careleaver

Sie wissen selbst nicht, dass sie es sind

Nadine Geissbühler
Desiree Celine Righetti ist Careleaver und hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich.

Foto: NJG

Einfach erklärt

Kinder, die im Heim oder in Pflegefamilien aufgewachsen sind, nennt man auch Careleaver. Sie sind oft ganz alleine, wenn sie erwachsen werden. Das kann schwierig sein für sie.

Careleaver sind Menschen, die ehemalige Heim- oder Pflegekinder sind. Sie stossen später im Erwachsenenleben, beispielsweise in der Arbeitswelt, auf verschiedene Herausforderungen. Nur: oft wissen sie selbst gar nicht, dass sie Careleaver sind.

Es ist ein Freitag und eine aufgeweckte, junge Frau betritt den Raum. Sie selbst beschreibt sich als frech und zugleich schüchtern, aber auch als eine Person, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Desiree Celine Righetti heisst sie. Sie ist ein sogenannter Careleaver, also ein ehemaliges Pflege- oder Heimkind, das mit 18 Jahren die «Care» verlassen musste und von einem Moment auf den anderen ganz auf sich alleine gestellt war. Erst in ihrem Fachhochschulstudium in sozialer Arbeit erfährt sie, dass es für all ihre Schwierigkeiten und ihren Stand einen Begriff und sogar ein Programm zur Hilfestellung gibt. Das Wort Careleaver begleitet Righetti seitdem in ihrem Leben und lässt sie nicht mehr los.

Konflikte und Neuanfang

Als die Auseinandersetzungen mit ihrer psychisch erkrankten Mutter immer heftiger werden und die Trennung vom Stiefvater nur noch eine Frage der Zeit ist, ist für Righetti klar, dass es so nicht weiter gehen kann. Zusammen mit ihrer Psychologin entscheidet sie, dass es an der Zeit ist, eine neue Bleibe für sich zu suchen. Zuhause eskaliert die Situation und die Mutter weiss sich in ihrer Verzweiflung nicht anders zu helfen, als das Mädchen in ihrem Zimmer zu isolieren und ihr die Schule zu verbieten. Nach einem Telefonat mit ihrer Psychologin hat sie die Wahl: Schule oder zur Psychologin. Ihrer Mutter sagt sie, sie gehe in die Schule. Stattdessen aber geht Righetti zur Psychologin. So beginnt eine neue Zeit. Als Erstlösung eine Woche in einem Heim in Olten und dann für mehrere Jahre in Bern erlebt Righetti die Zeit im Heim als wohltuend und fördernd in ihrem Dasein. Endlich darf sie einfach nur Kind sein und hören, dass sie gut ist und ihre Sachen gut macht.

Careleaver, ohne es zu wissen

Als Desiree Righetti 17 Jahre alt ist, wird ihr gesagt, sie wäre zu reif und müsse weiterziehen. Fünf Monate vor ihrem 18. Geburtstag findet Righetti eine WG in Biel und zieht um. Dort absolviert sie neben der Lehre zur Grafikerin in der Grafikfachklasse auch die BMS. Die Klassenkameradinnen und Lehrerinnen sind plötzlich ihre einzigen sozialen Kontakte. Statt einer Wohngemeinschaft mit gemeinsamen Essen gleicht das Wohnen in der WG eher einer Zweckgemeinschaft mit keinerlei Überschneidungen im alltäglichen Leben. Nach dem Ausfüllen der Steuererklärung fragt sie den Deutschlehrer der BMS, ob er kurz kontrollieren könne, ob alles stimme. «Alles andere musste ich mir selber beibringen, es war Learning by doing. Es ist ganz absurd, zwar durfte ich damals im Coop noch keinen Alkohol kaufen, aber ich war trotzdem vollkommen alleine für alle meine Rechnungen, für meine Wohnung etc. verantwortlich. Das sind viele Herausforderungen, mit denen viele Careleaver zu kämpfen haben», erzählt Righetti.

Andere sollen es leichter haben

Noch während ihrer Lehre merkt Righetti, dass es nichts für sie ist, den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu sitzen. Studieren will sie nicht. All das führt dazu, dass sie sich nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Lehre und der BMS auf dem BIZ beraten lässt. «Ich ging da hin und habe gesagt: Hallo, habt ihr eine Idee was ich noch anderes machen könnte?» Was sie denn machen würde, wenn sie alles machen könnte, fragte sie der Berater? «Zum Beispiel Beiständin.» Und so kam es, dass Desiree Righetti nun trotzdem studierte. Mittlerweile schreibt sie in ihrem letzten Semester an ihrer Bachelor Thesis für den Abschluss in sozialer Arbeit, war beim Aufbau des Projektes CAREer von SOS Kinderdorf aktiv beteiligt und leitet nebenbei die Geschäftsstelle des Netzwerks Careleaver Schweiz in Bern, wo sich Righetti für den Aufbau eines Netzwerks und die Organisation von regelmässigen Treffen für Careleaver einsetzt. Auch ganz alltägliche Hilfestellung sei wichtig, zum Beispiel in Form von Chatgruppen, in denen Fragen gestellt werden können. «Ich wünsche mir, dass alle Fachpersonen den Careleavern aufzeigen, dass sie solche sind und sie über die Angebote, die es gibt, aufklären. Careleaver sind eine schwer erreichbare Gruppe und durch gute Information kann die zukünftige Generation es etwas leichter haben.»

CAREer von SOS Kinderdorf
Die Stiftung SOS Kinderdorf hat 2023 mit CAREer ein Pilotprojekt im Kanton Bern lanciert, welches Careleaver und junge Erwachsene mit Unterstützungsbedarf beim Übergang in die Arbeitswelt begleitet. Dank der Kooperation mit Unternehmenspartnern erhalten Teilnehmende Einblicke in verschiedene Berufsfelder sowie individuelle Unterstützung bei der beruflichen Entwicklung.

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