Hand aufs Herz: Wissen Sie, was «Fallingwater» ist?

Zwei junge Frauen, die erstaunen

Thomas Bornhauser
Mina Karimi und Hasti Khoramirad: Zwei zeichnerisch begabte junge Iranerinnen aus Bümpliz.

Foto: Fotos: zvg

Einfach erklärt
Einfach erklärt: – Vor 4 Jahren kamen zwei junge Frauen aus dem Iran in die Schweiz – Sie gingen im Schwabgut in die Schule – Beide zeichnen sehr gut – Eine ist im 10. Schuljahr – Die andere wird Architektur-Zeichnerin
Bis mich jemand wirklich beeindrucken kann, da braucht es schon einiges, und kommt auch nicht alle Tage vor. Was ich aber mit Mina Karimi und Hasti Khorramirad erlebt habe, das hat meine Augen grösser und grösser werden lassen. Aber der Reihe nach.

Ich befinde mich zu Besuch bei Markus Gerber, Schulleiter im Schwabgut. In der Nähe seines Büros hängen im Korridor zwei Grafiken, die ich mir länger anschaue. «Gseht no guet us», sage ich ihm, «wär het das chönne?». Neben einem der Werke hängt eine Plakette mit dem Namen der Künstlerin. «Mina war eine Schülerin bei uns, sie hat ihre Schulzeit letztes Jahr beendet, eine begabte junge Frau.» Markus Gerber erzählt dann davon, dass eine Klassenkollegin von Mina ebenso begabt sei: Hasti. Weil dem Künstlerischen nicht verschlossen, beschliesse ich, eine Reportage über diese beiden 17-jährigen Iranerinnen zu realisieren.

K-Drama und BTS

Verabredet haben wir uns an einem Samstagmorgen um zehn Uhr vor ihrem ehemaligen Schulhaus. Mit dem Glockenschlag der Kirche in der Nähe nähern sich die beiden, sie unterhalten sich in ihrer Muttersprache, in Persisch, genauer gesagt in Farsi. Das Schulhaus ist leer, die Schlüssel habe ich von Schulwart Andreas Klemm erhalten – ein ganzes Schulhaus nur für uns drei. Ich stelle mich zuerst vor, erkläre den beiden, worüber ich schreiben möchte, nämlich über ihre Affinität zur Kreativität. Das abgebildete Foto mit Mina und Hasti im Korridor entsteht, anschliessend begeben wir uns in die Bibliothek. Beide sind 2018 beziehungsweise 2019 in die Schweiz gekommen, bis zu jenem Zeitpunkt haben sie sieben Schuljahre im Iran absolviert. Und nein – ihre Familien haben sich nicht gekannt, Mina ist in Mashhad aufgewachsen, Hasti in Teheran, die Städte liegen 900 Kilometer voneinander entfernt. Reiner Zufall, dass sie später in die gleiche Klasse in Bümpliz kommen. Mina  – mit ihr unterhalte ich mich zuerst –  spricht perfektes Schriftdeutsch, in Deutschkursen angeeignet. Aber nicht nur: Ihr Englisch ist perfekt, das Französische «vraiment pas mal», zudem spricht sie Türkisch und… Koreanisch. Hallo, Koreanisch? Weshalb und wie denn das? Weil sie gerne K-Dramen schaut. Und jetzt kommt unser Altersunterscheid gnadenlos ans Tageslicht. Ich lasse mir das Wort buchstabieren. Wikipedia erklärt den Begriff: «Koreanische Dramen (Hanguk Drama), meist kurz K-Drama, sind Fernseh-und Webserien aus Südkorea. Sie gelten als Ursprung der koreanischen Welle, dem weltweiten Erfolg südkoreanischer Popkultur.» Aha. Und die schaut Mina also gerne. Zudem schwärmt sie von der koreanischen Boy-Gruppe BTS (ich lasse mir das ebenso buchstabieren). «So lerne ich die Sprache», erklärt sie kurz und knapp. So einfach scheint das.

Architektur als Passion

In ihrer Freizeit zeichnet sie gerne, für eine bestimmte Richtung hat sie sich jedoch nicht 

entschieden. Wir schauen aus dem Fenster, sehen auf dem Pausenplatz grosse Holzräder. «Das würde ich gerne abzeichnen, als Grundlage, dann aber grafisch verändern, spielerisch», sagt sie. Comics gehören zu ihren beliebtesten Figuren, «weil man vieles damit anstellen kann». Zurzeit besucht Mina in der BFF (Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule) das zehnte Schuljahr, anschliessend wird sie Coiffeuse lernen, sieht das aber nur als Zwischenstation zur Berufsmaturität auf dem Weg zum Studium an einer Uni. Hasti wiederum spricht Bärndütsch, als wäre sie nie im Ausland aufgewachsen. Unglaublich. Und wie hält sie es mit Sprachen? Arabisch spricht sie zum Teil, ebenso Französisch und Englisch. «Türkisch verstehe ich, kann es aber nicht wirklich sprechen.» Anhand ihrer Skizzen ist klar: Hasti hat ein Faible für Architektur. Gegenwärtig absolviert sie eine Ausbildung als Zeichnerin, Fachrichtung Architektur. «Aber ich bin noch im ersten Lehrjahr», relativiert sie ihr Wissen. Im Gegensatz zur zeichnerischen Verspieltheit von Mina geht es bei Hasti um «Gegenständliches», was bei ihrem Interesse für Architektur nicht überraschen kann. Von ihr will ich wissen, welche drei Gebäude aus architektonischer Sicht sie einem Nicht-Berner in der Bundesstadt zeigen würde. Die Antworten folgen auf dem Fuss: «Bundeshaus, das Schloss Bümpliz und überhaupt die Berner Altstadt.» Soso. Und was ist mit modernen Gebäuden? «Die natürlich auch, ich finde es nämlich grossartig, wie man in Bern das Alte mit dem Modernen verbindet.» Wird der Stapi gerne zur Kenntnis nehmen (der eine Kopie dieser Reportage erhält).

Frank Lloyd Wright

Hat Hasti einen Lieblingsarchitekten? Jetzt sprudelt es nur so aus ihr – und ich komme aus dem Staunen nicht heraus, was für einen Background die erst 17-Jährige hat. «Ja, Zaha Hadid, eine irakische Architektin und Mathematikerin. Was sie alles als Frau erreicht hat, mega! Dann Renzo Piano, extrem vielseitig. Und Tadao Ando, weil seine Beton-Architektur ihresgleichen sucht.» Ich versuche, Hasti ins Leere laufen zu lassen: «Und Frank Lloyd Wright?» – «Grossartig, vor allem das Haus Fallingwater.» Mir fällt die Kinnlade symbolisch auf die Tischplatte.  Logisch, dass Hasti dereinst ein Architekturstudium in Angriff nehmen will. Und die Malerei? «Ich würde gerne Kurse nehmen, aber dazu reicht es finanziell nicht», sagt sie ohne einen Unterton von Traurigkeit.

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