Am 29. November stimmt die Berner Stimmbevölkerung über die Überbauungsordnung «Riedbachstrasse 8, 9, 10 und 12» ab. Sie regelt die künftige Bebauung des Areals des heutigen Zentrum Bethlehem neu. Was soll dort entstehen?
Heute besteht das Areal hauptsächlich aus einem eingeschossigen Ladenzentrum. Es ist eine Insel zwischen Tscharnergut, dem Asylweg und Brünnen, dominiert von Parkplätzen und versiegeltem Boden. Was im neuen Erscheinungsbild besonders augenfällig sein wird: vier stattliche Häuser, bis zu 30 Meter hoch. Das Ladenzentrum ist im Sous-Parterre angelegt, vom Holenackerplatz her ebenerdig und vom Mittelplatz direkt erreichbar.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie den Auftrag erhielten, das Zentrum Bethlehem neu zu entwerfen?
Unsere Arbeit beginnt stets mit Modellen, mit räumlicher Wahrnehmung, mit der Geschichte und den Menschen eines Ortes, und in diesem Fall auch mit der Erinnerung. Wir zeichnen, schreiben, bauen Modelle, verwerfen sie wieder und beginnen von vorne. Irgendwann verdichten sich die Gedanken zu einer Idee – unter Berücksichtigung sozialer, ökonomischer und ökologischer Aspekte. Städtebau, Architektur, Soziologie, Materialisierung und Freiraum müssen eine Einheit bilden. Das Zentrum soll ein vielfältiger Quartierbaustein werden und das Tscharnergut sowie Bethlehem ergänzen. Jedes einzelne Gebäude muss stets auch in seiner Rolle innerhalb des Quartiers gedacht werden.
Es werden rund 210 neue Wohnungen entstehen. Wie schafft man mehr Wohnraum – und gleichzeitig mehr Freiraum?
Indem wir die Gebäude kompakt und höher bauen, passend zu Bern-West. Im Tscharnergut, Gäbelbach oder Schwabgut stehen bereits für Bethlehem charakteristische Gebäude – zwischen ihnen befinden sich zusammenhängende und verbindende, teils öffentliche Grün- und Freiräume. Im vorliegenden Projekt verschwinden die heute dominierenden Parkplätze in den Untergeschossen.
Und wie macht man diesen Wohnraum bezahlbar?
Der bezahlbare Wohnraum ist bereits in den Überbauungsvorschriften verankert: In den Baubereichen der Genossenschaft Migros Aare muss mindestens ein Drittel der Wohnfläche als preisgünstiger Wohnraum erstellt werden, im Baubereich der Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz sind es 100 % gemeinnütziger Wohnraum. Gleichzeitig tragen wir auch mit architektonischen Mitteln zur Bezahlbarkeit bei: durch die Reduktion der Fussabdrücke der Gebäude, durch klare Bau- und Erschliessungsstrukturen und knappe, aber gute Wohnungsgrundrisse. Weniger Treppenhäuser und Lifte bedeuten tiefere Bau- und später auch weniger Unterhaltskosten. Gleichzeitig versprechen sie mehr Begegnung und Austausch zwischen den Menschen. Wenn Bäder und Küchen übereinanderliegen, lässt sich die technische und räumliche Infrastruktur bündeln und dadurch die Wirtschaftlichkeit ohne Verlust an Wohnqualität verbessern.
Müssen wir wieder lernen, mit weniger Fläche gut zu wohnen?
Eine gute Wohnung braucht nicht möglichst viele Quadratmeter, sondern gut brauchbare und möblierbare Quadratmeter. So wenig Fläche pro Person wie möglich, aber so viel wie nötig: Dieses Prinzip bedingt intensive Grundrissarbeit. Türen und Fenster müssen so platziert sein, dass ein Zimmer gut möblierbar bleibt.
Stichwort «Tscharnergut»: Wie baut man neben einem so starken Stück Architekturgeschichte?
Mit grossem Respekt. Das Zentrum Bethlehem ist keine architektonische Fortsetzung des Tscharnerguts. Trotzdem: Meine Erfahrung im Umgang mit dem Tscharnergut schwingt selbstverständlich mit.
Für viele Menschen ist das heutige Zentrum Bethlehem vor allem ihr Einkaufsort. Was verändert sich für sie?
Das Einkaufen soll noch attraktiver werden. Obwohl das Ladenzentrum im Sous-Parterre angelegt ist, wird es gut belichtet, einladend und gut zugänglich sein. Und das Einkaufszentrum wird auch Aufenthaltsmöglichkeiten bieten – denn es soll weiterhin ein Quartier-Treffpunkt mit einem Gastronomieangebot bleiben. Wir legen grossen Wert auf Vertrautes und Erinnerungen. Das heutige Einkaufszentrum gefällt optisch vielleicht nicht allen – aber darin liegt gar nicht der entscheidende Punkt. Das Zen-trum ist für viele Menschen ein Ort der täglichen Begegnung – sie sitzen draussen und trinken einen Kaffee. Es geht nicht um Ästhetik, es geht um Identität, um Gewohnheiten und Gemeinschaft für die Menschen von Bethlehem. Deshalb werden wir auch die bestehenden Beschriftungstürme mit dem aufgesetzten Stern von Bethlehem erhalten.
Was war die grösste Herausforderung?
Die Anlieferung des Einkaufszentrums, die naturgemäss mit Verkehr, Lärm, Emissionen und grossen Fahrzeugen verbunden ist. Dieser Punkt bereitete Kopfzerbrechen, da wir dafür nicht den wertvollen Freiraum opfern wollten. Wir kamen zum Schluss, diese notwendige Logistik unterirdisch anzuordnen.
Was ändert sich?
Es wird anders. Das Einkaufszentrum verschwindet nicht, sondern wird neu gebaut. Dazu kommen weitere Nutzungen, Frei- und Grünräume, ein Begegnungs- und ein Spielplatz, Gemeinschaftsräume, Gartenpavillons, voraussichtlich eine Kita. Die im Quartier etablierte BAND-Genossenschaft zieht ein und bietet hier wertvolle Arbeitsplätze an.
Was müsste passieren, damit Sie sagen: Das Zentrum Bethlehem ist gelungen?
Wenn sich die Bewohnenden wohlfühlen, wenn sie gerne dort wohnen, arbeiten, einkaufen und verweilen. Was simpel klingt, ist vielschichtig. Denn wenn der Ort eine Identität bekommen hat und zu einer Art Heimat geworden ist und die Menschen nicht bloss heimkommen und die Wohnungstür hinter sich schliessen, sondern sich den Ort aneignen, ist viel erreicht. Und besonders schön wäre es, wenn die Bewohnenden das Zentrum mit Ideen weiterentwickeln, an die wir selbst gar nicht gedacht haben.