Kurz vor Mittag, gewöhnlicher Arbeitstag, gewöhnliche Arbeitswoche. Das Interview findet per Telefon statt. Bereits nach den ersten Gesprächsminuten ist klar: Am anderen Leitungsende sitzt ein Naturphänomen. Vulkan, Wirbelwind, Wasserfall? Livia Franz sprudelt und sprüht vor Energie und Schaffensdrang, vor Ideen und Kreativität. «Ich habe wahnsinnig viel Energie», lacht sie denn auch, «ich tanke schon während der Arbeit wieder auf, weil ich meinen Job so gerne mache. Das ist ein riesiges Glück.» Die Arbeit, das ist im Falle von Livia Franz das Theater. Und die ganz grosse Leidenschaft.
Schritt auf die Bühne
Das war nicht immer so. Ursprünglich arbeitete Livia Franz als Kleinkindererzieherin. Erste Erfahrungen, sowohl mit Erwachsenen- als auch Kinderstücken, sammelte sie bei der Remisenbühne Jegenstorf. Dass das Hobby schliesslich zum Beruf wurde, war so nicht geplant. Doch nach dem ersten Kontakt zum Theater Matte vor etwas mehr als zehn Jahren gab es kein Zurück mehr. Den ursprünglichen Beruf als Kleinkindererzieherin aufzugeben, fiel ihr damals allerdings nicht leicht. «Das war für mich ein grosser Schritt», erinnert sich die Bümplizerin, «bis dahin war es ein Hobby. Aber ich habe Feuer gefangen.» Der weitere Weg ergab sich wie von selbst. Zusammen mit Markus Maria Enggist, Regisseur, Autor und Intendant am Theater Matte, tüftelte sie bald an einem ersten Kinderstück.
Lebensnah und frisch
Dieses erste Stück rund um das bekannte Bilderbuch vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, war ein voller Erfolg. Und zeigte Livia Franz und Markus Maria Enggist, dass es gerade beim Theater für Menschen ab drei Jahren eine grosse Angebotslücke gibt. Eine spannende Nische, die das Duo gekonnt in Angriff nahm – und trotz Herausforderungen bis heute mit Bravour füllt. Kinderstücke zu kreieren, die funktionieren, Witz haben und den Kindern auch etwas zutrauen, ist keine einfache Aufgabe. «Man muss das gerade so ernst nehmen oder noch mehr als bei Erwachsenen. Kinder zeigen sehr direkt, ob sie etwas lustig finden oder nicht», weiss Livia Franz, «wir wollen auch nicht rumkaspern, es soll ernsthaft bleiben.» Diese Haltung nehmen die beiden Schauspielenden jeweils auch im Bühnenbild auf. Es soll einfach bleiben, mobil sein und vor allem viel Raum lassen für Fantasie. Dank ihrer Erfahrung mit Kindern – sowohl aus ihrer Kitazeit als auch als Mutter – war Livia Franz stets nah an der Lebenswelt der jungen Menschen. «Ich hatte das Glück, dass ich damals selbst ein kleines Kind hatte und die Bedürfnisse einschätzen konnte», erzählt Livia Franz, «und dank meiner Kitazeit hatte ich viele Bücher auf dem Schirm.»
Viel Vertrauen
Aktuell steht die Theaterfrau mit «Vier Stern Stunden» nach einer längeren Pause wieder für ein erwachsenes Publikum auf der Bühne. Es gebe gewisse Unterschiede, aber alles in allem sei der Kern der gleiche: Man probiert mit Stück und Schauspiel das Publikum zu begeistern. Allerdings sei die Reaktion des Publikums schwerer lesbar. «Es ist etwas weniger spürbar, wie die Energie im Saal ist», so die Schauspielerin. Bei Kindern seien Reaktionen hörbar und direkt, bei Erwachsenen höre man manchmal fast nichts. Das könne verunsichern. Die Erfahrung mit den Kinderstücken gab Livia Franz aber auch für solche Situationen viel Lockerheit mit. Auch in der Kreativphase in der Erarbeitung der Stücke habe sie durch ihre Erfahrung viel Vertrauen und Sicherheit gewonnen: «Ich durfte viel Bühnenerfahrung mitnehmen aus den Kinderstücken und habe viel Vertrauen, dass es gut kommt.»
Eine zweite Familie
Trotz aller Leidenschaft für ihre Arbeit am Theater und ihrer schier unbändigen Energie hadert auch Livia Franz ab und zu mit der Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen. Wie wohl jede berufstätige Familienfrau. Es gebe Phasen, da könne sie nicht allen und allem gerecht werden, ist sich die dreifache Mutter bewusst. Ohne Unterstützung ihres Mannes und der Grossmütter wäre vieles nicht möglich. Die Zeit, die sie in die Arbeit investiert, so betont sie, müsse unbedingt sinnvollen Inhalt haben – schliesslich zwacke sie damit wertvolle Familienzeit ab. Im Theater Matte stimmt diese Sinnhaftigkeit voll und ganz. «Es ist ein unglaublich tolles Team, alle sind mit viel Herzblut dabei», schwärmt Franz, «es ist eine zweite Familie.» Ob mit Stücken für Erwachsene oder für Kinder, sie hat sich ganz dem Theater verschrieben. «Es macht alles Sinn, man gleist ein Projekt auf mit all diesen Menschen, ein Stück kommt auf die Bühnen und die Leute haben Freude. Es ist immer im Fluss, es hat so viele Facetten», schwärmt sie und beschreibt mit den letzten Worten nicht nur das Theaterschaffen treffend, sondern auch sich selbst.