«Ich bleibe bis im Sommer»

Salome Guida
Von Salome Guida - Redaktorin
Roberto Campanielli (Mitte) mit Goalietrainer Maurizio Cornacchia und Assistent Ricardo Garcia – und mit dem Cup-Pokal.

Foto: zvg

Einfach erklärt
Roberto Campanielli ist seit vielen Jahren wichtig für den SC Holligen 94. Er war Spieler, im Vorstand, Präsident und Trainer. Er führte die Frauen zum Cupsieg. Nun hört er als Trainer auf. Er bleibt noch Sportchef.
Nach 13 Jahren gibt Roberto Campanielli die 1. Mannschaft der Frauen in neue Trainerhände. Dem SC Holligen 94, dem er seit über 30 Jahren treu ist, bleibt er als Sportchef erhalten.

«Ich übernehme das Frauenteam bis im Sommer», so die Worte von Roberto Campanielli, als kurzfristig der Trainer ausfiel. Campanielli, ehemaliger Torhüter des SC Holligen 94, hatte während und nach seiner Aktivzeit zehn Jahre lang Junioren und die Aktivteams der Männer trainiert. Nun sprang er also bei den Frauen ein, «bis im Sommer». «Ich nannte aber kein Jahr», ergänzt er die Erzählung mit einem verschmitzten Lachen. Denn diese Episode ist nun über 13 Jahre her – erst in diesem Sommer hat er das Amt abgegeben.

Drei Tritte, Goalie, Trainer

Als B-Junior des SC Ittigen überschritt er erstmals die drei Treppenstufen, die zum «Steigi» führen. «Mit diesen drei Tritten taucht man in eine Atmosphäre ein, die anders ist als an anderen Orten», beschreibt er das Besondere dieses Moments. Damals fehlte den Holligern ein Goalie, Campanielli sprang ein – und blieb bis heute. «Hier bewegt man sich in einer Welt, in der 40 Nationen vertreten sind. Man merkt schnell, dass jeder für jeden da ist», erklärt er. So kam es, dass er sich schon als 20-Jähriger im Vorstand engagierte und dies bis heute nie unterbrach. Jahrelang war er Captain der 1. Mannschaft. «Dann fing ich an mit ‹trainerlen›. Zeitenweise war ich fünf- bis sechsmal pro Woche hier», sagt der Ostermundiger. Mit 27 entschied er sich schliesslich, seine Aktivkarriere zugunsten des Traineramts zu beenden. Zuerst bei den C-Junioren, dann bei der 2. Herrenmannschaft in der 5. Liga, es folgten der Aufstieg bis in die 3. Liga und die Übernahme des «Eis». Nach zehn Jahren war es Zeit, eine Pause einzulegen. Bis eine wegweisende E-Mail im Postfach landete.

«Sonst bin ich der Falsche.»

Elf Frauen suchten eine neue Fussballheimat. Beim Vorstand, der schon seit Jahren davon gesprochen hatte, ein Frauenteam zu gründen, rannten sie offene Türen ein. «Sie besuchten uns, als ich zufällig auch da war. Wir plauderten ein wenig, ‹schütteleten› dann zusammen und damit fing es an.» Aus 11 wurden 15, dann 20 – genug, um eine Mannschaft beim Verband anzumelden. Als Roberto Campanielli das Traineramt mitten in der Saison übernahm, war das Team Schlusslicht der untersten Liga. «Wenn ihr euch damit zufriedengebt, seid ihr nicht im richtigen Hobby und ich bin der Falsche für euch», waren seine ersten Worte ans Team. In der darauffolgenden Rückrunde ging kein Match mehr verloren. Bald waren sie Tabellendritte, später stiegen sie zwei Ligen auf. Nach Corona folgte der Aufstieg in die 2. Liga und kurz danach sogar in die 1. – die dritthöchste Schweizer Liga bei den Frauen. Eigentlich ein guter Moment, um nach zehn Jahren das Traineramt abzugeben, dachte Campanielli. Doch weil klar war, dass es auf diesem Niveau eine harte Saison werden würde, wollte er das Team nicht im Stich lassen. «Noch eine Saison», so der Plan. Doch nach dem direkten Wiederabstieg kam der Coach zum Schluss: «Es wäre schade, mit dem Abstieg aufzuhören.» Schliesslich war ein grosses Ziel noch nicht erreicht: den Berner Cup zu gewinnen. «Seit zehn Jahren sprachen wir davon, nun wollten wir es noch einmal anpacken.» Zwei Saisons später, am vergangenen Pfingstmontag, war es soweit: Die Holligerinnen setzten sich in Frutigen gleich mit 5:0 gegen den FC Weissenstein durch. 

Stabübergabe

«Als der Schiedsrichter abpfiff, war es ein unbeschreiblicher Moment. Eine Art Leere gepaart mit dem Wissen: ‹Du hast es erreicht›», erzählt Campanielli. Nun sei es wichtig, dass jemand mit neuen Inputs übernimmt, bei dem sich die Spielerinnen wieder beweisen müssen. Mit Berkan Idrizi, der in der vergangenen Saison die U23 der FC Thun Frauen an die Spitze der 2. Liga führte, hat der Club einen vielversprechenden Trainer gefunden, um das Werk von Campanielli weiterzuführen. Und er selber – hört er nun ganz auf? Er schmunzelt. «Es ist vielleicht ganz gut, wenn ich im Hintergrund noch helfen kann. Darum bleibe ich sicher noch ein Jahr lang Sportchef, neu gemeinsam mit meiner langjährigen Spielerin Yasmin Weber, die ihre Perspektive einbringt.»

Noch immer ist der 49-Jährige in Ostermundigen wohnhaft, und noch immer verbringt er mehr Zeit in Holligen als dort. Auch beruflich hat er nach 16 Jahren in der Versicherungsbranche einen neuen Weg eingeschlagen: Es scheint alles gut zusammenzupassen. Die Leidenschaft für den Verein ist derweil ungebrochen gross. Mit Begeisterung erzählt er davon, wie der SC Holligen 94 – zusammen mit Kaufdorf – unter seiner Zeit als Präsident schweizweit als erster Fussballclub die Zertifizierung «Quality Club» erhielt und sie soeben erneuern konnte. Mit einem «Training für alle» in Partnerschaft mit Insieme oder mehreren Frauen im Vorstand, einer Initiative gegen Gewalt oder einer Anlaufstelle für Kindesmisshandlung zeigt sich: Es ist mehr als nur ein Stück Papier. Campanielli war federführend für das soeben abgeschlossene Projekt der Clubhauserweiterung. Auch für einen Kunstrasen setzte er sich gemeinsam mit dem Vorstand seit Jahren ein – nun zeichnet sich eine Lösung ab. Mehr als 150 Mädchen und Frauen spielen inzwischen auf dem «Steigi». Roberto Campaniellis Bereitschaft, «bis im Sommer» etwas aufzubauen, hat mit dazu beigetragen. Gegen Ende des Gesprächs denkt er kurz nach und bilanziert dann: «Ich habe jede Minute, die ich hier verbracht habe, ins Herz geschlossen.»

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