Eine Pandemie in der Vogelwelt greift auf Geflügel über

Im Fokus der Forschung – die Vogelgrippe

Salome Guida
Von Salome Guida - Redaktorin
Ein trauriger Anblick: Besonders entlang der Küsten und der Routen von Zugvögeln erliegen viele Tiere der Krankheit.

Foto: Fotos: zvg

Einfach erklärt
– Die Vogelgrippe macht vor allem Wasservögel krank – Seit zwei Jahren sterben sehr viele Vögel an der Krankheit – Für die Menschen kann das Virus gefährlich sein – Eine Ansteckung von Menschen passiert selten – Forscherinnen und Forscher in Mittelhäusern erforschen das Virus, um Lösungen zu finden
In den vergangenen zwei Jahren kam es zu Millionen getöteter kranker Hühner oder Gänse in unseren Nachbarländern, man fand Tausende verendeter Wasser- und Zugvögel an Europas Küsten. Bis jetzt sind erst vereinzelte Fälle in der Schweiz aufgetaucht, doch Vorsicht ist angesagt. Die Vogelgrippe beschäftigt Ämter, Tierparks sowie Tierhalter und Tierhalterinnen. Und die Forschenden am IVI.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV bittet derzeit Geflügelhaltende, auf verdächtige Anzeichen bei ihren Tieren zu achten und verstärkte Hygienemassnahmen einzuhalten. Kein Wunder: Vogelgrippeviren greifen in vielen Teilen der Welt und in fast allen europäischen Ländern um sich. Die Krankheit an sich ist nichts Neues. Die Geflügelpest, wie sie auch genannt wird, wurde bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dokumentiert – als die Wissenschaft Viren als Erreger noch gar nicht kannte. Lokal kam es über die Jahre immer wieder zu Ausbrüchen. 

Beispiellose Epidemie

Doch ab 2004 breitete sich die Vogelgrippe ausgehend von chinesischen Gänsefarmen immer weiter aus. Vermutlich spielen Zugvögel als «Transporteure» eine grosse Rolle. Bisher waren sie oftmals Träger der Viren, selber erkrankten sie jedoch selten. Doch nun haben sich die Vorzeichen geändert. In den vergangenen zwei Jahren kam es in den meisten europäischen Ländern zu zahlreichen Ausbrüchen bei Wildvögeln, bei Hausgeflügel und in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA schätzt, dass bereits Verluste von etwa 50 Millionen Tieren zu beklagen sind. «Dass immer mehr Wildvögel betroffen und manche Populationen in ihrem Bestand bedroht sind, macht uns besonders Sorge», so Dr. Gert Zimmer, Wissenschaftler am Institut für Virologie und Immunologie IVI in Mittelhäusern und an der Universität Bern. In Israel raffte die Krankheit letztes Jahr mehrere Tausend Kraniche dahin, in Griechenland wurde die Zahl der dalmatischen Pelikane um 40% dezimiert, in Nordamerika stirbt mit dem Weisskopfseeadler das Wappentier der USA, an der Ostsee verenden die Enten und Zugvögel. Geflügelfarmen in Deutschland, England, den Niederlanden oder Frankreich mussten bereits viele Millionen Tiere keulen, was zu hohen wirtschaftlichen Verlusten führte. «Die Beobachtung, dass immer mehr Ausbrüche auch im Sommer auftreten, ausserhalb der Vogelzugsaison, könnte darauf hindeuten, dass das Virus in manchen Regionen Europas endemisch wird», führt Zimmer aus. Das bedeutet, dass 

es nicht länger bloss vereinzelte, lokale Fälle gibt, sondern dass die Viren in manchen Regionen ganzjährig und beinahe flächendeckend zirkulieren. «Wir erleben zurzeit in Europa eine Epidemie mit H5N1-Viren, die beispiellos ist», bringt es der Virologe auf den Punkt. 

Erste Schweizer Fälle

Beruhigend für die Schweiz ist die Tatsache, dass die Geflügelpest bisher vor allem in küstennahen Gebieten wütete. Zurücklehnen kann man sich dennoch nicht. Seit Ende August kam es nämlich in Frankreich, nur 60 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, zu drei Ausbrüchen bei Hausgeflügel und sieben Fällen bei Wildvögeln sowie im September zu einem Fall 50 Kilometer nördlich der Schweiz – wohlgemerkt abseits der Küste. Italien meldete Anfang Dezember eine deutliche Zunahme von Fällen in der im Norden des Landes gelegenen Po-Region, sowohl bei Wildvögeln wie auch in Geflügelbetrieben. Im Februar dieses Jahres hatten Tierpfleger des Tierparks Bern einen verendeten Graureiher im Pelikangehege entdeckt. Kurz darauf starb auch ein Pelikan. Bei beiden Tieren wurde das hochansteckende Vogelgrippevirus nachgewiesen. Glücklicherweise blieb es bisher in der Region Bern dabei. Mitte November aber kam es zum ersten Schweizer Fall in diesem Winterhalbjahr. Im Kanton Zürich wurde ein H5N1-positiver Graureiher gefunden, vier Tage später ein erkrankter Pfau in einer Geflügel-Hobbyhaltung an demselben Weiher. Ende November erlag am Lago Maggiore ein Höckerschwan der Krankheit, kurz darauf ein weiterer. Im gleichen Zeitraum erwischte das Virus eine Lachmöwe am Bodensee. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat die Vogelgrippe in ihrem monatlich erscheinenden Informations-Bulletin seit Dezember auf die höchste Alarmstufe gesetzt. Es schreibt: «Rund eine halbe Million Wasservögel verbringen jedes Jahr den Winter in der Schweiz. Mit ihrem Eintreffen ist die hochpathogene aviäre Influenza in der Schweiz angekommen.» Es wurde über die gesamte Schweiz ein Kontrollgebiet verhängt. Aktuell darf sich Hausgeflügel nur in Auslaufflächen aufhalten, die gegen Kontakte mit Wildvögeln gesichert sind.

Wildtiervirus trifft auf Nutztierhaltung

Wissenschaftler Gert Zimmer beschäftigt sich schon länger mit der Übertragung von viralen Erregern zwischen Tier und Mensch. Dazu gehört die Vogelgrippe. Vorerst kann noch Entwarnung gegeben werden: «Es gibt mehrere Speziesbarrieren; Menschen werden nicht einfach so von Vögeln angesteckt.» Man müsste schon einer sehr hohen Virenlast ausgesetzt sein, um sich zu infizieren – etwa beim Schlachten eines kranken Tieres. «Damit das Virus anschliessend von Mensch zu Mensch übergehen wird, müsste es mehrfach mutieren», erläutert er. Bis jetzt ist dies zum Glück noch nicht vorgekommen. Warum aber sind Wildvögel plötzlich nicht nur Träger, sondern auch Opfer der Krankheit? Die hochpathogenen Vogelgrippeviren entstehen durch Mutation aus vormals eigentlich harmlosen Vogelgrippeviren. Aus noch nicht verstandenen Gründen sind einige Wildvogelarten gegenüber diesen Viren relativ resistent, während andere wildlebende Vögel schwer erkranken. Hausgeflügel ist dagegen stets äusserst empfänglich für die Krankheit, die bei diesen Tieren mit einer Sterblichkeit von bis zu 100% verbunden ist. «Eine Halle mit mehreren Tausend Truten oder Hühnern bildet natürlich einen wunderbaren Nährboden», erklärt er. In den Ställen finden Erreger durch die zahlreichen Tiere auf engem Raum perfekte Verhältnisse vor, um sich rasend schnell auszubreiten. Das Risiko einer Übertragung der Viren auf Geflügel ist besonders dort gross, wo Tiere in Freilandhaltung in der Nähe von Gewässern gehalten werden oder ein Auslaufgehege haben, das nach oben nicht dicht ist – ein Kontakt mit den Ausscheidungen infizierter Wildvögel ist hier gut möglich.

Lichtblick Impfung?

Europaweit drängen immer mehr Geflügelhaltende auf die Zulassung der Vogelgrippe-Impfung. Ein solcher Impfstoff ist aber – auch in der Schweiz – verboten. Der Grund: Beim Untersuchen von Proben kann nicht unterschieden werden, ob die Tiere aufgrund der Impfung oder einer Infektion Antikörper bilden, somit würden Ausbrüche womöglich zu spät entdeckt. Aufgrund der zugespitzten Situation wird das Impfverbot allerdings vermehrt in Frage gestellt. Vor allem, falls sichere Impfstoffe erhältlich werden, die es erlauben, geimpfte und infizierte Tiere zu unterscheiden. Das IVI forscht an Impfstoffen der nächsten Generation. «Diese könnten bereits in naher Zukunft Vögel wirkungsvoll und sicher vor Vogelgrippeviren schützen», sagt Zimmer. Als Referenzlabor für hochansteckende Tierseuchen verfügt das Institut über Hochsicherheitslabore, die es ihm und seinen Kollegen in Mittelhäusern erlauben, unter sichersten Bedingungen eine weltweit grassierende Tierseuche besser zu verstehen, um ihr etwas entgegensetzen zu können.

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