Das IVI im Kampf gegen neu auftretende Tierkrankheiten

Blutsaugende Reisende mit gefährlichem Gepäck

Salome Guida
Von Salome Guida - Redaktorin
Eine Gnitze beim Blutmahl. Überträgt sie Viren, kann Jakub Kubacki dies im Labor nachweisen.

Foto: zvg

Einfach erklärt
Gnitzen sind kleine Mücken. Sie können Krankheiten übertragen. Zum Beispiel die Blauzungenkrankheit. Diese Tierseuche betrifft vor allem Schafe und Rinder. Die Schweiz ist auf einen möglichen Ausbruch vorbereitet.
Mücken sind mühsam und ihre Stiche jucken. Doch manchmal bringen Vertreterinnen ihrer Familie beim Stechen noch ungeliebtere Gäste mit: Krankheitserreger. In Europa nehmen auf diese Art Fälle der Tierseuche «Blauzungenkrankheit» zu, die aktuell vor allem Schafe betrifft. Das Institut für Virologie und Immunologie ist auf einen möglichen Ausbruch vorbereitet.

Eigentlich bewegen sich die nur 0,5 bis 3 mm kleinen Gnitzen nicht weit von ihrer Brutstätte entfernt. Mancherorts, etwa im Kakaoanbau, sind sie sogar unentbehrliche Bestäuberinnen. Doch die winzigen Stechmücken haben es in sich. Buchstäblich: Sie gehören zu den gefürchtetsten Überträgerinnen von Tierseuchen wie der Blauzungenkrankheit. War sie jahrhundertelang hauptsächlich in Regionen Afrikas und Asiens heimisch, ist sie schon lange auch im Mittelmeerraum anzutreffen. Und, dem immer wärmer werdenden Klima sei Dank, seit einigen Jahren auch in unseren Breitengraden. Denn der Wind trägt sie über weite Distanzen mit sich mit; manchmal sind Lastwagen oder Autos die Transporteure. Wie Mückenfallen belegen, haben die Gnitzen auch in der Schweiz erfolgreich überwintert.

50000 tote Schafe 

Das alarmiert Behörden und Tierhaltende gleichermassen. Denn die hauptsächlich von Gnitzen übertragene Blauzungenkrankheit (Bluetongue-Virus BTV) kommt zwar in Europa seit über zwanzig Jahren vor, aber, auch dank einer Impfung, war die Lage in der Schweiz und in den umliegenden Ländern eher ruhig. Doch nun ist ein neuer Serotyp des auslösenden Orbivirus aufgetreten. «Seit dem Auftreten von BTV-3 in den Niederlanden sind dort letzten Herbst innert wenigen Monaten bereits 50’000 Schafe der Krankheit erlegen», erzählt Jakub Kubacki. Der Tierarzt und Virologe ist Experte auf dem Gebiet. Am Eidgenössischen Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern, das mit hochansteckenden viralen Tierseuchen und Zoonosen arbeitet, verantwortet er seit Anfang 2023 den Diagnostikbereich «Vektorübertragene Tierseuchen». 

Reisende mit Gepäck

In der Biologie sind Vektoren Lebewesen, die Krankheitserreger von einem Tier oder Menschen zu einem anderen übertragen. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen; «vector» bedeutet «Reisender» oder «Träger». Auf die Gnitzen treffen beide Beschreibungen zu. Sie reisen gern von Mensch zu Mensch oder eben von Tier zu Tier, um Blut für ihren Nachwuchs zu sammeln. Bei dieser Nahrungsaufnahme gelangen Erreger in sie und später auch aus ihnen hinaus. Bereits haben die reisenden Blutsaugerinnen aus den Niederlanden ihr Gepäck immer weiter östlich abgeladen; erste BTV-3-Fälle sind in Deutschland aufgetreten. Darum hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV im Mai zur erhöhten Aufmerksamkeit aufgerufen.

Gewappnet für den Krisenfall

Dies betrifft Kubacki und sein Team: Jeden Monat untersuchen sie zwischen 250 bis 300 Blutproben von Schafen, Ziegen oder Rindern auf Viren oder Antikörper. «Den letzten positiven Fall, das war der Serotyp BTV-8, hatten wir Ende 2020», so der Virologe. Dennoch sind sie wachsam, denn Erreger und ihre Trägerinnen kennen bekanntlich keine Landesgrenzen. Für den Fall eines Ausbruchs ist das IVI-Team gewappnet: «Wird ein Tier positiv getestet, testen wir sofort den ganzen Betrieb. Dank Extraktionen mit Robotern und einem Krisenmanagement mit Schichtbetrieb wären wir in der Lage, pro Woche bis zu 6000 Proben auszuwerten.» 

Wirtschaftliche Schäden 

Jeder Tag sieht für Kubacki und seine Mitarbeitenden anders aus. Die von Tierärzten aus der ganzen Schweiz eingesandten Proben zu testen ist ein Teil ihrer Arbeit. Daneben entwickeln sie neue Diagnostikmethoden, bereiten Ringversuche für andere Labore vor, betreiben Forschung oder analysieren Daten. Zu den vektor-übertragenen Tierseuchen gehören nebst BTV noch knapp zehn weitere, darunter die Afrikanische Pferdepest, das West-Nil-Fieber oder die Japanische Enzephalitis. Im Gegensatz zu Tierseuchen wie der Vogelgrippe oder der Maul- und Klauenseuche, breiten sie sich nicht direkt von Tier zu Tier aus, sondern etwa durch Aerosole. Ist der Erreger auf seinen fliegenden Lieferdienst angewiesen, dauert es etwas länger, bis sich die Krankheit ausbreitet. «Denn die Gnitzen sind nach dem Stich eines kranken Tieres erst nach drei bis sieben Tagen infiziert», erklärt Kubacki, «und sie bleiben es ein Leben lang.» So muss man wachsam sein: Nebst dem Leiden der kranken Tiere und dem finanziellen Schaden für die Tierhaltenden kann die Wirtschaft einer ganzen Branche von einer Tierseuche betroffen sein. Etwa durch Einschränkungen im internationalen Handel von Tieren und tierischen Produkten.

In der Schweiz informiert das IVI bei einem positiven Fall das BLV, welches schliesslich über Massnahmen entscheidet. Mitte Juli, nachdem mehr als drei Jahre lang kein Fall der Blauzungenkrankheit aufgetreten war, hob das BLV seine Verordnung über Massnahmen zur Verhinderung der BTV-Ausbreitung auf. Die EU-Anerkennung und damit der internationale Freistatus ist beantragt, denn die Schweiz gilt aktuell zusammen mit Österreich und Osteuropa als BTV-frei. Sollte ein neuer Blauzungenfall auftreten, wird es Jakub Kubacki als einer der allerersten wissen. Und mit seinem Team gut vorbereitet auf Krisenmodus umschalten, um tausende von Blutproben auf das Gnitzengepäck zu untersuchen.

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