Vor langer Zeit lernte ich in der Schule, dass Albert Einstein ein grosser deutscher Physiker war, und ich mochte ihn, bis ich sein Museum in Bern besuchte. Dort habe ich einiges erfahren. Zum Beispiel, dass er nur 17 Jahre lang Deutscher war und danach für den Rest seines Lebens Schweizer wurde. Ausserdem wurde er mit wichtiger wissenschaftlicher Unterstützung seiner ersten Frau zu einem grossen Wissenschaftler. Sie war eine äusserst begabte und bahnbrechende Mathematikerin, ihr Name wurde jedoch kaum erwähnt, weil ihre Notizen fehlen und sie ihr Studium nicht abgeschlossen hatte. Mileva Marić wurde von ihrem Vater aus dem heutigen Serbien an die ETH Zürich geschickt, um Mathematik zu studieren. Als Studentin wurde sie oft nicht ernst genommen, weder von ihren Mitstudierenden noch von den Professoren, obwohl Einstein ihren Intellekt sehr schätzte. Trotzdem wurde ihr Name nirgends festgehalten. Aus diesem Physik-Mathematik-Liebesdreieck entstanden für Albert ein Nobelpreis, ewige Bewunderung, ein schwieriges, von seiner Untreue geprägtes Familienleben sowie eine fragwürdige Schuld im Zusammenhang mit der Atombombe. Und alles, was Mileva blieb, war eine nur wenige Jahre dauernde glückliche Liebesbeziehung mit Albert, gefolgt von vielen Verlusten. Albert ging, wohin er wollte, und bekam, was er wünschte. Mileva blieb dort, wo sie angefangen hatten, und bekam nur die Überbleibsel. Sie starb anonym, allein, vergessen und wortlos in Zürich. Albert starb weltberühmt und belastet. Seine letzten Worte sprach er auf Deutsch. Die Krankenschwester, die bei seinem Tod in Princeton (USA) anwesend war, verstand sie nicht. Im Museum sieht man seine wertvollen handschriftlichen physikalischen Aufzeichnungen, würdevolle Fotos von ihm im Anzug sowie den Nobelpreis. Von Mileva hingegen gibt es nur wenige unscheinbare Fotos, einige Kleidungsstücke, einen Kinderwagen und Briefe, in denen sie beschreibt, wie glücklich sie damals mit ihm in jener Wohnung in Bern war. In dem Moment, als ich das Museum verliess, fühlte ich mich nicht nur von der Schule, sondern auch von der Gesellschaft betrogen. Der 17-jährige Schüler, der die Schule aus eigenem Wunsch und ohne Abschluss abbrach, war Albert Einstein, während der angesehene Schweizer Nobelpreisträger zu «Albert Mileva Einstein» wurde. Ohne die ETH besucht zu haben und Mileva begegnet zu sein, wäre er vielleicht ein gescheiterter, unbekannter Albert Einstein mit unentdeckter Intelligenz geblieben. Wenig später erzählte ich bei einer kleinen, gemütlichen Zusammenkunft all dies, nachdem ich zuerst gefragt hatte, ob alle Einstein kannten und ihn mochten. Alle bejahten die Frage. Doch nachdem sie die Geschichte gehört hatten, bewunderten die meisten Männer ihn weiterhin gleichermassen, während fast alle Frauen ihre Meinung völlig änderten. So dachte ich, dass sich – nach mehr als einem Jahrhundert – vielleicht unter der Oberfläche der patriarchalen Gesellschaft nicht viel verändert hat. Aber wenn schon nicht «Albert Mileva Einstein», dann wenigstens «Haus der Einsteins»!
Kolumne von Marmar Ghorbani.
Foto: zvg
Einfach erklärt
Die Autorin lebt seit 2017 in Bern West. Sie stammt aus Persien, dem heutigen Iran. Sie schreibt hier über Alltagssituationen, die sie berühren, irritieren und auch mal schmunzeln lassen.
Die Autorin lebt seit 2017 in Bern West. Sie stammt aus Persien, dem heutigen Iran. Sie schreibt hier über Alltagssituationen, die sie berühren, irritieren und auch mal schmunzeln lassen.
Neue Beiträge
Nicht nur schöne Erinnerungen
Lange ist es her, seit der SC Bümpliz 78 in der Nationalliga B spielte und dem stolzen FC Basel auf der Bodenweid ein 0:0 abtrotzte. Der 8. November 1992 ging…
Von
Pierre Benoit
10 Min. zum Lesen
Die Kegel wanken
Die laufenden Schweizermeisterschaften in Heimberg sind geprägt von Wettkampf und geselligem Beisammensein.…
Von
Martin Jost
5 Min. zum Lesen
Einstein – oder besser «die Einsteins»?
Vor langer Zeit lernte ich in der Schule, dass Albert Einstein ein…
Von
Marmar Ghorbani
3 Min. zum Lesen
«Bitte werft nichts aus dem Auto»
Zufällig im Migros-Restaurant Westside angetroffen – bei einer Gluthitze draussen: vier Leute…
5 Min. zum Lesen
Ein Jahrzehnt Ekstase
Zehn Jahre lang wurde auf der Hueb in Frauenkappelen getanzt und gefeiert.…
Von
Marc de Roche
4 Min. zum Lesen