Ich sehe sie schon von Weitem in einem Restaurant – und denke mir, dass sie bestimmt eine inte-ressante Gesprächspartnerin wäre (ich sollte mich nicht irren). Ob sie wohl mitmacht? Sehr apart und sehr attraktiv, wie sie dasitzt. Für mich kein Hinderungsgrund, sie zu fragen. Zana, die sich als überaus charmant herausstellt, sagt sofort zu, obwohl sie nicht Zana heisst und ebenfalls kein Foto von ihr abgebildet ist. Das hat seine Gründe.
Freiheit in der Schweiz
Zana ist Kurdin, in der Türkei aufgewachsen, mit all den Repressionen, die ihr Volk erleben, nein, erleiden muss. Sie ist zudem Alevitin, was ein zusätzliches Hindernis im Alltag ist. Werden die Aleviten doch vom Staat nicht als eigene Religionsgemeinschaft anerkannt. Im Gegenteil: Sie werden benachteiligt und ausgegrenzt. Zana selber gibt sich sehr offen im Gespräch. Ich anonymisiere ihren Namen dennoch, verzichte auch darauf, hier Orte oder Namen zu nennen. Ich will sie schützen. Auch Sie, liebe Lesende, werden bald merken, weshalb.
Nur soviel: Sie lebt im Lesegebiet dieser Zeitung und arbeitet seit einigen Jahren als Serviceangestellte in einem hiesigen Restaurant. Das Betreiberehepaar lobt sie über den bekannten grünen Klee und schwärmt von ihren Gästen, Schweizern, Europäern und Kurden gleichermassen, viele davon Stammgäste.
In einem türkischem Gefängnis
Geboren wird Zana in einer kurdischen Stadt in der Türkei, geht dort auch zur Schule. Am Gymnasium beginnt sie, sich für Theater zu interessieren, und bildet sich auf diesem Gebiet weiter. Eines Tages nimmt sie an einer Demonstration in Istanbul gegen Missstände in türkischen Gefängnissen teil, wird auf der Stelle festgenommen und in eines dieser Gefängnisse gesteckt. Ich wage mich nicht, nach ihren Erinnerungen an diese Zeit zu fragen, es reicht, wenn sie mir verrät, dass sie, zusammen mit anderen Inhaftieren, aus Protest einen Hungerstreik begonnen hatte. Während dreier Monate (!) isst Zana nichts, nimmt 28 Kilo ab. Nach ihrer Haftentlassung verlässt sie ihr Heimatland, im Wissen, wohl nie mehr zurückkehren zu können, da sie sofort verhaftet würde. Gleiches gilt auch für ihren Mann, ebenfalls Kurde, den sie in Bern kennengelernt hat. Er ist seit langem Mitarbeiter in einer Pflegeinstitution. Das Verrückte dabei: Er stammt aus dem gleichen Dorf wie Zana, die Familien kennen sich. Die beiden sind seit vielen Jahren verheiratet, haben keine Kinder. «Aber eine Katze», sagt Zana lachend. Als wir auf die Familien in der Türkei zu sprechen kommen, wird Zana nachdenklich. «Weil es für uns wohl kein Zurück mehr gibt, können wir nicht einmal zur Beerdigung von Familienangehörigen oder Freunden. Das tut weh, nicht Abschied nehmen zu können.»
Parlons nous en français?
Zana spricht sehr gut Schriftdeutsch. Nun gut, nach über 20 Jahren in der Schweiz kann das nicht erstaunen. «Zu Beginn in Bern bin ich in eine Sprachschule gegangen, um mich so schnell als möglich verständigen zu können.» Das gilt auch für ihren ersten Aufenthaltsort in der Schweiz, in Sion. Auch dort besucht sie Sprachkurse. «Alors, on parle français?», schlage ich vor. «Non, plutôt allemand.» Alles klar.
In Sion, nach einigen Monaten in einem Laden der Caritas beschäftigt, absolviert sie eine verkürzte Ausbildung als Coiffeuse, wechselt nach einem Jahr im Unterwallis nach Bern, wo sie seither als Serviceangestellte tätig ist. «Bei meiner ersten Stelle war ich allerdings keine grosse Hilfe, verstand noch kein Deutsch, kannte aber immerhin alles, was auf der Speisekarte stand…»
Schriftstellerin
Was hat Zana für Hobbys? «Ich schreibe Gedichte, Romane.» Zana zeigt mir Buchumschläge ihrer bisher fünf Bücher. Beeindruckend. Und die Zukunft, was wird sie ihrem Volk bringen? «Solange kein politischer Wechsel stattfindet, wird sich die Situation für Kurdinnen und Kurden und uns Aleviten nicht ändern.» Das sei vor allem für die jüngere Generation schlimm, weil ihr dadurch viele Möglichkeiten – auch berufliche – verwehrt bleiben.
Über die Gesprächspartnerin
Um sie zu schützen, nennen wir unsere Gesprächspartnerin Zana. Sie ist Kurdin, verbrachte nach einer Demo mehrere Monate im Gefängnis in Istanbul. Seit über 20 Jahren lebt sie in der Schweiz und arbeitet als Serviceangestellte.