Alltagsstempel «Italia»

Thomas Bornhauser
Mortilli auf der Terrasse des Restaurants Lago Hinterkappelen.

Foto: BO

Einfach erklärt
Unser Autor beginnt ein Gespräch mit Fabrizio Mortilli vom Restaurant Lago in Hinterkappelen. Er arbeitet dort. Er erklärt, weshalb er eine NASA-Jacke trägt, wo er vorher gearbeitet hat und wieso er das Schweizer Bildungssystem gut findet. 
Einen Grossteil meines Lebens verbringe ich mit Warten. Dies deshalb, weil ich zu einem Treffen, in welcher Form auch immer, nie zu spät kommen will. Beim heutigen Bericht ist es mir so ergangen: Ich wieder viel zu früh zu einem Rendezvous im Restaurant Lago in Hinterkappelen. Weil noch niemand da ist, beginne ich ein Gespräch mit Lago-Mann Fabrizio Mortilli. Und merke sehr schnell, dass seine Aussagen sehr gut in diese Serie passen.

Fabrizio Mortilli, über die Qualifikation zur Fussball-WM wollen wir mit einem Tifoso nicht reden. 

(Schmunzelt) Molto gentile, grazie.

Weshalb tragen Sie eine Jacke aus Cape Canaveral?

Jetzt werde ich Sie enttäuschen. Ich habe sie hier in der Schweiz gekauft, spontan, weil sie mir gefiel.

Kann ich verstehen. Die USA sind als Land – ich wiederhole mich: als Land – fantastisch. Auch schon dort gewesen?

(Seufzer) Nein, bis jetzt habe ich einzig Europa bereist. Aber Amerika wäre schon was Tolles, New York, Miami, Las Vegas. Vielleicht zu meinem Vierzigsten 2026, aber vermutlich noch nicht.

Zurück auf Startfeld 1. Wo sind Sie aufgewachsen?

Ich bin 1986 in Napoli geboren und bin auch dort zur Schule gegangen. Mein Vater, ich bin Einzelkind, ist gestorben, als ich 12 Jahre alt war. Meine Mutter hat in einem Büro für Theateraufführungen gearbeitet.

Neapel. Dort brodelt es doch?

Ach wissen Sie, sobald in Napoli etwas passiert, wird es gleich in den Medien aufgeblasen. Als es in Italien vor einigen Jahren Probleme mit der Abfallentsorgung gab, kam einzig Neapel in die Schlagzeilen. Dabei waren auch andere Städte betroffen, zum Beispiel Rom. Neapel ist nicht besser oder schlechter als andere Städte.

Ich meine mit dem Brodeln etwas anderes.

(Überlegt kurz) Aha … Sie meinen den Supervulkan westlich von Napoli? Ja, da fürchtet man sich vor einem Ausbruch und beobachtet die Entwicklung genau. Allerdings geht es nicht um den Vesuv, der im Jahr 1979 Pompeji in Schutt und Asche legte, sondern um ein riesiges Gebiet, das instabil ist. Und tatsächlich brodelt.

Wann sind Sie in die Schweiz gekommen? 

2013 war ich beruflich in Bern und habe mich in die Stadt verliebt. Zwei Jahre später bin ich hierhergezogen.

Seit 2015 in Bern. Was haben Sie beruflich gemacht, woher Ihre Deutschkenntnisse?

Grazie, ich arbeite daran, gebe mir Mühe. Ich habe bereits in Italien in der Restauration gearbeitet, unter anderem fünf Jahre im Viersternehotel Hotel Première Napoli. Ich habe in jener Zeit eine neue Herausforderung gesucht und hatte eine Vision, weshalb mir Bern wieder in den Sinn kam. Zuerst war ich in der Casa d’Italia in der Länggasse, dann eine Zeit bei McDonald’s in der Neuengasse. Seit Oktober 2017 arbeite ich im Lago Hinterkappelen. Zuerst als Tellerwäscher, anschliessend am Buffet, dann im Service. Heute bin ich Chef de service (der Stolz darüber schwingt mit). Zudem wohne ich in Hinterkappelen und bin in zwei Minuten im Lago.

Das Lago wird mit italienischer Küche geprägt. Ist auch die Mehrzahl der Gäste aus Italien?

Falsch! Kein Vergleich mit der Casa d’Italia. Das lässt sich auch durch die vielen Familienfeste belegen, die wir für die unterschiedlichsten Kulturen durchführen. Das Lago ist multikulturell aufgestellt, aber, wie Sie sagen, drückt Italia den Alltagsstempel auf.

Hobbys?

Autos! Da ist mir Lustiges passiert. Eine der ersten Garagen, die ich in und um Bern wahrgenommen habe, war jene von Herrn Németh in Hinterkappelen.

Und jetzt? Mit Ferrari unterwegs?

(Lacht) Ich arbeite in der Gastronomie, bin kein Banker. Ich fahre einen Alfa Romeo Stelvio.

Wie gefällt es in Hinterkappelen?

Ich bin sehr zufrieden, in jeder Beziehung. Ein guter Job mit tollen Kolleginnen und Kollegen. Der öV verkehrt praktisch nonstop, es gibt Einkaufsmöglichkeiten, eine Post, eine Apotheke. Die Natur haben wir vor der Tür, ebenso Fussballplatz, Tennisplatz und, und, und… Überhaupt ist der Westen von Bern super, samt dem grossen Freizeit- und Einkaufszentrum.

Als Neapolitaner: Wie nehmen Sie die Schweiz wahr?

Ich bin überrascht, wie offen die Leute hier sind, obwohl man oftmals das Gegenteil hört. Was mir auffällt, ist das Bildungsniveau der Menschen. Möglicherweise, weil sich vier verschiedene Sprachen und Kulturen in einem kleinen Land vereinigen. Sicher ist, dass man hier im Vergleich zu anderen Ländern ganz andere Perspektiven hat und dass man Visionen entwickeln kann, wenn man nur will. Das hiesige Bildungssystem ermöglicht das.

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