fixfertig drapierte Leiche aber erst kurz vor Mitternacht. Fundort also nicht Tatort.» – «Urs, Reifen- oder Schleifspuren?» – «Leider nicht, nein, Fige.» Die Leiche, die wie eine Dragqueen kunstvoll inszeniert war, wurde von Anfang an hinter einer Schutzwand verborgen. Die Identität des Opfers ist vorerst unbekannt, es ist ungefähr 40 Jahre alt. Der Mann wurde wenig später in einen Sarg aus Edelstahl gelegt und ins IRM gefahren, noch bevor jemand vom Kunstraum erreicht werden konnte.
Bauarbeiter als Dragqueen
Im Laufe der folgenden Stunden konnte das eine oder andere geklärt werden: Der Fundort wurde wohl einzig gewählt, um der Kunst des Drapierens vor einer Kulturinstitution die zweifelhafte Ehre zu erweisen. Vom Verstorbenen gab es keinerlei Verbindungen zum Kunstraum. Bei dem 44-jährigen Opfer handelte es sich um Edouardo Da Santo, wohnhaft im Holenacker, ledig, Bauarbeiter bei einem grossen Berner Bauunternehmen. Befragungen in der Nachbarschaft hatten ergeben, dass der Brasilianer regelmässig Billard und Darts im «Bentelis» spielte.
Bei der Durchsuchung seiner einfach eingerichteten 2½-Zimmer-Wohnung wurde Bargeld in verschiedenen Währungen – Euro, US-Dollar und Schweizer Franken – im Wert von ungefähr 50’000 Franken gefunden, das nicht einmal besonders gut versteckt war. Die befragten Nachbarn beschrieben Da Santo als «zurückhaltend, ruhig und liebenswürdig». Und so jemand sollte Feinde haben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten? Schwer vorstellbar. «Fige, und wenn wir einzig davon ausgehen, dass er Brasilianer war und als Dragqueen zur Schau gestellt wurde?» – «Regula, du meinst, dass …» – «Ich meine gar nichts, aber das Geld passt doch nicht zu einem Bauarbeiter.»
Täter untergetaucht
Ohne dass die beiden mehr sagen mussten, wussten sie, was zu tun war. Kneubühl rief umgehend eine Vertrauensperson an, einen Insider im Berner Milieu. Bürki ihrerseits kontaktierte eine Freundin, Journalistin der Berner Zeitung, die bereits über Dragqueen-Veranstaltungen berichtet hatte.
Am frühen Abend war das Puzzle fast vollständig, mit Ausnahme des wichtigsten Teils. Da Santo hatte nicht nur Beziehungen in die Berner Brasil-Szene, sein Job als Bauarbeiter und die einfache Wohnung waren eine perfekte Tarnung. Er war erst seit einigen Monaten in Bern gemeldet. Spezialfahnder der Kapo Bern hatten Da Santo jedoch bereits auf dem Radar, wie Informationen ihrer Kollegen aus Zürich ergaben. Der Tote war auch in der Drag-Szene kein Unbekannter, obwohl er selbst nicht aktiv war. Ins Gesamtbild passten hingegen zwei wichtige Puzzleteile. Da Santo flog regelmässig nach Brasilien, um mutmasslich neue Tänzerinnen für Schweizer Clubs zu rekrutieren. Für diese Dienstleistung wurde er fürstlich honoriert, was seine finanzielle Situation erklärte. Am nächsten Tag wurde Kneubühl gemeldet, dass Unbekannte die mit zwei Klebern versiegelte Wohnung Da Santos geöffnet und im Innern ein Chaos hinterlassen hatten – vermutlich auf der Suche nach dem Bargeld.
Diese Vermutung bestätigte sich zwei Wochen später. Da Santo hatte Vorauszahlungen für nicht erbrachte Leistungen bezogen und im Gegenzug einen Konkurrenten bei der Staatsanwaltschaft Zürich verpfiffen, mit erdrückender Beweislast. Die Mörder Da Santos befanden sich hingegen noch auf freiem Fuss und hielten sich vermutlich in Südamerika auf.