Neues Tool für altes Anliegen

Julie Schulhofer
Einkäufe gut planen, Abfälle vermeiden: ein gutes Rezept.

Foto: getty-images

Einfach erklärt
Pro Jahr und Person werden rund 30 Einkaufstaschen mit Lebensmitteln verschwendet. Dieser Food Waste muss nicht sein: Die UNO will die Lebensmittelverluste bis 2030 halbieren. Dieses Ziel ist noch nicht erreicht. Das Projekt «Aufgabeln!» motiviert dazu, Reste zu brauchen, statt sie einfach wegzuwerfen.
Mitte September fand die Nationale Woche gegen Food Waste statt. In diesem Zusammenhang wurde das Projekt «Aufgabeln!» von catta lanciert. Dafür entwickelte das Unternehmen eine App, mit der privater Lebensmittelverlust erfasst werden kann. Die Ergebnisse der Messperiode werden im November in vier Städten öffentlich präsentiert.

Essen, das nicht auf dem Teller landet und stattdessen entsorgt wird, gilt als Food Waste. Laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) fallen in der Schweiz jährlich 2,8 Mio. Tonnen Lebensmittelabfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Das entspricht rund 330 Kilogramm pro Person oder etwa 30 bis 40 gut gefüllten Einkaufstaschen.

«Aufgabeln!»

Das Projekt «Aufgabeln!» will aufzeigen, wie viele Lebensmittel in privaten Haushalten verlorengehen. Erfasst wird nicht nur, welche Lebensmittel in welchen Mengen entsorgt werden, sondern auch, weshalb sie im Abfall landen. Aus den Angaben lässt sich zudem ein Geldwert berechnen, der den Teilnehmenden vor Augen führt, wie viel Geld so in die Tonne wandert.

Während drei Wochen im September konnten Daten erfasst werden, um den Food Waste im eigenen Haushalt zu messen. Dafür wirkte die catta GmbH an der Entwicklung einer App mit, über die die Lebensmittelverluste dokumentiert werden konnten. Die Firma aus Aarau ist ein Unternehmen für Wissenschaftskommunikation und Bürgerwissenschaft. Die Erkenntnisse aus der Messphase sollen die Sensibilität im Umgang mit Lebensmitteln erhöhen und Hinweise liefern, wie sich Lebensmittelabfälle reduzieren lassen.

600 Haushalte machen mit

Konkrete Daten aus Privathaushalten gibt es bislang nur wenige. Bisher dienen vor allem Kehrichtsackanalysen als Grundlage; diese sind jedoch deutlich weniger präzise. Bei der catta GmbH leitet Anna Hofmann das Projekt. Sie berichtet, dass rund 600 Haushalte an der Erhebung teilgenommen haben. Aus der Stadt Bern haben sich etwa 150 Personen in der App registriert.

Die eingegebenen Daten werden anonym ausgewertet und dienen als Informationsgrundlage. Erfasst werden ausschliesslich Lebensmittelabfälle, die im eigenen Haushalt entstehen. Lebensmittel, die im Büro oder unterwegs entsorgt werden, fliessen nicht in die Datenerhebung ein. Nicht alle Lebensmittelreste gelten dabei als Food Waste. Bananenschalen werden beispielsweise nicht mitgezählt, da sie üblicherweise nicht essbar sind. Anders verhält es sich bei Apfel- oder Karottenschalen, die grundsätzlich konsumiert werden könnten und deshalb als vermeidbarer Lebensmittelverlust gelten.

Geld wird mitverschwendet

Eine Teilnehmerin aus Bethlehem berichtet, dass sie die App während der gesamten Messphase genutzt hat. Bereits seit Jahren achte sie darauf, möglichst wenig Lebensmittel wegzuwerfen. Entsprechend habe sie viele Tage ohne Food Waste verzeichnet und dies ebenfalls in der App festgehalten. Vereinzelt sei es jedoch vorgekommen, dass Früchte aus ihrem Obstabo bereits verdorben angekommen seien oder sie Eier mit abgelaufenem Datum im Kühlschrank entdeckt und daher weggeworfen habe.

Grundsätzlich zieht sie eine positive Bilanz, sieht aber auch Verbesserungspotenzial. So würden beispielsweise keine Umweltbelastungspunkte berechnet, wenn eine fertig zubereitete Mahlzeit aus dem Tiefkühler entsorgt werde. Die Lebensmittel müssten einzeln erfasst werden, ganze Gerichte seien in der App bisher nicht vorgesehen. Gleichzeitig habe die Anwendung interessante Einsichten vermittelt. Besonders eindrücklich sei für sie gewesen, wie viel Geld durch weggeworfene Lebensmittel verlorengehe. Bestätigt habe sich auch ihr Eindruck, dass sie beim Planen der Einkäufe und beim Verwerten von Lebensmitteln bereits sehr sorgfältig vorgeht.

Noch viel Potenzial in den Haushalten

Der nationale Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung des Bundesrats aus dem Jahr 2022 setzt das UNO-Ziel um, die vermeidbaren Lebensmittelverluste bis 2030 gegenüber 2017 zu halbieren. Bislang konnten die Verluste jedoch erst um rund fünf Prozent reduziert werden. Das Zwischenziel für das Jahr 2025 sah eine Reduktion um 25 % vor.

Der Zwischenbericht zeige, dass insbesondere auf Haushaltsebene weiterhin grosser Handlungsbedarf bestehe, sagt Anna Hofmann. Das Projekt «Aufgabeln!» solle dazu beitragen, Wissenslücken zu schliessen und belastbare Daten zu gewinnen.

Die Resultate der Messungen werden an vier öffentlichen Schlussveranstaltungen in Bern, Aarau, Zürich und Basel vorgestellt. Sie dürften auch für Bethlehem interessant sein. Neben der Präsentation der Ergebnisse bieten die Veranstaltungen auch Raum für Diskussionen rund um  Lebensmittelverschwendung. Ab Dezember werden die Resultate auf der Website des Projekts veröffentlicht sein.

Mit Food Waste wird auch Geld vernichtet

Fast 3 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle werden in der Schweiz Jahr für Jahr verursacht. Zu viel, so der Grundtenor. In der genannten Zahl sind etwa auch Bio-Abfälle wie Apfel- oder Rüeblischalen enthalten, die an und für sich weiterverwendet werden könnten.

Mit einer von der catta GmbH entwickelten App wird Food Waste bezifferbar, etwa auf der Ebene von einzelnen Haushalten. Damit wird auch sichtbar, wie viel Geld mit den Abfällen aus Küche und Speisezimmer verlorengeht.

Die Catta GmbH mit Sitz in Aarau will Forschung verständlich machen. Komplexe Themen sollen mit Humor, Alltagsnähe und Kreativität veranschaulicht werden. Die Resultate dieser Untersuchung sollen demnächst vorgestellt werden.

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