Kleine Hilfe mit grossem Effekt

Tabea Kryemadhi
Noëlle Altenburger, Larissa Huber und Sonja Preisig von der VBG.

Foto: TK / zvg

Einfach erklärt
Ende Mai ist der Tag der Nachbarschaft. Gleichzeitig feiert dieses Jahr das Projekt «Nachbarschaft Bern» sein 10-jähriges Bestehen. Die drei Frauen, die es koordinieren, sprechen darüber. Sie arbeiten für die VBG.
Dieses Jahr feiert das Angebot «Nachbarschaft Bern» sein 10-Jahres-Jubiläum. Ein guter Grund, um zurückzuschauen. Besonders auch, weil schon bald der Tag der Nachbarschaft gefeiert wird.

Angefangen hatte alles mit einem Aufruf der Age-Stiftung. Sie suchte Projekte, die älteren Personen ermöglichen sollen, länger zu Hause zu wohnen. Die Stadt Bern händigte daraufhin das Projekt «Socius Bern – zuhause in der Nachbarschaft» ein und bekam die Finanzierung zugesprochen. Teil von Socius war «Nachbarschaft Bern». Die Idee dahinter ist simpel: Personen, die einen Teil ihrer Freizeit gerne jemandem verschenken möchten, werden zusammengebracht mit solchen, die Hilfe brauchen. Dabei ist wichtig, dass die beiden Personen möglichst nah beieinander wohnen, also in der gleichen Nachbarschaft. Die Art der Hilfe und die Häufigkeit sind dabei individuell: eine Stunde zum «käfälä», Hilfe beim Einkauf oder Begleitung bei einem Spaziergang – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

 

Alles begann in einem Café

Das Projekt startete im Stadtteil III mit einem offiziellen Kick-off. Zu Beginn bestand das Team aus nur einer Person. Um «Nachbarschaft Bern» bekannt zu machen, setzte sie sich in ein Café. Interessierte konnten sich dazugesellen. Daraus entstand nach und nach die Form, wie sie heute besteht. Das Angebot ist mittlerweile in allen Stadtteilen präsent. Der Stadtteil VI kam 2021 als letzter dazu. Seit Anfang 2020 ist die VBG Trägerin des Angebots mit einem Leistungsauftrag der Stadt Bern. Bei Nachbarschaft Bern setzen sich nun drei Mitarbeitende für das Zusammenbringen von Gebenden und Nehmenden ein, coachen die Freiwilligen und stehen zur Seite, wenn Hilfe benötigt wird. Im Moment betreuen sie etwa 190 aktive Tandems, rund 300 Personen sind im Freiwilligen-Pool. Ungefähr gleich viele Personen möchten Hilfe in Anspruch nehmen. Eine schöne Zahl.

 

Jeder kann mitmachen

«Ich habe auch schon mal zwei vermittelt, die Tür an Tür gewohnt haben», so Sonja Preisig von Nachbarschaft Bern. Die Personen wussten bis dahin nicht, dass die eine gerne Unterstützung in Anspruch nehmen möchte und die andere diese gerne anbieten würde. Solche Geschichten erleben die drei Mitarbeiterinnen Noëlle Altenburger, Larissa Huber und Sonja Preisig häufig und zeigen ihnen immer wieder, dass sie als Anlaufstelle wichtig für dieses Angebot sind. Trotzdem achten sie darauf, dass sie in der Vermittlerrolle bleiben. «Das Angebot hilft, Grenzen zu überwinden und andere Lebenswelten kennenzulernen. Es ist möglichst niederschwellig gehalten. Und schlussendlich sind es Freiwillige, die ihre Unterstützung anbieten und nicht Professionelle», so Huber. Das helfe beiden Seiten, sich zu melden. Weiter helfe es auch, dass das Engagement flexibel gestaltbar und im Alltag integrierbar ist, und dass Freiwillige an Austauschtreffen teilnehmen können und von Nachbarschaft Bern begleitet werden. Das überzeugt viele Freiwillige, sich zu melden. Dass die grösste Gruppe von ihnen zwischen 20 und 40 Jahre alt ist – eine Gruppe, die eigentlich sonst wenig Zeit hat – ist sicher auch diesem Modell zu verdanken.

 

Den Horizont erweitern

Das Schönste sei für die drei von der VBG, zu sehen, wie sich eine Beziehung zwischen zwei Personen entwickeln könne. Manchmal verändert sich das Geben und Nehmen. Die Person, die Begleitung in Anspruch genommen hat, kann nun selbst etwas weitergeben und beschenkt vielleicht sogar jene Person, die sie ursprünglich beschenkte. Für viele Freiwillige ist es ermutigend zu sehen, dass auch nur ein kleines Engagement viel bewegen kann; zum Beispiel ein Besuch von 1–2 Stunden im Monat. «Teilnehmende erzählen immer wieder, dass sich eine neue Welt für sie geöffnet hat oder dass sie berührt von den Lebenssituationen waren, die sich hinter mancher Tür verbirgt. «Bei einigen wächst die Empathie mit der Teilnahme an diesem Angebot. Das zu sehen, freut uns», so Huber.

 

Stadtteil Bern-Bümpliz kann noch mehr Freiwillige brauchen

Was wäre denn jetzt noch ein Wunsch für die nächsten 10 Jahre? «Besonders im Stadtteil Bümpliz-Bethlehem haben wir zu wenig Freiwillige», so Huber. In diesem Stadtteil gibt es im Moment zwar am meisten Tandems, jedoch auch einen erhöhten Bedarf an Unterstützung. Dabei seien die Bedürfnisse nicht nur von der älteren Generation, sondern quer durch alle Altersklassen gemischt. «Von der Aufgabenhilfe bis zum gemeinsamen Spaziergang ist alles vorhanden», so Huber, welche unter anderem für diesen Stadtteil verantwortlich ist. Nachbarschaft Bern blickt optimistisch in die Zukunft. Sie setzt sich dafür ein, dass die Nachbarschaftshilfe in diesem und den anderen Stadtteilen weiterwächst und sich weitere bereichernde Tandems ergeben.

Tag der Nachbarschaft
Dieser wird am 29. Mai in Bern und vielen anderen Städten und Gemeinden gefeiert. Der Tag bietet die Gelegenheit, mit der Nachbarschaft Zeit zu verbringen. Zusammen plaudern, trinken, essen, spielen oder sich austauschen. Die Stadt unterstützt Interessierte beim Organisieren eines Anlasses. Online können Einladungsmaterialien bestellt werden. 
Website: bern.ch/themen/freizeit-und-sport/veranstaltungen/grosse-events/tag-der-nachbarschaft. Weitere Infos zum Projekt «Nachbarschaft Bern» und einen Podcast gibt es unter nachbarschaft-bern.ch

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