Reto Köchli, Inhaber und Geschäftsführer der «Köchli Haustechnik AG» in Bümpliz, hat als Experte während mehr als zwanzig Jahren die mündlichen Lehrabschlussprüfungen von Sanitärinstallateuren abgenommen. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt er mit Besorgnis auf den seit Jahren abnehmenden Bildungsstand der Lehrabgänger seiner Branche: «Vor zehn Jahren konnten bei der mündlichen Abschlussprüfung mitunter Noten zwischen 5,5 und 6 vergeben werden. Danach wurde es von Jahr zu Jahr schwieriger, mit den Lehrabgängern überhaupt ein Fachgespräch zu führen. 2020 habe ich beschlossen, mir diese mündlichen Lehrabschlussprüfungen nicht mehr anzutun. 2023 traten zwölf Jugendliche bei der Köchli Heiztechnik eine Schnupperlehre an. Zum obligatorischen Eignungstest im Ausbildungszentrum des Berufsverbandes in Zollikofen sind einige Schnupperlehrlinge schon gar nicht mehr hingegangen, obschon sie sich dafür angemeldet hatten. Von denen, die erschienen sind, hat nicht einer das EFZ-Niveau erreicht. Die beiden ausgeschriebenen Heizungs– und Sanitärinstallateur-Lehrstellen bleiben dieses Jahr unbesetzt.»
Objektive Beurteilung der Eignung dank Test des Berufsverbandes
Seit Jahren ist in der Handwerksbranche die schwindende Erfolgsquote bei den Eignungstests ein Thema. Auf der Suche nach dem Gründen wird der Schwarze Peter gerne zwischen der Volksschule und der Berufsbildung hin- und hergeschoben. Die Volksschule sei nicht mehr imstande, die Grundanforderungen in Mathematik und Deutsch zu vermitteln, ist von der einen Seite zu hören. Die Tests seien grundsätzlich zu anspruchsvoll, gibt die andere Seite zu bedenken. Grund genug, die von vielen Betrieben verlangten Tests etwas genauer anzusehen.
Um die schulische Eignung von Jugendlichen für einen Beruf in der Gebäudetechnik zu überprüfen, hat 2018 der Berufsverband «suisse-tec» einen Eignungstest eingeführt, der sich einerseits an den beruflichen Mathe- und Deutsch-Grundanforderungen der Branche, andererseits am Lehrplan der Volksschule (8. Klasse) orientiert. In der Mathematik müssen die Kandidatinnen und Kandidaten verschiedene ihnen vorgelegte Rohre ausmessen und abzeichnen sowie einfache Textaufgaben lösen. Zudem werden anhand von Plänen allgemeine Aufgaben bezüglich Fläche und Masse von Wohnungen gestellt. Im Weiteren gilt es, in einen vereinfachten Arbeitsrapport – wie er in den Gebäudetechnik-Berufen verwendet wird – fehlende Werte einzutragen und verschiedene Kostenfolgen zu berechnen. Dies erfordert Umwandlungen von Längen- und Zeitmassen, einfache Flächenberechnung sowie zeichnerische Darstellungen rechteckiger Körper. Bei den Dreisatz-Aufgaben geht es darum, mit dem Taschenrechner mathematische Grundoperationen und einfache Rabattrechnungen auszuführen.
Einige Aufgaben fordern neben den mathematischen auch sprachliche Grundkompetenzen. So gilt es beispielsweise, zu einfachen Textaufgaben entsprechende Rechnungen aufzustellen, um diese zu lösen. Der rein sprachliche Teil des Tests beinhaltet einen kurzen Zeitungstext mit Verständnisfragen, die im Multiple-Choice-Verfahren zu beantworten sind. Ausserdem schreiben die 8. Klässler einen kurzen Aufsatz von mindestens acht Sätzen zu einem vorgegebenen Thema.
Für Reto Köchli macht der Eignungstest durchaus Sinn: «Er ist geeignet, eine objektive Beurteilung und Einstufung der schulischen Eignung der Kandidatinnen und Kandidaten in Deutsch und Mathematik vorzunehmen. Aufgrund der erreichten Punktezahlen erfolgt die Einstufung der Kandidierenden in die Kategorien EBA (eidg. Berufsattest), EFZ (eidg. Fähigkeitszeugnis) und Planung, wo die mathematischen Ansprüche etwas höher liegen. Neben den Resultaten der Eignungstests interessieren jedoch ebenso sehr die Noten in den Schulzeugnissen. Hier fallen mir zunehmend Ungereimtheiten auf: So hat unlängst ein Schüler, der in seinem 8.-Klasse-Zeugnis in der Mathematik die Note 4.5 erhalten hatte, im Test von möglichen 60 gerade mal 2 Punkte geschafft. Da frage ich mich schon, wie diese Note entstanden ist. Alles in allem beschleicht mich in letzter Zeit der Eindruck, dass die Volksschule und die Berufsbildung nicht mehr dieselbe Sprache sprechen.»
Der fatale Verlust von Abgängern der Volksschule an die Mittelschulen
Verantwortlich für die Knappheit von geeigneten Auszubildenden ist nicht zuletzt der Abgang von SchülerInnen der 8. und 9. Klassen in die Mittelschulen, wie Reto Köchli zu bedenken gibt: «Zu viele Jugendliche, die in einer Lehre mit Berufsmatur besser aufgehoben wären, wechseln nach der Volksschule unbedacht ins Gymnasium oder in die Fachmittelschule FMS. Nicht wenige, die nach vier Jahren mit gros-
sem Aufwand die Matura geschafft haben, müssen danach eingestehen, dass für sie die Hürden für ein erfolgreiches Medizin- oder Anwaltsstudium zu hoch sind, und sie entscheiden sich schliesslich für eine verkürzte KV-Lehre. Fazit: Zeit und Ausbildungskosten im Gymnasium oder in der FMS waren vier verlorene Jahre und unnötig verschwendete Steuergelder. Diesem Unsinn könnte ein Riegel geschoben werden, wenn diejenigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die nach der Matura an keiner Universität studieren oder keine Fachhochschule absolvieren, einen Teil der verursachten Ausbildungskosten zurückzahlen müssten.
Dennoch Zuversicht dank höherer Wertschätzung der Handwerksberufe
Köchli bleibt trotz der momentan schwierigen Situation auf dem Lehrstellenmarkt zuversichtlich: «Der gesellschaftliche Wert von Handwerkern – und auch Pflegepersonal etc. – wird in den kommenden Jahren steigen, davon bin ich überzeugt. Die Erstellung im Team von neuen Bädern und Heizungen in Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern ist etwas Wunderbares. Man sieht, was man vollbracht hat. Die Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen in der Branche bleiben sehr vielfältig und stimmig mit der jeweils persönlichen Entwicklung. Handwerk hat einen goldenen Boden, dies gilt heute mehr als je zuvor.»