Feuilleton

Wissen die Post und die UPU, was gespielt wird?

Thomas Bornhauser
Der Beweis: Der Warenwert und die Anzahl Uhren werden «heruntergefahren», so dass keine Gebühren anfallen.

Foto: BO

Einfach erklärt

Unser Autor Thomas Bornhauser fragt sich, wie genau es mit den Posttarifen für China aussieht. Lieferungen von dort werden nämlich gratis verschickt. Dazu fragt er die Post an.

Habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen? Teils ja, teils nein. Fakt ist: Ich wollte selber einmal eine Sendung aus China anfordern. Genauer gesagt, ging es um zwei Uhren im Wert von insgesamt knapp 40 Franken. Und nein, es sind keine Fake-Watches, sondern No-Name-Zeitmesser aus einer chinesischen Fabrik, die mir gefallen. Fast günstiger, als wenn ich mir die Batterien hierzulande wechseln lasse. Stimmt, liebe Lesende, keine Heldentat, aber eine, die sich mit Recherchen rechtfertigen lässt. Wirklich? Urteilen Sie selbst.

Die Medien berichten allesamt kritisch über den Warenverkehr, der seit Monaten aus China floriert: Herr und Frau Schweizer decken sich dort mit billiger Ware ein, zum Teil auch mit minderwertiger. Zumindest in einigen Branchen dient die staatlich angeordnete Überproduktion (BYD-Autos) eindeutig dazu, die westliche Wirtschaft zu schwächen. Trage ich jetzt zu deren Untergang bei?

China ein Entwicklungsland?

In einer Runde unter Kollegen diskutieren wir darüber. Wie ist es möglich, dass die Waren gratis in die Schweiz geliefert werden, ohne Gebühren für den Empfänger, nix Mehrwertsteuer? Ausnahme: Wenn man Luftfracht-Expresszuschlag für eine Auslieferung innert 10 Tagen bezahlt. Einer meint, China werde von den internationalen Postbehörden noch immer als Entwicklungsland eingestuft, das keine Gebühren bezahlen muss. Wie bitte? Zuerst aber zu den Fakten meiner beider Uhren. Nachdem ich mich für zwei (un)auffällige Modelle – der Hublot Big Bang und der Richard Mille 47 sehr ähnlich – entschieden habe, beginnt der Kaufprozess. Als unerfahrener Online-Shopper staune ich, wie einfach sich das machen lässt. Okay, bei der Eingabe der Kreditkartennummer zögere ich einige Sekundenbruchteile, überwinde mich dennoch, um Ihnen diese Reportage ermöglichen zu können. Einzig deshalb. Umgehend erhalte ich per Mail die Bestätigung, dass meine Bestellung eingetroffen sei. Noch am gleichen Nachmittag wird meine Zahlung bestätigt. Auch hier haben Sie natürlich Recht, liebe Lesende: alles per Computer. Aber antwortet mir bei einer Nachfrage die künstliche Intelligenz innert weniger Stunden auf konkrete Fragen? Keine Ahnung.

Das Schweigen der Lämmer

Sicher scheint, dass mein Lieferant seriös zu sein scheint. Regelmässig weist er darauf hin, dass keine zusätzlichen Spesen zu bezahlen seien, an wen auch immer. Was ist jetzt aber mit diesen Posttarifen für China? Ich kontaktiere die Medienstelle der Schweizerischen Post. Keine Antwort. Drei Tage später ein Nachstüpfen. Umgehend die Mitteilung, dass das keine journalistische Anfrage sei, weshalb man es intern an die allgemeine Infostelle weitergeleitet habe. Ich widerspreche per Mail, obwohl kein Redaktor bei CNN oder der NZZ. Tags darauf bereits eine erste Antwort: «Seit dem Weltpostkongress in Istanbul (2016) wird China nicht mehr als «postalisches Entwicklungsland» eingestuft. Aufgrund der beschlossenen jährlichen Vergütungserhöhungen zahlt China Post der Schweizerischen Post unterdessen gleich viel für die Zustellung von Postsendungen wie andere Postgesellschaften. Konkrete Zahlen geben wir keine bekannt.»

Weitere Fragen

Wer mich kennt, weiss, dass ich solche Wischiwaschi-Infos liebe. Also wandern weitere Fragen an die Pressestelle. In welcher Liga spielt China denn? Sind die Ländernamen geheim? Stimmt es, dass keine Gebühren anfallen, weil der Warenwert aus China meistens viel zu tief angesetzt wird, grössere Aufträge deshalb gesplittet werden, um unter dem zolltechnischen Radar einzufliegen? Die Post jedoch mag dazu nicht Stellung nehmen, schreibt nur, dass sie dafür zuständig sei, dass «die Sendungen zuverlässig von A nach B gelangen». Aus die Maus. Ich solle doch dem Weltpostverein in Bern schreiben, der Universal Postal Union UPU. Dort gibt es auf der Homepage aber prima vista keine Mailadresse oder Telefonnummer zu sehen. Ich habe dennoch ein Schlupfloch in Richtung Medienstelle entdeckt. Alle Infos übrigens in English oder en français, keine deutsche Version.

No answers

Ich erkläre dem «Lead Expert, Communication & Outreach» den Grund meiner Mail. Zweimal schreibe ich Enfant terrible in Deutsch, einmal in Englisch. Eine Woche verstreicht, no news from UPU. Und somit bleibt die Erklärung für diese Tatsache (siehe Foto) offen.

GEKENNZEICHNET:
Teile diesen Artikel

Neue Beiträge

Frauen im Pech, Männer ungefährdet

Mit sieben Meistertiteln stellen die Männer von Futsal Minerva unangefochten das stärkste Team der Schweiz. Neuerdings sind auch die Frauen auf dem Vormarsch und gewannen in der Gruppe West der…

Von Pierre Benoit 1 Min. zum Lesen

Frühlingsnews aus der VBG

Ab dem 1. März bekommt das Kleefeld einen neuen Treffpunkt: Die Baracke…

Von Quartiernews der VBG 3 Min. zum Lesen

Eine Lebensgeschichte für «Das Fenster zum Sonntag»

Ich weiss schon, weshalb ich meinen Job als freier Mitarbeiter der BümplizWochen…

Von Thomas Bornhauser 5 Min. zum Lesen

Luege, lose, lafere

Von Mikrofonen verstärkt hallen die Voten durch den altehrwürdigen grossen Saal im…

Von Sacha Jacqueroud 2 Min. zum Lesen

Emotionen gibt es beim Tramfahren keine

Ab und an gibt es in der «Bümpliz-Wochen» Autotests zu lesen. Zusammengezählt…

Von Sacha Jacqueroud 6 Min. zum Lesen