Dankbarkeit der Hinterbliebenen

Thomas Bornhauser
Urnen gibt es in jeder erdenklichen Variante.

Foto: BO

Einfach erklärt
Unser Autor hat sich den Beruf des Bestatters näher angeschaut. Er hat aber mehr zugeschaut als selbst etwas gemacht. Am schwierigsten an diesem Beruf ist es, wenn man einen Sarg für Kinder machen muss. Bestatter erhalten von den Hinterbliebenen oftmals grosse Dankbarkeit.
Es gibt gewisse Tabuthemen, die jedoch im Laufe der Zeit immer mehr aufgebrochen werden. Der Tod gehört dazu. Deshalb habe ich einige Stunden als Volontär beim Bestattungsdienst von Oswald Krattinger in Bümpliz-Bethlehem verbracht. Eher vor als hinter den Kulissen.

Mit der Werbung ist es bei Bestattungsdiensten so eine Sache. Ich habe kürzlich gestaunt, als ich in einem Berner Schaufenster las, dass man sich «ab 1965 Franken inkl. einfachem Sarg aus Schweizer Herstellung» beim Unternehmen bestatten lassen kann. «Bestattung light» hiess das. Ähnlich wie bei einem Ferienanbieter: «Las Palmas ab 990 Franken.»

Präzision und Geschwindigkeit

Im Prinzip existiert die Oswald Krattinger AG mit einigen Übernahmen und Änderungen seit über 100 Jahren. Heute führen die Geschwister Gabriela und Martin Krattinger das Unternehmen in zweiter Generation.

Eine gute Frage noch vor Amtsantritt: Wie komme ich als Schreiberling dem Beruf eines Bestatters in nur wenigen Stunden näher? Was werde ich wohl zu tun haben? 

Martin Krattinger weiss genau, was er mit mir vorhat. Das heisst, eigentlich hat er keine Ahnung. Denn meine Aufgabe soll es sein, einen noch leeren Holzsarg auszupolstern. Ich und Handarbeit. Da kann eine Simmentaler Kuh noch besser Klavierspielen. Aber ich gebe mich echt interessiert und staune, mit welcher Präzision und Geschwindigkeit so ein Holzsarg liegefertig gemacht wird. Details am Rande: «Ich glaube nicht alle Unternehmen empfehlen den Angehörigen den günstigsten Sarg. Manche wollen eher ein Mittelklasse-Modell verkaufen. Und ohne Kissen wird bei uns niemand in den Sarg gebettet. Uns geht es nicht um den Verkauf des Kissens, sondern um Pietät. Deshalb fragen wir immer, ob die verstorbene Person ein persönliches Kissen hatte. Und nur wenn dies nicht der Fall ist, nehmen wir eines von uns. Dies nur als kleines Beispiel», erklärt Krattinger.

Diamanten und Harley-Davidson-Zylinder

Zwei Dinge dürfen bei keinem Bestatter fehlen: Särge und Urnen. Erstere gibt es aus Pappel, Tanne oder Nussbaum. Sie werden in der Schweiz aus Schweizer Holz gefertigt, einzig die massiven Särge werden aus Italien importiert. Urnen sind aus Holz, Metall oder Keramik und auch in einer biologisch abbaubaren Version erhältlich.

Ich frage mich ziemlich unsortiert durch meine Notizen, im Wissen, dass der Platz für meine Reportage beschränkt ist. Sehr beschränkt. Item. Es gab viel darüber zu lesen, dass man sich aus der Asche eines Verstorbenen einen Diamanten herstellen lassen kann – etwa als Fingerring. Nachfrage? «Gering», sagt Krattinger, «denn ein Erinnerungsdiamant aus Domat-Ems ist nicht billig. 5000 Franken sind schnell erreicht.» 

Gerade was Urnen anbelangt, ist die Bandbreite des Angebots enorm. Sogar ein Modell, das aus dem Zylinder einer Harley-Davidson gefertigt wurde, steht bei meinem Besuch auf einem Tisch. Der Verstorbene war ein bekennender Harley-Davidson-Fahrer – über seinen Tod hinaus.

Ein dankbarer Beruf

«Am meisten zu schaffen macht es mir, einen Kindersarg herstellen zu müssen, vor allem, wenn man selbst Kinder hat», so Krattinger. 

Wir besuchen danach den Friedhof in Bümpliz, wo ich viel über die letzte Ruhestätte der Menschen erfahre. Beispielsweise, dass klassische Reihengräber zunehmend seltener werden. Gefragt sind Themenfeldgräber, die in sich abgeschlossen sind, beispielsweise Wald-, Blumen- oder Pflanzenfelder. Oder aber Gemeinschaftsgräber. Immer öfter wird die Asche der verstorbenen  Person nach Hause gebracht, wo sie dann an deren Lieblingsplatz ihre letzte Ruhestätte findet.

Hat die TV-Sendung die Nachfrage nach dem Beruf des Bestatters eigentlich verändert? Gaby Krattinger lacht: «Nicht wirklich, nein. Wir haben seit Jahren eine erhöhte Nachfrage. Wenn die Leute aber merken, dass sie mit ihrem 9-to-5-Job einfacher dran sind, ist das Thema schnell vom Tisch.» Zum Schluss fügt sie hinzu: «Es ist fantastisch, welche Dankbarkeit wir von den Hinterbliebenen erfahren, weil wir ihnen in einer Ausnahmesituation helfen können.»

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