Nicht mehr und noch nicht

Marc de Roche
Sarah Elena Schwerzmann freut sich: «Wir haben einen Sarg gebaut».

Foto: zvg/Adrian Moser

Einfach erklärt
Die Künstlerin Sarah Elena Schwerzmann hat Anfang Januar zum Gedenken an ihren verstorbenen Vater eine 24-Stunden-Performance gemacht. An dem Ort, an dem ihr Vater damals verstorben war.
Am 3. Januar begann die 24-Stunden-Performance der Künstlerin Sarah Elena Schwerzmann auf dem Bundesplatz. Datum und Ort waren nicht zufällig gewählt: Schwerzmann wurde an diesem Tag genauso alt wie ihr Vater, als er 1996 an einem Sommerabend auf dem Bundesplatz tot zusammenbrach. Ab dem 3. Januar war die Künstlerin somit älter als ihr Vater es jemals gewesen war.

Die Performance an diesem Samstag dient als Trauerbewältigung, zu der die Öffentlichkeit eingeladen wurde. «Begleitet mich, begegnet Unbekannten, werdet spontan kreativ», wendet sich Schwerzmann zum Publikum.

Zusammensein stärken

Von allen Seiten strömen Interessierte an diesem Samstag zum Ort des Geschehens. Was werden die nächsten Stunden wohl bringen? Bei der Aktion geht es um die Zeit einer Trauernden – von der Ablösung bis zur Wiedereingliederung. Mit symbolischen Handlungen soll das Zusammensein gestärkt und das Publikum auf das gemeinsame Menschsein zurückgeführt werden. Vor einem roten Mazda aus den 90er-Jahren, ein Symbol als Teil von Schwerzmanns Kindheit, liegen allerlei Alltagsgegenstände. Davor kauert der Schlagzeuger Julian Sartorius und schlägt darauf den Rhythmus für die gemeinsame Reise – wohlgemerkt mit Handschuhen, denn es ist bitterkalt. Die unüblichen Klänge sind wohl selbst im leise vorbeifahrenden Bus zu hören. Die Fahrgäste schauen neugierig durch die Scheiben. Noch ein Glas Glühwein, dann geht es zu Fuss und mit dem Tram ins Tscharnergut weiter. 

Viel Holz und lauter Blues-Trash

Das Kollektiv Frei_Raum stellt unter dem Namen «Heitere Sarg» handgefertigte Särge her. Zusammen mit Sarah baut es an diesem Abend in der Werkstatt einen hölzernen Sarg – ein Symbol für Wandel, Begegnung und Transformation. Sie schmücken ihn mit Blumen und beschriften das Holz mit sinnigem Text. Draussen heizt Lalla Morte mit ihrer Fakir-Show ein. Und dann folgt wohl der Höhepunkt der Wanderung: der Auftritt des unvergleichlichen Reverend Beat-Man. An diesem Abend hat er seine One-Man-Band verstärkt mit Benjamin Glaus und Milan Slick. Gospel, Blues, R&B, Garagerock – alles ist dabei und sorgt für eine äusserst ausgelassene Stimmung. Die Tscharni-Werkstatt bebt. Im Publikum entsteht ein Gefühl intensiver Verbundenheit und kollektiver Zugehörigkeit.

In Bewegung bleiben

Sonntagmorgen: In den frühen Morgenstunden ist die Künstlerin zu Fuss unterwegs – bei minus elf Grad – und spaziert über Köniz durch den Wald auf den Gurten, dann zum Helvetiaplatz und von dort nach Wabern in die Heitere Fahne. Dieser Teil steht für den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Für den Erzähler, Poeten, Sänger und Performer Michael Fehr und die Sängerin, Performerin, Multi-Instrumentalistin und Klangkünstlerin Andrina Bollinger steht die Bühne bereit. Die beiden treten zum ersten Mal gemeinsam auf und entziehen sich dabei allen Genregrenzen. Schwerzmann kocht derweil draussen auf offenem Feuer gemeinsam mit dem Publikum Suppe. Ihre Heiterkeit ist ansteckend. Ob sie nicht müde sei, nach 24 Stunden ohne Schlaf? Sie lacht: «Es waren 48 Stunden! Ich konnte schon die Nacht vorher nicht schlafen. Es war Vollmond.»

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