Moderner Grabenkampf

Sacha Jacqueroud
Von Sacha Jacqueroud - Chefredaktor
Die drei Grossrätinnen und Grossräte der Region: Meret Schindler (SP), Thomas Fuchs (SVP) und Christa Ammann (AL).

Foto: zvg

Einfach erklärt
Gefühlt gestaltet sich dieser Wahlkampf im Kanton Bern sehr oft als eine Stadt-Land-Kluft. Werte prallen aufeinander. Bümpliz ist ein wenig von beidem, ländlich sowie urban. Das macht die Wahlvorschau aus dieser Sicht so spannend.
Autogeniesser gegen Velo-Fanatiker, Fleischvertilgerinnen gegen Gesundheitswahnsinnige, Dorfsterben gegen Wohnungsnot. Gefühlt wird der Graben zwischen Stadt und Land immer grösser. Dann kommen die Wahlen. Die Ländlichen schützen ihr Refugium, die Städter wollen ändern, verbieten oder einschränken. Wahlkampf wird zum Grabenkampf. Die etwas andere Wahlbetrachtung.

Zugegeben, dieser Bericht hat eine etwas westlich geprägte Sicht. Gewissermassen eine Stadtteil-VI-Optik. Die Wahlen aus Sicht vom Dach eines der Gäbelbach-Gebäude. Hier oben herrschen Übersicht und Weitsicht. Oder etwa doch nicht?

Kriegserklärung

Nein, denn graue Nebelschwaden umhüllen ausgerechnet das Rathaus. Man sieht und ahnt nicht, was in Bern los ist. Doch der Nebel sei nur wegen der vielen Autos, die sich nach Bern vorwagen, klagt die Birkenstockfraktion; stimmt nicht, am friedlichen Dunstkreis der Innenstadt arbeiten die Althippies seit Jahrzehnten und blasen zufrieden den Rauch aus ihrer «grasigen» Friedenspfeife; derweil klopfen sich die letzten Landwirte aus Bern, zugehörig zur Gruppierung «Ewig gestern», auf die Schulter. Trotz Pestiziden herrscht am Stadtrand immer noch klare Sicht. Ja, natürlich, diese Darstellung ist masslos übertrieben. Und keineswegs «Mass-Voll». Aber von Bümpliz aus sieht man halt schon, wie kolossal das gegenseitige Unverständnis gewachsen ist oder wie wenig sich Wertegemeinschaften durchmischen. Genau hier, am Rand des Stadtteils VI, beim Gäbelbach, beginnt eines der wenigen Waldstücke auf Berner Boden, ein Ort, den die Städter gerne nutzen, um zu spazieren, zu joggen, sich zu erholen und den Asphalt-Kindern etwas intakte Natur zu zeigen. Mit Blick Richtung Frauenkappelen und Oberbottigen, wo sich Grünflächen öffnen, solche, welche die Landwirte seit Jahrhunderten hegen und pflegen. Im übertragenen Sinne würden entlang dieser verschiedenen Freizeitwege die Parteien ihre Wahlplakate mit ganz unterschiedlichen Botschaften in den Boden rammen. Man stelle sich vor, sie recken wie Frühlingsblumen ihren Kopf aus dem Land. Jede verkündet andere Werte: Die SVP-Plakat-Blume, die braucht besonders viel Sonne. Doch dann sagt sie: «Schau, wie friedlich es hier ist, die Landwirtschaft produziert, das Auto fährt vorbei, weit und breit keine gewalttätigen Demos, hier ist mir wohl.» Wenig später läuft einer vom «Breitsch» vorbei und ärgert sich so sehr über diese Blume, dass er sie ausreisst. Von manchen werden die Wahlplakate der SVP behandelt, als wären es Neophyten. Doch das ist falsch: Im biologischen Inventar der Schweizer Demokratie steht klar geschrieben: Die SVP-Blumen gehören zu den ältesten und zahlreichsten einheimischen Pflanzen überhaupt. Derweil wartet schon eine weitere Wahl-Blume, jene der Grünen, na ja, ganz in Grün natürlich: «Hier könnten noch viel mehr Blumen blühen, wenn die Landwirte mit der Natur statt gegen diese arbeiten würden. Überhaupt braucht es noch viel mehr von uns, weg mit dem Asphalt, her mit dem Grün.» Doch schnell ein paar Meter weiter, da wartet die FDP-Plakat-Blume ganz in Blau mit ihrer Botschaft: «Ich kann auf einer Magerwiese überleben, das schont die Finanzen, also seid vorsichtig mit den Ausgaben.» Die SP-Plakat-Blume sticht mit ihrem Rot schon von weitem heraus und sieht das natürlich ganz anders: «Lasst uns noch mehr bauen, es herrscht Wohnungsnot. Geld haben wir genügend. Und damit noch mehr spazieren können, bauen wir neue Wiesen und Wälder, bitte noch mit Rollteppich, sonst schliesst das gewisse Personen aus, die nicht laufen können.» Etwas weiter oben steht – klein und aber strahlend – die EVP-Blume in Gelb-Blau: «…weil sogar der liebe Gott manchmal Kompromisse machen muss». Auftritt GLP-Plakat-Blume, ganz in Blau-Grün: «Ob Stadt oder Land, wir haben eine neue Idee, die allen dient: Wir schaffen die Gemeinden ab, damit es gar keine Gräben und Probleme mehr gibt – neue Ideen, das können wir.» Die Mitte-Plakat-Blume in knalligem Orange gibt sich derweil – wie könnte es anders sein – eingemittet: «Es haben doch alle ein wenig recht, seid lieb miteinander.» Ein Friedenszeichen, das vor allen Dingen in den sozialen Medien wichtig wäre. Die Plakate sind im Vergleich zu gewissen Auftritten in der digitalen Welt so harmlos wie jenes Eichhörnchen, das gerade unweit des Wegrands auf einer Eichel herumkaut. In den sozialen Medien tauchen einige Kriegserklärungen gegen all jene auf, welche die Werte nicht teilen.

Mobilmachung

Und genau das ist gefährlich. Statt gegenseitigem Verständnis entsteht ein Gefühl von «Wir gegen die anderen». Also Käseglocke drüber, sich nur noch mit Gleichgesinnten austauschen und fertig ist das giftige Pestizid, das den Graben zerfrisst und daraus Stück für Stück eine Kluft macht. Gegenmittel? Gibt es zahlreiche. Eines, das hierzulande wirkt, sind die Sportvereine. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist die Landbevölkerung viel stärker in solchen engagiert. Das geht etwa aus der Studie von «Sotomo» aus dem Jahre 2021 hervor. Zwar trifft man sich auch in Vereinen mit Gleichgesinnten, doch kommen die Menschen aus unterschiedlichen familiären Wertegemeinschaften zusammen und bereisen andere Gebiete, wenn sie etwa an Wettkämpfe fahren. Oft in die Städte oder grösseren Orte. Der FC Bethlehem besucht Auswärtsspiele und lädt wiederum die anderen Clubs zu Heimspielen ein. Ein anderes Gegenmittel sind die KMU. Das Gewerbe stützt nicht nur Dorf- und Vereinsleben, sondern fährt mit dem Lieferwagen über die «Grabenbrücken», um seine Fertigkeiten auch ausserhalb seines Ortes, etwa in der Innenstadt, anzubieten. Doch für den mit Abstand grössten Austausch zwischen Stadt und Land sorgt die Demokratie selbst. Die Politikerinnen und Politiker, die sich hierzulande ausschliesslich in Ehrenarbeit darum kümmern, die Interessen der Region mit nach Bern zu tragen, stehen im Grossen Rat permanent im Austausch mit «den anderen». Nicht selten stimmt das etwas milde. Man beginnt, einander zu verstehen, wenngleich man die Werte deswegen noch lange nicht teilen muss. Das ist tägliches Brot für Grossräte der Region wie Meret Schindler (SP), Thomas Fuchs (SVP) oder Christa Ammann (AL). Drei Vertreterinnen und Vertreter aus der Region nehmen also derzeit im kantonalen Parlament Einsitz. In der Regierung sitzt noch kein Regierungsrat aus dem Verteilgebiet dieser Zeitung. Aufgrund der Listenverbindungen der Bürgerlichen – SVP, FDP und Die Mitte – sowie jener der Linken mit SP und Grünen oder den Einzelkandidaturen der GLP und EVP wird klar, dass niemand aus dem Westen von Bern für die Wahl in den Regierungsrat vorgesehen ist. Umso wichtiger werden die Grossrätinnen und Grossräte der Region. Für sie machen sich die Parteien stark. Vor den Wahlen vom 29. März herrscht eine Art Mobilmachung. Rückzug von den Grabenbrücken, auf in den Wahlkampf, Mobilmachung in der eigenen Region. Und nun treten die Stadt-Land-Unterschiede wieder auf. Doch auch das ist Demokratie. Denn was die «Sotomo»-Erhebung auch zeigt, ist, dass nur ein mobilisiertes Land die einwohnermässig weitaus überlegenen Städte in Schach halten kann. Die direkte Demokratie sorgt für Ausgleich und Ausgewogenheit. Bedingung ist aber: «Land an die Urne», wie die Fahnen an vielen Bauernhäusern jeweils auffordern.

Friedensverhandlungen

Die Unterschiede zwischen Land und Stadt mögen beträchtlich sein. Doch was hat das mit dem Stadtteil VI zu tun? Das ehemalige Bauerndorf ist vor 107 Jahren der Gemeinde Bern beigetreten. Was aber auch ein Jahrhundert nicht geschafft hat, ist, den dörflichen Charakter auszumerzen. Deshalb ist der Stadtteil VI schon fast idealtypische direkte Demokratie. Hier prallen Welten aufeinander, gut zusammengefasst von den Plakat-Blumen, die wie eine neue Fruchtfolge aus dem Boden ragen. Eine Art Mischkultur, ja fast schon Permakultur. Permanente Agrikultur, wie das Wort abkürzt. Also fortwährend, fortlaufend bewirtschaften, aber so, dass die Scholle keinen Schaden daran nimmt, dass man sie nicht auslaugt. Wenn die Unwissenden den grünen Zeigefinger auf die Landwirtschaft richten, dann vergessen sie oft, dass diese sehr wohl weiss, wie man das Land zu bestellen hat, damit es nicht zugrunde geht. Aus eigenem Interesse. Sie sind dann genauso grün und erfreuen sich am selben Wachstum. Seit Jahrhunderten. Und genau darin liegt die Freude an den Wahlen, der Erfolg der Schweiz und die Chance dieser Wahlen. 

Im Dazwischen von Stadt und Land liegt nämlich die Mehrheit. Diese lebt in den Agglomerationen. Eine Mehrheit ist urban und ländlich zugleich. Man kommt aus dem Land, lebt in der Stadt, man verlässt die Wohnungsknappheit und geniesst das Landleben, man bezahlt gerne gutes Geld für gute Produkte aus dem Land, weil man weiss, wie viel Arbeit darin steckt. Darin steckt die Friedensverhandlung zwischen Stadt und Land. Im Dazwischen. Darin wohnt die Normalität. Wer also am 29. März wählen geht, leistet nicht nur einen Beitrag für eine ausreichende Vertretung des Landes im Parlament, sondern auch ein probates Mittel gegen die Vergrösserung des Stadt-Land-Grabens. Beide Seiten müssen sich die Stange halten. Deshalb: Runter vom Gäbelbach-Dach und an die Urne.

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