Freundlichkeit auf Schweizer Art

Marmar Ghorbani
Ein ausgeliehenes Badetuch als Geste der Freundlichkeit.

Foto: zvg/EE

Einfach erklärt
Marmar Ghorbani lebt seit 2017 in Bern West. Sie stammt aus Persien, dem heutigen Iran. Sie schreibt hier über Alltagssituationen, die sie berühren, irritieren und auch mal schmunzeln lassen. 
Unsere Kolumnistin trifft immer wieder ganz verschiedene Menschen. Sie erzählt von unerwartet freundlichen Begegnungen.

Vor langer Zeit hörte ich einmal folgende Theorie: «Vor allem in warmen oder armen Ländern sind die Menschen wirklich freundlich und herzlich.» Als ich in die Schweiz zog, bereitete ich mich also auf ein Land vor, das weder warm noch arm ist.

In meinen ersten Wochen entdeckte ich ein Schwimmbad, das eine kostenlose Probestunde anbot. Wie jemand, der gerade im Lotto gewonnen hat, ging ich hinein – nur um festzustellen, dass ich zwei entscheidende Dinge vergessen hatte: ein Badetuch und eine Münze für das Schliessfach. Da stand ich also, etwas verloren in meinem Badeanzug, und fühlte mich hilflos. Eine ältere Frau bemerkte mich und fragte leise, ob alles in Ordnung sei. Nachdem ich es ihr erklärt hatte, reichte sie mir ein Tuch und eine Münze und sagte: «Wenn Sie fertig sind, legen Sie beides einfach vor meinen Spind», und zeigte lächelnd darauf. Es war so unerwartet, dass ich mich kaum bedanken konnte – vor allem mit meinem damals noch begrenzten Deutsch. Nach dem Schwimmbad legte ich das Tuch und die Münze mit einem kleinen Zettel zurück: «Vielen, vielen Dank!» Bis heute wünsche ich mir, ich könnte sie noch einmal treffen und mich richtig bedanken. Diese stille, praktische Geste der Freundlichkeit bedeutete mir mehr als das Gratisbad selbst.

Einige Zeit später besuchte ich an einem Samstag einen grossen Secondhand-Laden und fand eine wunderschöne, alte Vase. An der Kasse erfuhr ich, dass nur Barzahlung möglich war – und ich hatte kein Bargeld dabei. Ich wollte die Vase dalassen und später zurückkommen, doch der Verkäufer lächelte und sagte: «Nehmen Sie die Vase mit und bringen Sie das Geld nächsten Samstag. Unter der Woche haben wir geschlossen. Geniessen Sie Ihre Vase.» Dieses Vertrauen berührte mich tief. Es widersprach völlig dem Klischee, das ich über die Schweiz gehört hatte: «Zuerst zahlen, dann geniessen.» Denn sogar die SBB ist manchmal wie eine Mutter: «Einzahlen, einsteigen, geniessen.»

Ein anderes Mal rannte ich nach der Arbeit zum Zug von Biel nach Bern. Gerade als ich die Treppe zum Gleis erreichte, rief mir eine junge Frau von oben zu: «Der Zug ist gerade abgefahren. Du hast zwei Minuten, um den anderen auf dem nächsten Gleis zu erwischen. Lauf.» Ich rannte los und erwischte ihn. Sie ersparte mir eine halbe Stunde Wartezeit. Ich schulde ihr noch immer ein Dankeschön.

Dann war da noch die Zeit, als ich an der falschen Bushaltestelle wartete. Ein Mann auf der gegenüberliegenden Strassenseite bemerkte es, überquerte die Strasse und erklärte mir, dass diese Haltestelle nicht mehr in Betrieb sei. Er hätte mich ignorieren oder mir einfach hinüberrufen können, doch er kam herüber, erklärte mir ruhig die Situation und wünschte mir einen schönen Tag.

Es gab jedoch auch Augenblicke, in denen mir die Freundlichkeit um mich herum weniger behagte. Einmal warf ich eine Bananenschale in einen Abfalleimer im Zug, ohne zu bemerken, dass darauf «Nur Papier» stand. Niemand sagte etwas. Ein anderes Mal im Bus brach ein junger Mann den Nothammer heraus, steckte ihn in seine Tasche und murmelte auf Schweizerdeutsch: «Ich brauche den.» Alle sahen zu – schweigend. Es gab kein Kopfschütteln, kein Wort. Auch ich musste mich zwingen, still zu bleiben.

In solchen Momenten sehnte ich mich nach einer anderen Art von Freundlichkeit, einer, die zwar bestimmt klingt, aber trotzdem gut gemeint ist. Zum Beispiel, als sich am Flughafen eine britische Frau vor mich stellte und mit fester Stimme sagte: «Entschuldigen Sie, aber die Schlange beginnt dort drüben. Wissen Sie, ich bin Britin – und Schlange stehen ist meine Nationalitäts-Spezialität.» Ich musste über ihre Strenge lächeln und mochte diese Szene sehr. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich das Ende der Schlange übersehen hatte, und sagte, dass ich ihre nationale Kompetenz bestimmt nicht beleidigen wollte.

Mit der Zeit habe ich verstanden: Freundlichkeit hat viele Gesichter. In der Schweiz zeigt sie sich oft als leise Hilfe, als stilles Vertrauen – kleine Gesten, die nichts zurückverlangen. Aber manchmal bedeutet Freundlichkeit auch, etwas zu sagen, zu korrigieren oder zu verteidigen, was richtig ist. Früher dachte ich, die eine sei wärmer als die andere. Heute glaube ich: Es braucht beide. Die eine hält uns sanft. Die andere hält uns ehrlich.

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