Küsten, Seen oder Teiche, Brutgebiete, Geflügelhaltungen oder Zoos: Die hochansteckende Vogelgrippe (Hochpathogene Aviäre Influenza HPAI) ist in den letzten Jahren weltweit zu einem grossen Problem geworden. Sie bedroht ganze Bestände wildlebender Arten, führt zu Keulungen Tausender Tiere in Geflügelfarmen und führt in Zoos zu Sorgen um Pelikane, Auerhühner oder Pinguine.
«Eine kleine Katastrophe»
«Vor drei Jahren erlebten wir eine kleine Katastrophe», erzählt Stefan Hoby Mitte Februar an einer Medienorientierung. Der Tierarzt des Tierparks Bern erinnert sich: «Wir fanden zwei tote Graureiher im Pelikangehege. Schnell stellte sich heraus, dass sie an der Vogelgrippe gestorben waren. Kurz danach erkrankte ein Pelikan am Virus und wir mussten ihn erlösen.» Es folgten schwierige Zeiten: Die Tierpflegenden mussten in Aussengehegen wohnende Zoovögel für mehrere Wochen einstallen, auch die Flamingos verbrachten diese Zeit sowie den folgenden Winter in ihrem Glashaus. Das bedeute Stress für sie, denn diese Ställe seien nicht für längere Aufenthalte gedacht. Am Medientermin nehmen die rosa Tiere ihren Teich lautstark in Beschlag. Ihre Pflegenden müssen aktuell nicht um sie bangen, denn das Federvieh verfügt über einen Impfschutz gegen die HPAI.
Schon seit 2013 am Ball
Dies ist nicht selbstverständlich. Denn 2022 gab es europaweit noch keinen zugelassenen Impfstoff. Veterinär Hoby wandte sich deshalb nach dem Vorfall ans In-stitut für Virologie und Immunologie in Bern und Mittelhäusern. Die dort tätigen Wissenschaftler forschen an diversen Tierseuchen – und an Impfstoffen dagegen. «Wir hatten schon 2013 einen experimentellen Vektor-Impfstoff entwickelt», erzählt Gert Zimmer, Virologe und IVI-Projektleiter. «Nach der Impfung hatten unsere Hühner einen hundertprozentigen Schutz vor der Vogelgrippe, und da sie auch keine Viren mehr ausschieden, erreichten wir eine Herdenimmunität.» Barbara Wieland, Institutsleiterin des IVI, hebt die Bedeutung der Grundlagenforschung hervor: «Dank dem
vorausschauenden Denken am IVI arbeiteten wir schon länger an einer Schutzlösung vor der hochpathogenen Vogelgrippe.» Somit war das IVI bereit, als die Zooveterinäre anklopften.
317 geimpfte Tiere
Inzwischen zirkulierten andere Stämme, weshalb die IVI-Forschenden den Impfstoff anpassten und an Hühnern testeten. Schliesslich durften sie ihn als Forschungsprojekt den geflügelten Bewohnenden des Tierparks Bern und des Zoos Basel verabreichen. «Es ist das erste Mal, dass wir solch einen Feldversuch durchführen konnten», so Wieland. Im August 2023 war es soweit: Die Tierärzte und Tierpflegenden immunisierten 24 verschiedene Vogelarten, insgesamt 317 Tiere. Diese mussten einzeln und schonend eingefangen werden, auch von Tierpflegern in Badehosen. Hunderte von Blutserumproben bewiesen kurz darauf, dass das Immunsystem der Tiere Antikörper gebildet hatte. Bereits nach einer Dosis waren die Vögel ausreichend geschützt. Nach einer zweiten Dosis fünf Wochen später sei die Schutzwirkung nochmal drastisch gestiegen. Noch heute profitieren sie davon, wenn auch die Wirkung mit der Zeit nachlässt.
Wer stellt Impfstoff her?
Der vom IVI entwickelte Impfstoff ist ein bedeutender Erfolg. Doch nun bräuchte es Investoren und Produzenten, um ihn industriell herstellen zu können. Bis der hier entwickelte Stoff in ausreichender Menge produziert und zugelassen ist, dauert es im besten Fall zwei bis drei Jahre. Doch der Bedarf und die Nachfrage sind gross. In Ländern wie Frankreich konnte dank provisorischer Zulassung im Herbst 2023 mit der Immunisierung von Hausgeflügel oder Zoovögeln gegen das H5N1 – das ist die bisher ansteckendste Variante der Vogelgrippe – begonnen werden. Hierzulande könnten die Zooverantwortlichen nun eine Sonderzulassung für einen in der Zwischenzeit erhältlich gewordenen Impfstoff aus dem Ausland beantragen.
Derweil wütet die Vogelgrippe weiter und längst nicht mehr nur unter Federvieh. In anderen Ländern haben sich etwa Schweine, Rinder oder Robben angesteckt. Teilweise sind auch Menschen betroffen. Bei uns ist dies noch kein Thema. Dieses Jahr wurden im Kanton Bern bisher drei Nachweise bei Wildvögeln erbracht. Wachsamkeit ist angebracht; tote Wildvögel sollten nicht berührt und der Wildhut gemeldet werden. Für die Verantwortlichen des Tierparks Bern und der anderen Schweizer Zoos bleibt zu hoffen, dass der IVI-Impfstoff baldmöglichst auf dem Markt erhältlich sein wird. Sodass zumindest die bei ihnen lebenden Flamingos, Uhus oder Enten geschützt sind.