Handwerksberufe haben trotz allem goldenen Boden

Trotz Fachkräftemangel: Handwerk hat Zukunft

Kurt Heilinger
Sie haben ihre Lehre vor zwei resp. drei Jahren begonnen (v.l.n.r.): Leo (3. Lehrjahr, Sanitär EFZ), Ercin (2. Lehrjahr, Sanitär EBA) und Giacomo (3. Lehrjahr, Heizung). 2024 konnten die beiden ausgeschriebenen Lehrstellen nicht mehr besetzt werden.

Foto: zvg

Einfach erklärt

Reto Köchli führt einen Betrieb für Haustechnik. Er ist Experte bei den Lehrabschlussprüfungen. Er stellt fest, dass die meisten Schulabgänger schulisch zu schwach sind für eine EFZ-Lehre. Trotzdem bleibt er hoffnungsvoll.

 

Der Weg von der Einzelfirma zum KMU

1950 gründet Louis Köchli an der Freiburgstrasse 480 eine Spenglerei, die von Beginn an auch Sanitärinstallationen ausführt. Sein Sohn Kurt Köchli übernimmt 1977 die elterliche Firma, die 1998 zur Aktiengesellschaft umgewandelt wird.

Zu diesem Zeitpunkt übernimmt Reto Köchli als eidg. dipl. Sanitärinstallateur die Geschäftsleitung. Nach dem viel zu frühen Tod seines Vaters infolge einer Blutvergiftung führt er 2006 als VR-Präsident den Familienbetrieb weiter, der schrittweise um die Bereiche «Heizung» und «Solar» erweitert wird. Seine persönliche Berufung bleibt jedoch das Bad, was der Firma 1999 das Zertifikat «Fachbetrieb für Badumbauten» einbringt.

 

Unermüdliches Engagement für die Lehrlingsausbildung

Das Engagement der Firma, die seit 1960 Lehrlinge im Sanitär- und Heizungsbereich ausbildet, wird 2006 mit dem Zertifikat «Qualifizierter Lehrbetrieb» honoriert. Im Ausbildungszentrum des Berufsverbandes «suissetec» nimmt er als Experte über 20 Jahre lang die mündlichen Lehrabschlussprüfungen der Sanitärinstallations-Lehrlinge ab. Die Lehrlingsausbildung ist dem heutigen Inhaber und Geschäftsführer ein wichtiges Anliegen geblieben. Nach wie vor werden in der Köchli Haustechnik erfolgreich Lehrlinge ausgebildet – als Sanitär- und Heizungsinstallateure EFZ oder EBA, wie im Fall von Ercin, der momentan das zweite Jahr seiner Ausbildung absolviert.

Auf den ersten Blick erscheint die Situation reichlich paradox: In der Schweiz leben immer mehr Leute, aber es fehlen immer mehr Fachkräfte im Arbeitsmarkt. Der Fachkräftemangel hält auch die Handwerksbranche seit Jahren im Griff. Dennoch müssen wir wohl langfristig nicht wochenlang auf den Heizungsreparateur warten, wenn im Winter plötzlich die Heizung streikt.

Reto Köchli, Inhaber und Geschäftsführer der «Köchli Haustechnik AG» in Bümpliz, hat als Experte während mehr als zwanzig Jahren die mündlichen Lehrabschlussprüfungen von Sanitärinstallateuren abgenommen. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt er mit Besorgnis auf den seit Jahren abnehmenden Bildungsstand der Lehrabgänger seiner Branche: «Vor zehn Jahren konnten bei der mündlichen Abschlussprüfung mitunter Noten zwischen 5,5 und 6 vergeben werden. Danach wurde es von Jahr zu Jahr schwieriger, mit den Lehrabgängern überhaupt ein Fachgespräch zu führen. 2020 habe ich beschlossen, mir diese mündlichen Lehrabschlussprüfungen nicht mehr anzutun. 2023 traten zwölf Jugendliche bei der Köchli Heiztechnik eine Schnupperlehre an. Zum obligatorischen Eignungstest im Ausbildungszentrum des Berufsverbandes in Zollikofen sind einige Schnupperlehrlinge schon gar nicht mehr hingegangen, obschon sie sich dafür angemeldet hatten. Von denen, die erschienen sind, hat nicht einer das EFZ-Niveau erreicht. Die beiden ausgeschriebenen Heizungs– und Sanitärinstallateur-Lehrstellen bleiben dieses Jahr unbesetzt.»

Objektive Beurteilung der Eignung dank Test des Berufsverbandes

Seit Jahren ist in der Handwerksbranche die schwindende Erfolgsquote bei den Eignungstests ein Thema. Auf der Suche nach dem Gründen wird der Schwarze Peter gerne zwischen der Volksschule und der Berufsbildung hin- und hergeschoben. Die Volksschule sei nicht mehr imstande, die Grundanforderungen in Mathematik und Deutsch zu vermitteln, ist von der einen Seite zu hören. Die Tests seien grundsätzlich zu anspruchsvoll, gibt die andere Seite zu bedenken. Grund genug, die von vielen Betrieben verlangten Tests etwas genauer anzusehen.

Um die schulische Eignung von Jugendlichen für einen Beruf in der Gebäudetechnik zu überprüfen, hat 2018 der Berufsverband «suisse-tec» einen Eignungstest eingeführt, der sich einerseits an den beruflichen Mathe- und Deutsch-Grundanforderungen der Branche, andererseits am Lehrplan der Volksschule (8. Klasse) orientiert. In der Mathematik müssen die Kandidatinnen und Kandidaten verschiedene ihnen vorgelegte Rohre ausmessen und abzeichnen sowie einfache Textaufgaben lösen. Zudem werden anhand von Plänen allgemeine Aufgaben bezüglich Fläche und Masse von Wohnungen gestellt. Im Weiteren gilt es, in einen vereinfachten Arbeitsrapport – wie er in den Gebäudetechnik-Berufen verwendet wird – fehlende Werte einzutragen und verschiedene Kostenfolgen zu berechnen. Dies erfordert Umwandlungen von Längen- und Zeitmassen, einfache Flächenberechnung sowie zeichnerische Darstellungen rechteckiger Körper. Bei den Dreisatz-Aufgaben geht es darum, mit dem Taschenrechner mathematische Grundoperationen und einfache Rabattrechnungen auszuführen.

Einige Aufgaben fordern neben den mathematischen auch sprachliche Grundkompetenzen. So gilt es beispielsweise, zu einfachen Textaufgaben entsprechende Rechnungen aufzustellen, um diese zu lösen. Der rein sprachliche Teil des Tests beinhaltet einen kurzen Zeitungstext mit Verständnisfragen, die im Multiple-Choice-Verfahren zu beantworten sind. Ausserdem schreiben die 8. Klässler einen kurzen Aufsatz von mindestens acht Sätzen zu einem vorgegebenen Thema. 

Für Reto Köchli macht der Eignungstest durchaus Sinn: «Er ist geeignet, eine objektive Beurteilung und Einstufung der schulischen Eignung der Kandidatinnen und Kandidaten in Deutsch und Mathematik vorzunehmen. Aufgrund der erreichten Punktezahlen erfolgt die Einstufung der Kandidierenden in die Kategorien EBA (eidg. Berufsattest), EFZ (eidg. Fähigkeitszeugnis) und Planung, wo die mathematischen Ansprüche etwas höher liegen. Neben den Resultaten der Eignungstests interessieren jedoch ebenso sehr die Noten in den Schulzeugnissen. Hier fallen mir zunehmend Ungereimtheiten auf: So hat unlängst ein Schüler, der in seinem 8.-Klasse-Zeugnis in der Mathematik die Note 4.5 erhalten hatte, im Test von möglichen 60 gerade mal 2 Punkte geschafft. Da frage ich mich schon, wie diese Note entstanden ist. Alles in allem beschleicht mich in letzter Zeit der Eindruck, dass die Volksschule und die Berufsbildung nicht mehr dieselbe Sprache sprechen.»

Der fatale Verlust von Abgängern der Volksschule an die Mittelschulen

Verantwortlich für die Knappheit von geeigneten Auszubildenden ist nicht zuletzt der Abgang von SchülerInnen der 8. und 9. Klassen in die Mittelschulen, wie Reto Köchli zu bedenken gibt: «Zu viele Jugendliche, die in einer Lehre mit Berufsmatur besser aufgehoben wären, wechseln nach der Volksschule unbedacht ins Gymnasium oder in die Fachmittelschule FMS. Nicht wenige, die nach vier Jahren mit gros-

sem Aufwand die Matura geschafft haben, müssen danach eingestehen, dass für sie die Hürden für ein erfolgreiches Medizin- oder Anwaltsstudium zu hoch sind, und sie entscheiden sich schliesslich für eine verkürzte KV-Lehre. Fazit: Zeit und Ausbildungskosten im Gymnasium oder in der FMS waren vier verlorene Jahre und unnötig verschwendete Steuergelder. Diesem Unsinn könnte ein Riegel geschoben werden, wenn diejenigen Gymnasiastinnen  und Gymnasiasten, die nach der Matura an keiner Universität studieren oder keine Fachhochschule absolvieren, einen Teil der verursachten Ausbildungskosten zurückzahlen müssten.

Dennoch Zuversicht dank höherer Wertschätzung der Handwerksberufe

Köchli bleibt trotz der momentan schwierigen Situation auf dem Lehrstellenmarkt zuversichtlich: «Der gesellschaftliche Wert von Handwerkern – und auch Pflegepersonal etc. – wird in den kommenden Jahren steigen, davon bin ich überzeugt. Die Erstellung im Team von neuen Bädern und Heizungen in Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern ist etwas Wunderbares. Man sieht, was man vollbracht hat. Die Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen in der Branche bleiben sehr vielfältig und stimmig mit der jeweils persönlichen Entwicklung. Handwerk hat einen goldenen Boden, dies gilt heute mehr als je zuvor.»

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