Wenn am Sonntagmorgen die Berner Kirchenglocken läuten, sitzen stadtweit die Organistinnen und Organisten bereit, um den Gottesdienst mit einem Eingangsspiel zu eröffnen. Sie begleiten die Lieder, untermalen das Abendmahl musikalisch und gehören zur Kirche wie die Pfarrerin oder der Sigrist. Eine von ihnen ist Jiyoung Kim-Barthen.
Musikbegeisterte Familie
«Ich bekam als Kind durch die Kirche früh einen Bezug zur Kirchenmusik», erzählt die Organistin in der an diesem Sommertag angenehm kühlen reformierten Kirche Bümpliz. Seit vier Jahren gestaltet sie hier die Gottesdienste mit. Sie wuchs unweit der südkoreanischen Hauptstadt Seoul auf und kam schon früh mit Musik in Kontakt. «Damals war es in vielen koreanischen Familien selbstverständlich, dass Kinder zumindest ein Instrument erlernen. Meine älteren Cousinen spielten alle Klavier, und so kam auch ich ganz natürlich dazu. Als meine Grossmutter mir ein Klavier schenkte, war das ein besonderer Moment und vermutlich der Beginn meiner musikalischen Reise», erklärt sie. Diese Reise führte sie zuerst ans Kunstgymnasium mit Schwerpunkt Musik und schon kurz darauf nach Deutschland, wo sie in Saarbrücken und in Stuttgart Kirchenmusik, Musikpädagogik und künstlerisches Orgelspiel studierte. Konzerte und Musikwettbewerbe führten sie in diverse andere Länder. Es war schliesslich die Liebe, die sie im bayrischen Augsburg weitere Wurzeln schlagen liess. Und die sie nach Bern führte: Ihr Mann Christian Barthen erhielt eine Stelle als Organist und künstlerischer Leiter der Musik am Berner Münster sowie als Orgelprofessor an der Hochschule der Künste Bern. «Noch während des Umzugs erfuhren wir von der ausgeschriebenen Stelle in Bümpliz», erinnert sie sich. «Ich hatte sofort ein gutes Gefühl und dachte mir: Ich probiere es einfach mal und schaue, was daraus entsteht.» Mit dem Umzug begann für die Familie weit mehr als nur ein neuer beruflicher Abschnitt. «Früher waren wir beide auf der ganzen Welt viel unterwegs. Die Schweiz ist zu einer zweiten Heimat für mich geworden. Es fühlt sich an, als wären wir angekommen. Wir haben uns gut eingelebt», schwärmt sie. Und ergänzt mit einem Schmunzeln: «Unsere Tochter fühlt sich wie eine Schweizerin; sie spricht breites Berndeutsch.» Die Familie lebt in Neuengg, die Tochter kennt es nicht anders, als an den Sonntagen die Eltern zum einen oder zum anderen Gottesdienst zu begleiten. Sie besucht die jeweiligen Kindergottesdienste und singt im Berner Münster Kinder- und Jugendchor mit, erzählt die Mutter nicht ohne Stolz. «Es ist schön, dass sie Freude an der Musik hat und selber auch Klavier spielt.»
Die passende Klangfarbe finden
Diese Freude an der Musik ist etwas, das im Gespräch immer wieder aufscheint. Jiyoung Kim-Barthen spielt Klavier, Orgel und Cembalo. Während sie die grosse klangliche Bandbreite des Klaviers schätzt und die Möglichkeit, damit viele Emotionen auszudrücken, fasziniere sie das Cembalo durch seinen klaren, transparenten Klang und seine enge Verbindung zur Barockmusik. Diese beiden Instrumente funktionieren durch das Anschlagen bzw. Zupfen der Saiten. Die Orgel hingegen erzeugt die Töne mithilfe eines Gebläses und durch Pfeifen. «Mich begeistern die unterschiedlichen Klangfarben und die räumliche Wirkung des Klangs; es ist wie ein ganzes Orchester», beschreibt es die vielseitige Musikerin. Jede Kirchenorgel wird für den jeweiligen Kirchenraum gebaut. Diejenige in Bümpliz sei mit ihren zwei Manualen eher klein, aber sie passe gut zur Akustik des Raumes. Für jeden Gottesdienst, für Taufen, Hochzeiten, Abdankungsfeiern probiert sie aus, welche Klangfarbe und welcher Stil am besten geeignet sind. «Ich achte darauf, dass die Musik je nach Thema der Predigt stimmig ist und sich ins Kirchenjahr einfügt.» Dabei bringt sie ihre reiche Erfahrung ein, hat auch schon mal ein koreanisches Volkslied gespielt.
Vielseitig und engagiert
«Jiyoung Kim-Barten ist ein gros-ser Gewinn für unsere Kirchgemeinde», sagt Sandra Rüfenacht mit Überzeugung. Die Präsidentin des Kirchgemeinderates weist auf die Vielseitigkeit der Organistin hin. Ihr reiches Repertoire bringe von Klassik über Operetten bis zur erwähnten koreanischen Musik viel Abwechslung in den Kirchenalltag. «Die Leute schätzen dies enorm.» Zudem sei sie eine liebenswürdige Person und gebe sich viel Mühe, bringe Ideen ein und entwickle neue Formate. Innerhalb kurzer Zeit habe sie ein grosses Netzwerk aufgebaut und schaffe es immer wieder, für Konzerte hochkarätige Musizierende einzuladen. In den Gottesdiensten komme es immer wieder vor, dass die Leute nach dem Ausgangsspiel spontan applaudieren. Doch es geht der Musikerin nicht um Applaus oder Anerkennung. Viel mehr möchte sie das, was die Musik in ihr bewirkt, weitergeben. Sie verbindet die Musik auch mit ihrer Spiritualität und ihrem Glauben an Gott. «Ich freue mich, wenn jemand durch meine Musik in der Kirche im Glauben gestärkt wird.» Mehrfach hätten ihr Gottesdienstbesuchende erzählt, ihre Musik habe sie berührt und ihnen in schwierigen Zeiten Kraft gegeben. Dass Musik Menschen berühren könne, habe in der Kirche seit jeher eine grosse Bedeutung. Schon in der Bibel spielen Lobpreis und Musik eine wichtige Rolle. «Sie schafft es, die Menschen zu berühren.» Jiyoung Kim-Barthen fasst zusammen: «Ich spiele meine Musik für Gott und für die Menschen.»