Ein kleines Mädchen sitzt beim Hotelparkplatz auf einem Abfallcontainer. Nur knapp kann sie die Gitarre unter ihren Ellbogen pressen. Die Beine beginnen zu wippen und die Hand schlägt die ersten Akkorde an. Was sie anschliessend singt, haben die Ohren der Hotelgäste noch nie gehört – es ist ein eigenes Lied. Wer es singt, das wissen sie aber ganz genau; die Stimme der kleinen Sandra Moser ist unverkennbar.
Zurück zu mir
Es sind genau diese unbeschwerten Momente mit reiner Musik aus dem Herzen, die Sandee wieder sucht. Nun ist sie kein achtjähriges Mädchen mehr. Seither ist viel passiert. Mit 13 Jahren sang sie in ihrer ersten Band und mit etwas mehr als 20 Jahren startete an der Seite von Golä ein kometenhafter Aufstieg. «In wenigen Monaten von einer Handvoll Leuten hin zu ausverkauften Hallen, das ging enorm schnell», erinnert sie sich. Es war der Beginn einer Veränderung. «Es ging fortan darum, Erwartungen zu erfüllen und abzuliefern», erklärt sie. Das steigerte sich noch mit dem Beginn ihrer Solokarriere. «Ich musste ein wenig gegen den Golä-Stempel ankämpfen. Umso mehr wollte ich allen und allem gerecht werden. Dabei habe ich mich verloren», sagt sie rückblickend. Es war dann eine ganze Weile still um die kraftvolle Stimme aus dem Oberland. Die Einsicht reifte, «dass ich den Weg zurück zu mir gehen will. Zu jenem Mädchen, dass unbeschwert Gitarre spielte und jede Menge Spass daran hatte.»
Ehrliche Musik
Ein Schlüsselerlebnis verhalf ihr, diesen Weg einzuschlagen: «Für die geplante Tour im Jahr 2017 hatte ich Mühe, genügend Songs zu finden, hinter denen ich stehen konnte und auf welche ich wirklich Lust hatte», gibt sie zu. Es waren diese gewaltigen Arrangements und die ganze Verpackung rund um eine einfache Melodie direkt aus dem Herzen, die es ihr so schwer machten. «Also weg damit», sagt sie und lächelt dem Thunersee entgegen. Und da ist es wieder, dieses Mädchen, das nie mit der Bürste in der Hand vor dem Spiegel Stars nachgemacht hat, sondern lieber gleich selber komponierte. «Zrügg zu mir» hiess das erste Album, das diesen Weg beschreibt. Und siehe da, ehrliche Musik kommt an. Sie stieg mit dem Album direkt auf Platz zwei der Charts ein. «Aber eine Stimme in meinem Hinterkopf sagte mir, ich bin ja nur die Nummer zwei», erinnert sie sich. Nun denn, die damalige Nummer eins war ein gewisser Ed Sheeran, ein Weltstar auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Beileibe kein Grund skeptisch zu werden, möchte man meinen. Es ist aber nicht unbedingt Ehrgeiz, sondern ein anderer Umstand, der sie umtreibt: «Ehrlich gesagt bin ich perfektionistisch veranlagt. Ich hatte oft das Gefühl, man nimmt mich als Künstlerin nicht ernst. Ich war stets eher das Duracell-Häschen auf der Bühne.»
Selbstzweifel
Zweifel begleiteten den Prozess von der grossen Bühne zurück zur ehrlichen Musik. «Wie sollte die Aussenwelt keine Zweifel haben, wenn ich an mir selbst zweifelte?», fragt sie sich heute. Nun, der Erfolg stellte sich immer ein, es war aber ein Kompliment von aussen und keines, das sie sich selbst schenken konnte. Wie gelang es Sandee, diese Zweifel abzuschütteln und sich wieder an die Zeit zurückzuerinnern, in der sie unbeschwert musizierte? Die Musik selbst verhalf ihr dazu. «Es war dieses Gefühl, wie ein Lied wirkt, wenn man in einer kleinen Location spielt, wo Raum bleibt, um die Geschichte des Songs zu erzählen und diese spezielle Verbindung zum Publikum entsteht. Ich spürte wieder. Jeden Ton, jedes Wort», erzählt sie. Momente, wie es sie etwa bei ihrer Schwester an Liederabenden im Hotel Löwen in Wimmis gibt. Ganz weg sind sie aber noch nicht, diese Zweifel an sich selbst. «Ich schreibe meine eigenen Songs. Ich will die Gitarre in der Hand halten. Aber noch heute bin ich nervös, wenn ich in der Band erstmals ein Stück präsentiere. Es würden zwei, drei kritische Stimmen ausreichen und ich wäre verunsichert, sogar wenn ich ihn vorher eigentlich gut fand», klingt sie so ehrlich wie ein Vers eines emotionalen Songs.
Kreative Phasen
Es dürfte allerdings nur eine Frage der Zeit sein, bis diese Zweifel verpuffen. Denn unter dem Namen «pur» tourt sie in diesen Monaten mit einer Formation aus akustischer Gitarre, Klavier, Kontrabass und Perkussion. Fokussiert auf Text und das Wesentliche der Musik. Sie hat sich ein Herz gefasst, Mut bewiesen und geht ihren Weg zu sich selbst. Zu hören sind alte Stücke in einer neuen Form und neue Lieder in gleichem Masse. Letztere verblüffen mit ehrlichen Texten, die von diesem Weg erzählen. «Ich schreibe oft die besseren Songs, wenn es mir nicht so gut geht, ich habe dann das Gefühl, dass ich mehr zu erzählen habe», ergänzt sie. Kreativ sein kann man nicht per Knopfdruck und schon gar nicht wenn’s grad stressig ist. «Bei mir hängt Kreativität damit zusammen, wie es mir geht und wie frei mein Kopf ist. Man muss sich selber spüren», fasst sie zusammen. Vielleicht auch der Grund, weshalb wir Menschen traurige Lieder hören, wenn es uns selber nicht gut geht, einfach um uns zu spüren, einfach um die Trauer rauszulassen. Sandee hat eine eigene Geschichte dazu: «Als im damaligen Jugoslawien Krieg war und Schweizer Soldaten vor Ort waren, erzählte mir ein Rückkehrer nach einem Konzert, dass einige Männer in ihrem Panzer immer einen Song von mir hörten. Das half ihnen, mit allem besser klar zu kommen.»
Musik miteinander teilen
Berührt hat die Künstlerin mit ihrer Stimme schon immer. Das erkannten auch viele Sängerinnen und Sänger im Land. Eine Ostschweizerin fragte deshalb an, ob sie nicht ein Coaching haben könnte. «Ich sagte, ohne viel zu überlegen, einfach zu und merkte, wie mir das Freude bereitete», erinnert sie sich. Sie war gerade in diesen Gedanken, als ihr Telefon abermals klingelte und eine Anfrage für einen ganzen Workshop kam. «Wieder sagte ich spontan zu, obwohl ich nachher ein wenig ins Schwitzen kam, damit ich eine ganze Woche gut durchorganisieren konnte», lacht sie. Daraus sind die Jamcamps in der Toskana entstanden, «eine Art Lager, in dem wir alle gemeinsam voneinander und miteinander dazulernen, das schätze ich besonders», fügt sie hinzu. Fast ohne es zu merken, ist sie wieder zur Sandra Moser geworden, die unbeschwert Musik macht und mit anderen teilt. «Ich hatte lange das Gefühl, es gäbe zwei Sandees; eine auf der Bühne und die andere privat. Heute weiss ich: Es gibt nur eine und das bin ich – pur.»
Langsam neigt sich ein Sommertag dem Ende zu. Im «Chrindi» beim Stockhorn brennt ein Lagerfeuer. Das Knistern des trockenen Holzes verschmilzt mit den letzten Rufen der Bergdohlen zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch. Dann plötzlich erklingt Sandees Stimme. Samt und weich, dann wieder kräftig und klar. Ihre Augen sind zeitweise geschlossen, während die Gitarren von ihr und Julia Reusser das Klangbild perfekt machen. Nein, kein kleines Mädchen mehr, eine gestandene Frau, die nach Jahrzehnten wieder die alte Freiheit zurückgewonnen hat, um wirklich zu fühlen, was sie singt. Kreationen aus Emotionen – pur. Das ist Sandee und war sie eigentlich schon immer.