«Bitte werft nichts aus dem Auto»

Thomas Bornhauser
Adrian Blättler ist auch bei 38 Grad am Schatten im Freien.

Foto: BO

Einfach erklärt
Adrian Blättler arbeitet seit 33 Jahren beim Autobahn-Werkhof Bern. Bei 38 Grad im Schatten gibt es vorverschobene Arbeitszeiten ab fünf Uhr am Morgen. Das ist freiwillig. Immer wieder gibt es gefährliche Situationen. Und leider auch Unfälle. Er bittet alle Autofahrerinnen und Autofahrer, sich Zeit zu nehmen und keine Gegenstände hinauszuwerfen.
Zufällig im Migros-Restaurant Westside angetroffen – bei einer Gluthitze draussen: vier Leute in ihren orangen Arbeitskleidern. Wie ist es denn, bei grösster Hitze draussen arbeiten zu müssen? Drei aus dem Quartett sind sich schnell einig, wer uns für ein Interview zur Verfügung stehen soll.

Adrian Blättler, Sie wurden also einstimmig gewählt, mit uns ein kurzes Gespräch zu führen. Wo sind Sie aufgewachsen?

(Schmunzelt) Tja, die lieben Kollegen und die liebe Kollegin… Also denn: Geboren wurde ich in Bern, gewohnt haben wir in Interlaken, ich bin dort auch zur Schule gegangen. Gelernt habe ich Landwirt und Dachdecker. Ich …

Moment … Landwirt und Dachdecker. Hatte Ihr Vater einen Bauernbetrieb?

Nein, ein Malergeschäft. Aber ich wollte den Beruf eines Landwirts erlernen, weil ich das interessant fand. Vor der Betriebsleiterprüfung meinte ein Experte, ich solle doch lieber einen handwerklichen Beruf erlernen.

Hallo?

Er hatte irgendwie recht. Als Landwirt stehen ja noch andere Aufgaben an, als auf dem Feld oder im Stall zu stehen. Sie wissen schon: Administration. Gar nicht mein Ding, also habe ich seinen Rat befolgt und bin Dachdecker geworden. Ein Jahr nach der Ausbildung bei Jau Bedachungen in Ittigen habe ich in diesem Beruf gearbeitet. Am vergangenen 1. September waren es 33 Jahre, seit ich beim Werkhof des Kantons Bern arbeite.

Weshalb der Wechsel zum Kanton?

Ich habe damals durch Zufall ein Inserat im Stadtanzeiger gesehen, das mich irgendwie angesprochen hat, also hatte ich mich beworben. Dass ich die Stelle bekommen würde, daran hatte ich selber nicht geglaubt. Wie gesagt, das war vor 33 Jahren. So chas gah. (lacht)

Sie sind also – wie Ihre beiden Kollegen und Ihre Kollegin hier am Tisch – beim Autobahn-Werkhof Bern. Wie viele Leute sind es insgesamt?

Zusammen mit Lyss, Spiez und Interlaken sind wir ungefähr 100 Personen, die sich um das Gelände neben den Autobahnen kümmern – im Moment mit dem Mähen der Grünflächen und von Heugras, mit Holzen und Bewässern, immer die Biodiversität im Auge. Das ist kein planloses «Achtung, fertig, los!». 

Wo sind Sie gegenwärtig tätig?

Ganz in der Nähe, deshalb sind wir im Westside.

Nun zum eigentlichen Thema: die Hitze. Wie gehen Sie damit um?

Gegenwärtig beginnen wir auf freiwilliger Basis statt um 7 Uhr bereits um 5 Uhr frühmorgens und arbeiten bis 14 Uhr, dann bis am Mittag normal, die letzten beiden Stunden reduziert. Übrigens, bevor Sie fragen: Wenn ich von Bewässern rede, dann handelt es sich um Regenwasser und nicht um Druckleitungswasser. Im neuen Werkhof am Schärmenweg gibt es dafür einen grossen Behälter. Und um Ihre eigentliche Frage zu beantworten: Sonnencrème und Mineralwasser – wir trinken bis zu vier Liter am Tag – werden uns zur Verfügung gestellt, ebenso Kopf- und Nackenbedeckung sowie wiederverwendbare Kühl- und Kopftücher. Einen Hitzezuschlag gibt es beim Lohn nicht, auch keinen Kältezuschlag (schmunzelt).

Lieber Sommer- oder Winterdienst?

Eindeutig Winter, weil die Leute dann vernünftiger Auto fahren und mehr aufpassen. Sie sind dann nicht so gestresst wie im Sommer.

Hatten Sie auch schon kritische Momente mit Autofahrerinnen und Autofahrern bei Ihrer Arbeit?

(Alle vier Anwesenden beginnen zu lachen…) Täglich! Der Verkehr hat extrem zugenommen, 1993 fuhren 45’000 Fahrzeuge über den Felsenau-Viadukt, heute sind es über 100’000. Wir sind das schwächste Glied in der Kette und müssen aufpassen, dass keine gefährlichen Situationen entstehen. Wann immer möglich – zum Beispiel bei Ein- und Ausfahrten – probieren wir, die Autos im Gesichtsfeld zu haben, nicht im Rücken. Ich selber hatte in der Vergangenheit viele kritische Situationen, hatte drei Unfälle, einer davon, weil ein Automobilist in unser Fahrzeug gefahren ist. Für uns kann es tödlich enden, wenn Lenkerinnen und Lenker auf ihr Handy schauen statt auf die Strasse.

Ihr Wunsch an die Autofahrenden?

Nehmt euch bitte etwas mehr Zeit, vor allem auf dem Arbeitsweg. Im Winter, wenn die Strassenverhältnisse nicht top sind, da klappt das, aber im Sommer, da ist man häufig auf dem letzten Drücker unterwegs. Und vor allem: Werft bitte, bitte keine Gegenstände aus dem Auto. Vor allem Glasflaschen, die dann zersplittern, sind eine echte Gefahr. Aber auch Aludosen. Im Schnitt füllen wir an einem Arbeitstag drei 110-Liter-Abfallsäcke. Das muss doch nicht sein.

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