An diesem Tag soll aber nicht «auf die Tränendrüse gedrückt werden», erzählt Psychotherapeut Alfred Künzler aus Hinterkappelen mit Vorfreude auf die diesjährige Mad Pride. Was ist denn die Mad Pride? Sie ist eine Anlehnung an die LGBTQ-Pride. Bei beiden geht es darum, Scham umzudrehen und durch Akzeptanz oder sogar Stolz zu ersetzen. Auch der etwas provokative Begriff «Mad» ist bewusst gewählt. «Wir wollen das enge Verständnis von ‹normal› aufweichen und sind in dem Sinne stolz, ein bisschen verrückt zu sein», meint Künzler.
Zwischen Praxis und Barrikaden
Der Ursprung dieser Bewegung liegt in Toronto. Es sind die frühen 90er-Jahre, Aktivistinnen und Aktivisten spazieren mit einem Spitalbett durch die Strassen. Das erregt Aufmerksamkeit. Und genau das ist das Ziel dieser Aktion: Psychische Erkrankungen und die davon betroffenen Menschen sollen sichtbarer werden und mehr gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Im Jahr 2019 erreichte die Bewegung die ruhige Schweiz. Seither versammelten sich Betroffene, Angehörige und Fachpersonen dreimal – in Genf, Bern und Lausanne. Im Jahr 2020 entsteht der Trägerverein Mad Pride Schweiz. Die Gründer hatten zum Ziel, in allen Schweizer Sprachregionen Orte und Menschen zu finden, die weitere Aktionen organisieren. Einer davon ist der jetzige Co-Präsident des Vereins, Alfred Künzler, mit Praxis in Hinterkappelen. In seinem Beruf ist er täglich mit psychischer Gesundheit und vor allem Krankheit konfrontiert. Er therapiert, bildet aber auch Menschen aus. In seinem Alltag hört er oft von Depressionen, Ängsten, Zwängen und Burnouts.
Die Kosten des Nichtstuns
Aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrung und Studien stellt Künzler fest, dass immer mehr Menschen an psychischen Erkrankungen leiden. Mit Sorge blickt er vor allem auf eine Altersgruppe: «Zu vielen jungen Menschen geht es schlecht.» Die Ursachen dafür seien vielfältig. Künzler beobachtet aber auch positive Entwicklungen. In den letzten 20 Jahren habe sich viel in Richtung einer Enttabuisierung von psychischen Problemen bewegt. Menschen würden heute früher Hilfe aufsuchen. Das sei eine wichtige Entwicklung – man gehe schliesslich auch nicht erst zum Arzt, wenn das Bein ganz gebrochen sei.
Hier zieht er im Gespräch den Bogen zu seinem Engagement im Verein Mad Pride Schweiz. Damals in Toronto wie auch heute in Bern sei die Entstigmatisierung ein Schlüssel zur Prävention von psychischer Krankheit und Suizid. Die Mad Pride ist unter anderem ein Aufruf an die Politik. Künzler fordert, dass psychische Gesundheit mit gleicher Wichtigkeit behandelt wird wie die körperliche Gesundheit. Ein gängiges Argument dagegen sind die Kosten. Das sei ein Irrtum: Die grossen Kosten entstünden gerade dann, wenn psychische Probleme nicht ernst genommen werden. Unbehandelte psychische Erkrankungen könnten sich zudem auf die körperliche Gesundheit auswirken und später deutlich kostenintensivere Behandlungen erforderlich machen.
Mentale Hygiene so wichtig wie Dentalhygiene
Neben politischen Massnahmen spielen laut Künzler auch Erziehung und Bildung eine wichtige Rolle. Um dieses Argument zu untermauern, malt Künzler ein Bild: In der ersten Klasse lernen Schüler und Schülerinnen regelmässig Zähneputzen. Da die Dentalhygiene wichtig ist, wird sie zum Bildungsauftrag. Die mentale Hygiene sollte mit der gleichen Selbstverständlichkeit angeschaut werden, meint Künzler. Kinder sollten schon früh lernen, wie sie ihre psychische Gesundheit pflegen können. Hier nennt der Psychotherapeut die Kampagnen «10 Schritte für psychische Gesundheit» und «Wie geht’s dir?». Dahinter stehe die Überzeugung, dass psychische Gesundheit nicht nur Glückssache ist und alle Menschen selbst etwas zu ihrer Pflege beitragen können. Dazu gehören etwa: sich selbst akzeptieren, Kontakte pflegen, aktiv bleiben und darüber sprechen.
«Alle sind aufgerufen, ihre Verschiedenheit und Einzigartigkeit zu zeigen», meint Künzler im Hinblick auf den 10. Oktober. Auch dieses Jahr wird sich eine bunte Truppe auf dem Bundesplatz zusammenfinden, um zum Handeln aufzurufen und um das Anders- und Verrücktsein mit Stolz zu feiern.