Die Kegel wanken

Martin Jost
Ein Sport in der Krise.

Foto: MJ

Einfach erklärt
An der Schweizer Kegel-Meisterschaft in Heimberg zeigt sich die Krise des Sports. Es fehlen Junge und Bahnen. Die Verbände wollen enger zusammenarbeiten. Klubs hoffen mit Kursen und Werbung auf neue Mitglieder.
Die laufenden Schweizermeisterschaften in Heimberg sind geprägt von Wettkampf und geselligem Beisammensein. Aber auch durch die rückläufige Bedeutung des Kegelsports. Weniger Bahnen, fehlender Nachwuchs, angespannte Finanzen, aber auch Sturheit sind Ausdruck für die Gratwanderung zwischen Tradition, Gegenwart und Zukunft.

Die «Schweizerische Freie Kegler-Vereinigung (SFKV)» ist mit rund 1000 lizenzierten Keglerinnen und Keglern der grösste Keglerverband in der Schweiz und Organisator der aktuellen Schweizermeisterschaften. Der grösste, aber nicht der einzige Verband: Damit ist eines der Hindernisse für eine positive Entwicklung im Kegelsport benannt, denn es gibt noch den kleineren «Schweizerischen Sportkeglerverband (SSKV)». Beide befinden sich in der Spirale der Abwärtsbewegung. Die Frage nach einem Zusammenschluss drängt sich auf. «Es bestehen historisch gewachsene Unterschiede», antwortet Mario Schmid, Mitglied des Zentralvorstandes der «SFKV», und lässt durchblicken, dass die beiden Verbände nicht besonders gut miteinander können. Allerdings stellt er auch fest, dass sich das Klima unter den aktuellen Führungsgremien verbessert hat: «Eine verstärkte Zusammenarbeit bis hin zu gemeinsamen Strukturen wird zunehmend als sinnvoll erachtet.» 

Die Luft wird dünn

Das Problem sitze in den Köpfen, findet er, aber es bestehe tatsächlich die Chance, dass sich die beiden Verbände näherkommen, bevor es zu spät ist. Und es wird in der Tat knapp werden für den Kegelsport. Dass an den nationalen Meisterschaften noch etwa 700 Keglerinnen und Kegler teilnehmen gegenüber deren rund 3000 vor 20 Jahren, dass die Anzahl der Kegelbahnen schweizweit von cirka 300 auf etwa 100 gesunken ist und dass das Durchschnittsalter der Aktiven geschätzt bei rund 65 Jahren liegt, sind weitere ernüchternde Fakten. Daraus entsteht ein simpler Kreislauf: Weniger Aktive, weniger Klubs und immer weniger Restaurants mit Kegelbahnen. Der Umsatz pro Quadratmeter bei einer Kegelbahn ist tatsächlich nicht sehr hoch. Die Anlagen anderweitig zu nutzen oder zu vermieten, ist aus Gründen der Wirtschaftlichkeit nachvollziehbar. 

Fehlender Nachwuchs

Lydia Auderset ist Präsidentin des Kegelklubs «Rüti/Caesar» und seit 40 Jahren aktive Keglerin. Ihr Herz schlägt für den Kegelsport. Das Wissen und die Kompetenz der Schweizermeisterin aus dem Jahr 2013 werden in der Szene geschätzt und respektiert. «Einst gab es in Bümpliz und Umgebung zehn Kegelbahnen. Jetzt gibt es neben der Heimbahn unseres Klubs im Restaurant Aurelis nur noch die Bahn im Restaurant Tscharnergut.» Dort spielen die zwei anderen verbliebenen Klubs aus Bümpliz, «Neufeld» und «Alt-Bärn». Immerhin gebe es im Raum Bern auch löbliche Ausnahmen wie das Restaurant Kreuz in Wohlen, wo vier Klubs beheimatet sind. Das funktioniert auch deshalb, vermuten Lydia Auderset und andere Aktive, weil die Betreiber die Konsumationen der Keglerinnen und Kegler höher gewichten als andere Wirtsleute. Die Ur-Bümplizerin ist sich jedoch bewusst, dass die sinkende Popularität des Kegelsports auch andere Gründe hat. Der fehlende Nachwuchs ist so einer. Ohne den Einbezug junger Leute in die Klubs ist bald ausgekegelt. 

Silberstreifen am Horizont

Das veränderte Freizeitverhalten der Jungen spiele sicher eine Rolle, teilt Lydia Auderset die Meinung von vielen Aktiven. Allerdings erkennt sie auch Möglichkeiten zum Gegensteuern: «Auf Klubebene sollte einiges verändert werden, besonders für den Einstieg von Anfängerinnen und Anfängern. Für sie ist es schwierig, Fuss zu fassen, weil bei etablierten Aktiven oft das Interesse fehlt, den Nachwuchs zu fördern. Das hat mit Sturheit zu tun und das zu ändern, liegt an uns Keglerinnen und Keglern.» Ihre Gedanken dazu entsprechen weitgehend denen von Daniel Spycher, aktiver Kegler und Kassier beim Kegelklub «Neufeld». Er findet, dass die Klubs neue Wege einschlagen müssen, insbesondere zur Gewinnung von jungen Leuten: «Die sozialen Medien könnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten, wie überhaupt eine stärkere Präsenz in der Öffentlichkeit nützlich wäre. Auch sollten die Klubs Schnupperkurse anbieten.» Lydia Auderset hakt dort ein und wünscht sich Plausch-Turniere, für die beispielsweise in Schulen oder Firmen geworben wird. «So wie es andere Sportvereine auch tun», sagt sie selbstbewusst. Es gibt sie also, die Silberstreifen am Horizont. Mit Sturheit und verkrusteten Strukturen werden sie nicht heller erstrahlen. Mit kreativen Ideen schon eher. 

GEKENNZEICHNET:
Teile diesen Artikel

Neue Beiträge

Nicht nur schöne Erinnerungen

Lange ist es her, seit der SC Bümpliz 78 in der Nationalliga B spielte und dem stolzen FC Basel auf der Bodenweid ein 0:0 abtrotzte. Der 8. November 1992 ging…

10 Min. zum Lesen

Die Kegel wanken

Die laufenden Schweizermeisterschaften in Heimberg sind geprägt von Wettkampf und geselligem Beisammensein.…

5 Min. zum Lesen

Einstein – oder besser «die Einsteins»?

Vor langer Zeit lernte ich in der Schule, dass Albert Einstein ein…

3 Min. zum Lesen

«Bitte werft nichts aus dem Auto»

Zufällig im Migros-Restaurant Westside angetroffen – bei einer Gluthitze draussen: vier Leute…

5 Min. zum Lesen

Ein Jahrzehnt Ekstase

Zehn Jahre lang wurde auf der Hueb in Frauenkappelen getanzt und gefeiert.…

4 Min. zum Lesen