Noch sind nicht alle Namen klar. Gerade für den Stadtrat haben die verschiedenen Parteien noch bis am 16. September Zeit, um alle Kandidaturen einzureichen. In der Stadtberner Regierung aber kristallisiert sich langsam heraus, wer alles antreten wird.
Der Stapi-Sitz wackelt
Der wortgewandte Alec von Graffenried (Grüne) hat in seiner Legislatur viel abbekommen. Von beiden Seiten. Lob und Tadel. Letzteres mag mit ein Grund sein, weshalb seine Wiederwahl nun gefährdet ist. Aus den Reihen des Gemeinderats erhält er Konkurrenz von Marieke Kruit (SP). Die Sozialdemokratin und der amtierende Stapi werden zudem von der bürgerlichen Liste, der sogenannten BGM, herausgefordert. Ins Rennen gehen wollen nämlich Nationalrätin Melanie Mettler (GLP) und der politische Shootingstar der SVP, Janosch Weyermann. Vier Kandidierende für das Stadtpräsidium sind eine spannende Ausgangslage.
Panaschieren macht
den Unterschied
Kurz und knapp zusammengefasst treten bei den Gemeinderatswahlen (Exekutive) zwei Blöcke gegeneinander an. RGM (RotGrünMitte) und BGM (BürgerlichGrünMitte) heissen diese. Etwas ketzerisch darf man festhalten, bei RGM ist nur wenig von «Mitte» zu spüren. BGM hingegen hat Glück, dass mit der GLP eine Partei mitmacht, die das Grün im Namen trägt, ansonsten müsste man noch auf den grünen Hintergrund im SVP-Logo hinweisen. Aber weg mit den Spielereien und hin zu den Kandidierenden. 16,7 % der Stimmen muss jemand erhalten, um in den Gemeinderat zu gelangen. Letzten Herbst haben die fünf Parteien aus BGM zusammen 37,2 % der Stimmen in der Stadt Bern geholt. Liegt der zweite Sitz also in Reichweite? So gesehen schon, nur darf man die Rechnung nicht ohne das Bier machen, oder die Wahlen ohne das Panaschieren. Viele Wählerrinnen und Wähler setzen nicht nur auf eine Liste, sondern kombinieren Kandidierende. Der abtretende Gemeinderat Reto Nause (die Mitte) brachte es vor vier Jahren gar auf 55 % Panaschier-Stimmen und verdankte diesen seine Wahl. Generell profitieren die Mitte-Parteien EVP, GLP und die Mitte verhältnismässig mehr vom Panaschieren als die anderen Parteien. Wird also im Herbst viel panaschiert, gefährdet das die Chancen von BGM auf ihren zweiten Sitz. Ob es also beim Kräfteverhältnis 4:1 zugunsten der RGM bleibt oder ein 3:2 realistisch ist, hängt mitunter von dieser Situation ab.
Gewichtige
Gemeinderatskandidaturen
Deshalb präsentieren die beiden Blöcke ihre Kandidierenden als Einheit. Das Volk wählt in der Regel die Köpfe in die Regierung, die Parteien wünschen sich Listenstimmen. Um das gut zu verbinden, geht es darum, starke Persönlichkeiten für den Gemeinderat aufzubieten. Und das scheint allen zu gelingen. RGM hat die bestehenden Marieke Kruit (SP), und Alec von Graffenried (Grüne), welche sich zur Wiederwahl stellen. Michael Aebersold (SP) und Franziska Teuscher (Grüne) treten nicht mehr an. Doch SP und Grüne nominieren bekannte Namen, um die Lücke zu schliessen. Die Grünen treten mit Ursina Anderegg an. Die Co-Präsidentin des Grünen Bündnisses Bern ist weit über ihr politisches Lager hinaus für ihre Dossiersicherheit bekannt. Die SP lanciert einen Namen, den man kaum noch vorstellen muss: Nationalrat Matthias Aebischer. Auch auf Seiten der BGM-Liste tritt eine Person aus dem Nationalrat an: Melanie Mettler (GLP). Im Gegensatz zu Aebischer tritt sie aber auch für das Amt des Stapi an. Die Bürgerlichen komplettieren hinter Zugpferd Mettler ihr Kontingent mit der finanzstarken Stadträtin Florence Pärli (FDP), der Co-Fraktionspräsidentin Béatrice Wertli (die Mitte), die den Mitte-Sitz von Reto Nause verteidigen will, dem Stadtrat und talentierten Jungpolitiker Janosch Weyermann (SVP) und der erfahrenen Parteipräsidentin Bettina Jans-Troxler (EVP).
Mit Bümpliz gewinnt
man die Wahl
Und nun zurück in den Westen von Bern. Zwei Parteien haben im Westen von Bern bis dato den Ton angegeben. Die SP Bümpliz Bethlehem blickt auf eine lange Historie zurück und war namhaft beteiligt, als es darum ging, endlich das Frauenstimmrecht einzuführen. Heute bestehen die Sozialdemokraten aus dem Westen von Bern aus etlichen Stadträten, Grossrätinnen und jungen Menschen, die sich für soziale Themen einsetzen wollen. Das Pendant dazu ist die SVP Stadt Bern. Mit der Legende Thomas Fuchs aus Oberbottigen an der Spitze, ist sie die Schaltzentrale in Berns Westen. Nationalrat, Grossrat, Stadtrat, bei der SVP sind in allen Parlamenten Personen aus dem Stadtteil VI vertreten. Nimmermüde kämpft die Partei überall dort, wo es finanziell aus dem Ruder läuft oder für die Gesellschaft wichtige Angebote wegfallen. Man denke nur an den Streichelzoo oder den Galenica-Parkplatz. Hinter die Bemühungen der SVP scharen sich viele bürgerliche Menschen, die traditionsgemäss in Berns Westen um die Wichtigkeit von KMUs und Arbeitsplätzen wissen. Das bringt auch Stimmen für die anderen Parteien der BGM. Arbeitnehmende sind aber auch bei der SP gut aufgehoben, weil es namentlich diese Partei war, die zusammen mit Gewerkschaften in Industriezeiten im Westen von Bern für bessere Anstellungsverhältnisse gesorgt hat und dies auch weiter zu tun gedenkt. Ist also der Stadtteil VI gespalten? Nein. Er ist mehrschichtig, sozial, wirtschaftsfreundlich, umweltbewusst und traditionell.
Und so darf man mit breiter Brust feststellen: Wer in den Gemeindewahlen 2024 Erfolg haben will, muss die Stimmen aus dem Stadtteil VI auf seiner Seite wissen. Auf Bern West kommt es an.