Theatersolo von Marco Michel im Tojo

Die Wirklichkeit ist nicht alles

Marc de Roche
Chlöisu in seinem Element, am leicht verstimmten Klavier im Mahagony, rechts der Bassist Adriano Tosetto. Das Bild entstand Anfang der 60er-Jahre. |

Foto: zvg

Einfach erklärt

Der Schauspieler Marco Michel bringt die Geschichte von Chlöisu Friedli, einem Berner Musiker, auf die Bühne. Dieser vermischte seine berndeutschen Texte auf einzigartige Weise mit Blues-Musik.

«Ich verbringe den Tag, als ob ich in einem Buch blätterte, ohne es eigentlich lesen zu wollen.» Das Zitat stammt nicht von einem Philosophen, sondern vom Musiker Chlöisu Friedli, der in Bethlehem aufgewachsen ist. Wer sich noch an ihn erinnert, staunt. Friedli wäre jetzt nämlich 75 Jahre alt.

Der Soloabend «CHLÖISU – Die Wirklichkeit ist nicht alles» erzählt vom Leben des Berner Musikers Chlöisu Friedli (1949-1981), einem Pianisten, der in den 1970er-Jahren dem Blues Berndeutsch beigebracht hat. Die Lieder auf seinem Album «Wohäre geisch?» (1982) sind bis heute unvergessen: lakonisch originelle Beobachtungen aus der Zeit seiner Aufenthalte in der Psychiatrischen Klinik Waldau. Oder wenn er als Sinnbild für gesellschaftliche Zwänge ausrechnet, wie oft einem von einer Ampel gesagt wird, ob man eine Strasse nun überqueren dürfe oder nicht.

Neben seiner ausgeprägten Lebenslust und seiner Leidenschaft für die Musik war Chlöisus Leben auch immer wieder gezeichnet von Krisen und langen Klinikaufenthalten. Trotz oder gerade deshalb hat er seinen ganz eigenen, unverkennbaren Musikstil entwickelt.

Die Geschichte eines Gratwanderers, der nach und nach an den Rand gespült wurde, zeichnet der Schauspieler Marco Michel respektvoll nach. Basierend auf umfangreichen Recherchen und zahlreichen Interviews mit Friedlis Angehörigen und Weggefährten, akzentuiert «CHLÖISU» ausgewählte Lebensbereiche und – abschnitte und setzt diese miteinander in Bezug. Wie Friedli selbst hinterfragt auch die Inszenierung immer wieder den Realitätsbegriff und dekonstruiert ihn auf verschiedene Weisen. So finden sich Protagonist und Publikum gleichermassen in der Situation, die Fantasie als zentralen Bestandteil für die Konstruktion von Wirklichkeit zu begreifen – nicht als ihr Gegenteil oder gar ihre Grenze.

Marco Michel erzählt und lebt auf der Bühne die Geschichte des Berner Blues-Pianisten Chlöisu Friedli. Mit viel Live-Musik, einem sich ständig wandelnden Bühnenbild und einer narrativen Struktur, die an ein Vexierspiel erinnert, wird Friedli als aussergewöhnlicher Künstler gewürdigt. Gleichzeitig bietet seine Geschichte die Ausgangslage für die Erforschung der menschlichen Psyche und der Konstruktion von Wirklichkeit. Wie Friedli, so verliert auch das Publikum manchmal den Boden und muss neuen Halt suchen. Denn offenbar ist die Wirklichkeit nicht so verlässlich, wie sie scheint – und die Fantasie zentraler Bestandteil ihrer Erschaffung. Das Stück feiert am 19. September 2024 im Tojo Theater Reithalle Bern Premiere. Sehenswert.

Zur Person: Marco Michel

hat an der Hochschule für Musik und Theater in München Schauspiel studiert. Seit seinem Diplom steht er als freischaffender Schauspieler für internationale Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera und arbeitet für Stadttheater und freie Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. Neben einer Zusammenarbeit mit Regie-Koryphäe Robert Wilson führten ihn Engagements und Gastauftritte auch nach Italien, China und in die USA.

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