Die Medien berichten allesamt kritisch über den Warenverkehr, der seit Monaten aus China floriert: Herr und Frau Schweizer decken sich dort mit billiger Ware ein, zum Teil auch mit minderwertiger. Zumindest in einigen Branchen dient die staatlich angeordnete Überproduktion (BYD-Autos) eindeutig dazu, die westliche Wirtschaft zu schwächen. Trage ich jetzt zu deren Untergang bei?
China ein Entwicklungsland?
In einer Runde unter Kollegen diskutieren wir darüber. Wie ist es möglich, dass die Waren gratis in die Schweiz geliefert werden, ohne Gebühren für den Empfänger, nix Mehrwertsteuer? Ausnahme: Wenn man Luftfracht-Expresszuschlag für eine Auslieferung innert 10 Tagen bezahlt. Einer meint, China werde von den internationalen Postbehörden noch immer als Entwicklungsland eingestuft, das keine Gebühren bezahlen muss. Wie bitte? Zuerst aber zu den Fakten meiner beider Uhren. Nachdem ich mich für zwei (un)auffällige Modelle – der Hublot Big Bang und der Richard Mille 47 sehr ähnlich – entschieden habe, beginnt der Kaufprozess. Als unerfahrener Online-Shopper staune ich, wie einfach sich das machen lässt. Okay, bei der Eingabe der Kreditkartennummer zögere ich einige Sekundenbruchteile, überwinde mich dennoch, um Ihnen diese Reportage ermöglichen zu können. Einzig deshalb. Umgehend erhalte ich per Mail die Bestätigung, dass meine Bestellung eingetroffen sei. Noch am gleichen Nachmittag wird meine Zahlung bestätigt. Auch hier haben Sie natürlich Recht, liebe Lesende: alles per Computer. Aber antwortet mir bei einer Nachfrage die künstliche Intelligenz innert weniger Stunden auf konkrete Fragen? Keine Ahnung.
Das Schweigen der Lämmer
Sicher scheint, dass mein Lieferant seriös zu sein scheint. Regelmässig weist er darauf hin, dass keine zusätzlichen Spesen zu bezahlen seien, an wen auch immer. Was ist jetzt aber mit diesen Posttarifen für China? Ich kontaktiere die Medienstelle der Schweizerischen Post. Keine Antwort. Drei Tage später ein Nachstüpfen. Umgehend die Mitteilung, dass das keine journalistische Anfrage sei, weshalb man es intern an die allgemeine Infostelle weitergeleitet habe. Ich widerspreche per Mail, obwohl kein Redaktor bei CNN oder der NZZ. Tags darauf bereits eine erste Antwort: «Seit dem Weltpostkongress in Istanbul (2016) wird China nicht mehr als «postalisches Entwicklungsland» eingestuft. Aufgrund der beschlossenen jährlichen Vergütungserhöhungen zahlt China Post der Schweizerischen Post unterdessen gleich viel für die Zustellung von Postsendungen wie andere Postgesellschaften. Konkrete Zahlen geben wir keine bekannt.»
Weitere Fragen
Wer mich kennt, weiss, dass ich solche Wischiwaschi-Infos liebe. Also wandern weitere Fragen an die Pressestelle. In welcher Liga spielt China denn? Sind die Ländernamen geheim? Stimmt es, dass keine Gebühren anfallen, weil der Warenwert aus China meistens viel zu tief angesetzt wird, grössere Aufträge deshalb gesplittet werden, um unter dem zolltechnischen Radar einzufliegen? Die Post jedoch mag dazu nicht Stellung nehmen, schreibt nur, dass sie dafür zuständig sei, dass «die Sendungen zuverlässig von A nach B gelangen». Aus die Maus. Ich solle doch dem Weltpostverein in Bern schreiben, der Universal Postal Union UPU. Dort gibt es auf der Homepage aber prima vista keine Mailadresse oder Telefonnummer zu sehen. Ich habe dennoch ein Schlupfloch in Richtung Medienstelle entdeckt. Alle Infos übrigens in English oder en français, keine deutsche Version.
No answers
Ich erkläre dem «Lead Expert, Communication & Outreach» den Grund meiner Mail. Zweimal schreibe ich Enfant terrible in Deutsch, einmal in Englisch. Eine Woche verstreicht, no news from UPU. Und somit bleibt die Erklärung für diese Tatsache (siehe Foto) offen.