Bei Antritt ihrer Schicht geht Fatima Redzic in ihrer weissen Kleidung ins Zimmer ihres ersten Bewohners. Sie lächelt, bevor sie überhaupt etwas sagt. Dieses Lächeln ist warm, ruhig, vertraut und es begleitet sie durch ihren ganzen Tag. Wer sie erlebt, versteht sofort, warum Menschen sich in ihrer Nähe sicher fühlen.
Wenn das eigene Zuhause irgendwann zu gross wird und der Alltag zu schwer, wenn man die letzten Monate oder Jahre seines Lebens im Altersheim verbringt, dann wünscht man sich vor allem eines: Menschen, die einem guttun. Menschen, die professionell pflegen, aber auch Wärme schenken. Einen Ort, an dem trotz allem noch gelacht wird und Lebensfreude Platz hat. Mit etwas Glück trifft man dort auf jemanden wie Fatima Redzic.
Dieses Porträt erscheint anlässlich des Tags der Pflege vom 12. Mai und zeigt eine Frau, die diesen Beruf mit Herz lebt. Redzic ist dreifache Mutter, ursprünglich im Detailhandel ausgebildet, und entschied sich kurz vor ihrem 40. Geburtstag, ihr Leben neu auszurichten. Sie strahlt Ruhe, Kompetenz und Herzlichkeit aus. Ihre Augen sind von Lachfältchen geprägt. Seit fast 24 Jahren lebt sie mit ihrem Mann in der Schweiz, hat in Bümpliz ihre Kinder grossgezogen und sich dort ein neues Zuhause aufgebaut. Ihr Weg in die Pflege war unkonventionell, aber ihr Ziel war immer klar: mit Menschen arbeiten, ihnen helfen, Sinn stiften.
Für die Kinder, für die Älteren
Ihre Ausbildung als Detailhändlerin schloss sie in Bosnien ab, doch sie arbeitete nie in diesem Beruf. Nach dem Umzug in die Schweiz kamen die Kinder zur Welt und Redzic war 15 Jahre lang vor allem Mutter. Abends ging sie putzen, fünfmal pro Woche, drei Stunden lang. «Das war meine kleine Auszeit», sagt sie und lacht über sich selbst. Arbeiten, um sich zu erholen. Ihr Mann war tagsüber unterwegs, sie kümmerte sich um die Kinder, und wenn er nach Hause kam, wechselten sie sich ab. 12 Jahre lang war sie Gruppenleiterin in einer Reinigungsfirma. Nicht, weil sie musste, sondern weil sie etwas für sich brauchte. «Ich habe das wirklich gerne gemacht.» Dass sie später eine zweite Ausbildung begann, überrascht daher kaum.
Die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit für Erwachsene hat sie verkürzt absolviert. Das war ihr möglich, weil sie während eines Jahres einen allgemeinbildenden Unterricht (ABU) an der BFF in Bern besucht hat. Lange Zeit war sie unschlüssig, ob sie mit Kindern arbeiten möchte. Sie half oft in der lokalen Kindertagesstätte aus. Sie blieb beim Bringen und Abholen ihrer eigenen Kinder gerne etwas länger, um zu unterstützen. Doch am Ende entschied sie sich dagegen. «Ich habe ja selbst welche zu Hause.» Dann kam für sie nur eines infrage: Sie wollte mit älteren Menschen arbeiten.
Mutter und Tochter zusammen
Zu Hause wurde viel darüber gesprochen. Sie bekam volle Unterstützung. Zuerst machte sie einen Pflegehilfekurs und absolvierte ein zweiwöchiges Praktikum. Schon nach den ersten Tagen merkte sie, dass sie angekommen war. «Als ich die ersten Praxistage in der Pflege machte, wusste ich, dass ich das für immer gerne machen werde.» Der Kontakt zu Menschen, das Vertrauen, das entsteht, und auch die Nähe bedeuten ihr viel. «Es ist schön zu sehen, wenn Menschen das mit Herz machen.» Und man spürt, dass sie genau das lebt.
Ihr Mann unterstützte sie, ihre Schwiegereltern halfen mit den Kindern. Besonders schön war, dass sie fast gleichzeitig mit ihrer ältesten Tochter in der gleichen Ausbildung war. Die Tochter war bereits im letzten Lehrjahr als Pflegefachfrau und konnte ihrer Mutter helfen. Sie unterstützten sich gegenseitig beim Lernen und Vorbereiten der Abschlussprüfung. In der Berufsschule begegneten sie sich aber nie, sie waren an unterschiedlichen Tagen dort. Heute arbeitet auch die Tochter in der Pflege. Ob sie die soziale Ader von ihrer Mutter hat?
Wieder Prüfungen
Als Redzic vor vier Jahren die Ausbildung startete, war sie vor Prüfungen nervös. Sie hoffte jedes Mal, dass es reicht. Nach so vielen Jahren wieder zu lernen, Prüfungen zu schreiben und sich in ein neues Feld einzuarbeiten, fühlte sich ungewohnt an. Doch alles lief besser als gedacht. Seit sieben Jahren arbeitet sie bei Senevita. Sie hat nie gefehlt. Sie ist geblieben. Der Berufseinstieg gelang ihr leichter, als sie erwartet hatte, und sie ist dankbar dafür.
Wenn sie ihre Schicht beginnt, fühlt sie sich frei. Sie mag ihr Team, die Zusammenarbeit, die Gespräche mit den Bewohnenden und den Angehörigen. Sie nimmt ihre Arbeit ernst, aber sie strahlt eine Ruhe aus, die ansteckend ist. Nichts in ihrem Alltag belastet sie. Selbst dem Sterben begegnet sie mit einer erstaunlichen Gelassenheit. «Mir ist bewusst, dass die Leute früher oder später sterben. Für mich ist es etwas Schönes, wenn die Bewohner loslassen können und erlöst sind.»
Als Alterspflegerin trägt sie die Verantwortung für fünf ältere Menschen. Sie ist die wichtigste Ansprechperson für deren Angehörige. Und sie liebt alles an ihrer Tätigkeit: «Pflege ist für mich der schönste Beruf.» Die Gespräche, die Nähe, die Zusammenarbeit mit den Tagesverantwortlichen. Das Gefühl, Teil einer kleinen Familie zu sein, in der alle aufeinander achten.
Weitergeben
Vor Kurzem hat sie aus eigener Initiative den Berufsbildungskurs gemacht. Jetzt betreut sie zwei der sieben Lernenden im Betrieb. Weil ihre eigene Ausbildung noch nicht lange zurückliegt, versteht sie gut, wie sich die jungen Menschen fühlen. Sie findet schnell Zugang zu ihnen. So leistet sie nicht nur ihren Beitrag im Pflegeheim, sondern gestaltet aktiv die Zukunft des Betriebes mit.
Am Anfang steht der Wunsch nach Menschen, die gut tun, die Wärme schenken und Sicherheit geben. Redzic ist genauso ein Mensch. Sie betont immer wieder, wie viel Freude ihr das Ganze bereitet und wie viel Spass sie an ihrem Beruf findet. Man kann nur hoffen, im hohen Alter einer Pflegerin wie Fatima Redzic zu begegnen.